Matthias Brockmann     -

Die aktuellen Bücher

Max - eine Biografie
November 2018
als eBook  6,99 €, als Taschenbuch  8,55 €

Der Erzähler Lutz ist mit dem um 30 Jahre älteren Max seit Jahren befreundet. Jil, die Frau von Lutz, war viele Jahre die Stellvertreterin von Max und übernahm nach dessen Pensionierung die Leitung des Hochbauamts in Frankfurt.            Max schlägt Lutz, Autor eines Buches und freier Mitarbeiter einer Regionalzeitung, bei einer gemeinsamen Golfrunde vor, die Lebensgeschichte von ihm, Max, aufzuschreiben. Er würde 1oo € pro Seite bezahlen.
 
Es wird in einer Art Zeitreise die Kindheit und die Jugend von Max und dessen Eltern in den letzten Kriegsjahren, in den Wirren der Nachkriegszeit, der Aufbauphase in der Bundesrepublik, der Wirtschaftswunderzeit bis hin in die frühen 70er Jahre mit den Studentenprotesten geschildert. In Einschüben schildert Lutz die eigenen Gedanken und Gefühle.
 
Es geht über in die „wilden“ Jahre von Max um 1968, die aber doch nicht so wild für Max waren. Studium und sein „Marsch“ durch die Institutionen waren normal und angepasst. Zwischenzeitlich trifft Lutz seinen Studienkollegen Fred Zorn, Redakteur der Regionalzeitung. Er bemerkt nicht, dass Fred ihn über Max aushorcht. Erst als der Artikel über Max und dem Verdacht der Bestechlichkeit und dem angedeuteten Verhältnis von Max zu Jil erscheint, wird er es gewahr, ist irritiert. Doch Max setzte seine Verbindungen ein, zwingt so die Zeitung zum Widerruf, so wird der Konflikt schnell gelöst. Dabei erfährt Lutz erfährt, dass Jil die uneheliche Tochter von Max ist. Bei einer gemeinsamen Trekkingreise im Süden Patagoniens entstehen wieder freundschaftliche Beziehungen zu Max und auch die Beziehung zu Jil normalisiert sich. Am Ende dieses Teils stirb Magda, die Frau von Max, nach einer schönen gemeinsamen Reise. 
 
In jedem Ende liegt auch ein neuer Anfang So wie bei Max, der Doro kennen lernt. Die beiden über 70 jährigen verlieben sich ineinander und beginnen gemeinsam die große Reise in das Land der Liebe.


Mela - oder das zweite Leben der Melanie Knie
November 2018
überarbeitete 2. Auflage als eBook  7,99 €

Melanie Knie, genannt Miniknie, passiv, angepasst und abhängig, verändert sich durch den Tod ihres Professors und anderen daraus resultierenden Ereignissen zu einer aktiven, selbstbewussten, Freude am Kunstbetrug habenden Frau mit Kosenamen Mela.
Seit sechs Jahren wohnt Miniknie (33), Kunsthistorikerin, bei ihrem Professor (66). Einen Tag vor der jährlichen Urlaubsreise mit ihm in dessen Haus bei Lucca/Toskana, stirb er beim Mittagsschlaf eines natürlichen Todes. Miniknie, sich bewusst, dass sich damit ihr bisheriges Leben umwerfend verschlechtern wird, beschließt, den Professor im Garten zu vergraben und alleine die Reise anzutreten.
Am Haus in der Toskana trifft sie auf Dottore Ugo Longo (66), Jurist und Notar, der sich nach dem Professor erkundigt. Zug um Zug erfährt Miniknie, dass Lord Bingham (86), der Dottore und der Professor die Idee zu einem, sie in ihren alten Lebenstagen erheiterndem Spiel, einem Kunstbetrug, hatten, sich dazu einen Renaissancemaler Buoso Donati ausdachten, eine Stiftung Buoso Donati gründeten, entsprechende Bilder (genau 21) durch den Maler Bernardo Moro herstellen ließen und sie nun für sehr viel Geld verkaufen. 
Die drei alten Herren, Freunde und homosexuell, haben sich Anna, Enkelin des Lords, Michele, Neffe des Dottore und eben Miniknie als ihre Nachfolger im Vorstand der Stiftung ausgedacht. So wird aus der unsicheren Miniknie die selbstbewusste Mela. Und am Ende steht in einem Farbenrausch der Beginn einer Liebe.
 
Einundzwanzig Renaissancegemälde. Kunstbetrug als Spiel alter Männer. Die doppelte Diagnose Herzversagen lässt die Lage ernsthaft werden.
Erotische Momente verdichten sich beim Zusammentreffen zweier junger Frauen. Sich gegenseitig verführen im Swimmingpool. Erregende Blicke auf body-painting und Akt-Model.
Meisterhaft und spannend führt Brockmanms Roman hinter die Masken bürgerlichen Daseins.
Michael Meinicke


Schrille Farbe GRAU
November 2018
als eBook  4,99 €, als Taschenbuch  8,55 €

Otto Krüger wurde in Hansens Bett erschossen aufgefunden. Hans Hansen wird der Tat verdächtigt und wurde verhaftet. Als Begründung wird Eifersucht angegeben, Hansens Frau Reinhild hatte viele Jahre lang ein Verhältnis mit Krüger, außerdem hat Hansen kein Alibi für die Tatzeit. Seine Einlassung, dass dieses Verhältnis seit Jahren öffentlich bekannt war, auch ihm und er Tatzeit auf seiner Segeljacht wäre, entkräftet die Vorwürfe nicht. Dass er selber seit Jahren ein Verhältnis mit Ingrid, Krügers Frau, hat, verschweigt er geflissentlich.
 
Reinhild Hansen-Bölkow und der Verlagsleiter Plötz, mit dem sie, seit sie in Göttingen als Chefredakteurin für den Mantelteil der 14 Regionalzeitungen des Verlags verantwortlich ist, schicken den Volontär Gunther Labude-Mueler, mit einem Vertrag als festangestellten Redakteur ausgestattet, nach Lübeck, um nach dem Rechten zu sehen. Zum Einen haben die Lübecker Nachrichten nach der Entlassung von Krüger und der Inhaftierung von Hansen nur noch einen Redakteur, zum Anderen will Plötz über die Vorgänge genauestens informiert werden.
 
Gunther Labude-Mueler, stolz so aufgewertet zu sein, trifft dort auf Arthur und Uwe Boltenhagen, beste Freunde von Hansen, die ihn für unschuldig halten. Allerdings verstehen sie nicht, warum Hansen Krüger, der nach seiner Entlassung dem Alkohol verfiel, in sein Haus aufnahm. Vom Verhältnis von Hansen zu Krügers Frau Ingrid, wissen sie nichts.
 
Gunther versucht zu recherchieren, blickt aber durch das Beziehungsgeflecht nicht durch. Zu unbekannt für ihn, zu verschieden die Personen mit ihren unterschiedlichen Charakteren. Erst als Arthur erwähnt, dass er das Auto von Reinhild in der Tatnacht gesehen hat, Uwe Boltenhagen, ehemals beim Landeskriminalamt in Kiel beschäftigt, sein Wissen und seine Verbindungen nutzt, um Hansens Unschuld zu beweisen, löst sich der Fall.
 
In diesem Roman geht es weniger um die Tat und die Lösung des Falls, als vielmehr um das Aufzeigen der sehr unterschiedlichen Charaktere und der vielen Beziehungsgeflechte der handelnden Personen.
 

Levanders Blumen
29 Erzählungen und Kurzgeschichten 
Morlant-Verlag, Karben, 2015, 209 Seiten, Preis 12,90 €

Levanders Blumen ... und weitere Geschichten. Der Leser fühlt sich unmittelbar an die Figur des traditionellen Geschichtenerzählers erinnert, der seinen Hörern mit tiefster Emotionalität von dem Handeln seiner Helden erzählt. Helden - wer sind die Helden in einem heutigen Zeitalter von Identitätsverlust und Konformität, gibt es sie überhaupt noch, darf es sie überhaupt noch geben?
Brockmann gibt liebevolle Antworten in 29 Geschichten. Menschen werden darin zu lebendigen Figuren, zu erzählenswerten Bildern, die ihre individuellen Stärken und Schwächen leben, sich selbst entdecken und sich mit ihren Schwächen, die vielleicht sogar öfters ihre Stärken sind, entwickeln. Die Grenzen gesellschaftlicher Normierung werden dabei umgangen, jedoch lässt Brockmann seine Figuren niemals in offene Rebellion verfallen.
 
Der Handwerker Hüppenspahn verstrickt sich für den Rest seines Lebens in ein alkohol-erotisches Verhältnis mit der Hausbesitzerin Meiersohn. Der halbfertig studierte Ingenieur Hans Martin flieht vor der so lange erhofften Auszeichnung für seine Erfindung und einem Berg von Geld. Die Schwestern, die in der Abneigung gegen die Männer ihre Liebe zueinander entdecken. Viele andere Figuren mit Eigenarten und Besonderheiten, selbst der entmachtete Politiker AKM bleibt eine verständliche Person. Fast immer spielt die offen skizzierte Sexualität der Erzählfiguren eine besondere, aber doch ständig andere, weil individuelle Rolle - Befreiung, Unterdrückung und Abhängigkeit, Lust, Zuneigung, Neugierde, Herrschaft und vieles mehr.
 
Kein Buch von Außenseitern, kein Buch von extravaganten Besonderheiten, vielmehr das Buch von sehr alltäglichen Helden, die in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Realität versuchen, ihre kleinen Identitäten zu erhalten. So gibt es kein positiv, kein negativ, kein richtig und auch kein falsch. Die Erzählungen sind nichts anderes als die Liebeserklärungen des Autors an die kleinen Individualitäten unserer Gesellschaft. Und die sind ein wichtiger Trost in unserer täglichen Normierung. Gut, dass wir sie haben, unsere Geschichtenerzähler.
Michael Meinicke



Wer zuletzt locht, locht am besten 

Geschichten, die der Golfplatz schrieb.
Kosmos Verlag, Stuttgart 2010, geb., 
144 Seiten mit 10 Illustrationen, 
auch als ebook 

2.Auflage, Preis 9,99 €

(Wenn Sie auf das Buch klicken, dann kommen Sie auf die Verlagsseite) 

Platzhelden - wahre Geschichten eines Golfers
Ein wunderbares Geschenk für Golfer und Nichtgolfer

Golf ist eigentlich ein ganz einfaches Spiel. In entspannter Umgebung und mit klaren Regeln. Aber es gehen merkwürdige Dinge auf dem Golfplatz vor sich. Von Eagle, Birdies und Doglegs ist die Rede - erobern sich Tiere den Golfplatz zurück? Dort liegt ein Golfer tot am Stock - warum ruft niemand die Polizei? Und alle wollen nur das eine: weniger netto - haben Golfer ihre soziale Ader entdeckt?
Was für jeden Nichtgolfer merkwürdig klingt, ist für Golfer der ganz normale Wahnsinn des Golfalltags. Achtzehn Bahnen mit Höhen und Tiefen. Wer sich besser durchschlägt, wird gewinnen. Denn: Wer zuletzt locht, locht am besten!

Jeder Golfer erzählt gern Geschichten und Anekdoten oder berichtet von seinen "Heldentaten" auf dem Platz. Und was gibt es Schöneres, wenn man sich mit, aber vor allem über die Leidensgenossen amüsieren kann!
In 18 Kapiteln, mit Augenzwinkern und sanfter Ironie, erzählt Autor Matthias Brockmann, wie er vom Virus Golf gepackt wurde und was er auf den Plätzen der Welt alles erlebt hat.
Für Golfer ein großes Vergnügen - für alle anderen eine nicht ganz ernst gemeinte "Warnung" vor diesem Sport! Rachel de Heuvel

"Wie wahr, wie wahr, die zum Schmunzeln anregenden Geschichten über die Platzhelden auf den Golfplätzen. Hier finden Frauen die karikierten Abbilder ihrer golfenden Männer wieder. Doch auch uns golfende Frauen beschreibt der Autor mit leichter Ironie, zugleich aber mit großer Sympathie. Ein humorvolles, dabei durchaus intelligent geschriebenes Buch."   
Karin Bolay im "Abschlag"
 
"Sehr vergnügliche Geschichten aus dem (leider) wahren Leben der Golfer. Ein herrlicher Lesegenuss. So erbaulich wie eine Golfrunde bei herrlichstem Wetter und alle Löcher Par oder besser gespielt."
Dieter Ringwald, Spielführer Golfplatz Altenstadt
 
Leseprobe aus "Wer zuletzt locht, locht am besten":

Über Männer und alte Männer ... Ein kurzer Textauszug
 
Die meisten Männer beim Golfen sind nett und zuvorkommend, die älteren dazu auch noch charmant. Und die wenigen „Esel“ (stehen sie schon auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Wesen?) sind wie das Salz in der Suppe. Ohne Salz gäbe es keinen Geschmack und ohne „Esel“ keine Geschichten zu erzählen. So ein „alter Mann“, ich schätzte ihn auf Ende zwanzig, spielte alleine vor uns, einem Vierer-Flight. Schon nach wenigen Bahnen hatten wir ihn eingeholt und standen nun in abwartender Entfernung beim Abschlag. Er teete seinen Ball auf, ging zurück zum Bag, griff sich den Driver und vollführte drei oder vier Probeschwünge. Dann suchte er den richtigen Stand, schaute zum Fairway, wieder zum Ball. Richtete sich aus und verharrte. Die Sekunden wurden zu Minuten, uns zu Stunden. Die erfahrenen Golfer kennen das, können stundenlang von solchen Situationen berichten. Doch dann bewegte sich der Mann. Langsam setzte er zum Rückschwung an und … Abbruch. Irgendetwas hatte ihn wohl irritiert. So verstrichen weitere Minuten bis sein Ball links und im Rough vor dem Damenabschlag landete. Das war ihm wohl peinlich, also nahm er einen neuen Ball. Wir protestierten, sprachen von zügigem Spiel. Er drehte sich um, sein Blick versuchte uns zu töten. „Sie haben keine Etikette!“ Sein Ton war eisig. Wir lachten. Das muss ihn sehr getroffen haben. Murmelte etwas von „er würde sich über uns beschweren“ und ging zu seinem gespielten Ball, hob ihn auf und ging querbeet zurück zum Clubhaus. Das „Danke“ verkniffen wir uns. Hätte wohl gegen die Etikette verstoßen.   
 
Golfende Männer kann man durchaus mit Autotypen vergleichen. Da gibt es die dynamischen Sportwagen und Cabriolets, immer frisch und fröhlich. Die Masse bilden die solide Mittelklassetypen, sie funktioniert sehr zuverlässig. Wie Heinrich, Heinrich der Schreckliche. Abschlag und Fairwayschläge sind nicht sehr lang, doch immer auf dem Fairway. Und dann die kurzen Schläge aufs Grün. Schrecklich. Meist legt er den Ball tot an die Fahne. Und wenn mal nicht, dann kann er auch den Putt aus 4 Metern direkt einlochen. Er und drei Putts? Da müsste schon Ostern, Pfingsten und Weihnachten auf einen Tag fallen. Unmöglich. Schrecklich. Im Gegensatz zu ihm gibt es auch die Typen, die einem Formel 1 Auto gleichen, allerdings mit einem Fiat 500 Motor. Tolles Handicap und nichts dahinter. Angeber. Und es gibt die Par Typen. Paar Bälle dahin, paar Bälle woanders hin. Und natürlich die Strickmustertypen, ein links, ein rechts, ein fallen lassen.



Roman,
Der durchgelaufene Sand der Zeit
Shaker-Media, Aachen, 2009,
Roman, 176 Seiten, Preis 14,90 €


Hans Martin, ewiger Student, hat am Morgen Hanna Hansen, die Frau, mit der er gemeinsam den Hansenhof und eine monatliche Apanage geerbt, mit der er sieben Jahre auf dem schönen Anwesen gelebt hat, beigesetzt.
Die ungewohnte Stille des abgelegenen Hauses schmerzt. Sein Leben wird einsam werden, weiß er. Mit Rotwein und Kaminfeuerwärme kämpft er dagegen an. In dieser Nacht will er sich erinnern, danach auf den Dachboden gehen, sich erhängen. Oder doch lieber ein Fest veranstalten?

"Frisch aufgeworfen ist das Grab.  Am Rand in Trauerkleidung ein Mann. Er ist die zentrale Figur des Romans „Der durchgelaufene Sand der Zeit“. Dieser „Betroffene“ mit Namen Hans Martin führt uns, die Lesenden, durch ein Puppenheim bebildeter Emotionen. Das zersplitterte Kaleidoskop eines bürgerlichen Lebens. Die Blicke in diesem Guckkasten lassen Namen erkennen. Edith, Anke, Elke oder Hanna heißen sie. Diese Frauen dienen dem Sex, der ja das „wahre“ Leben bedeuten soll. Doch tatsächlich ist „jeden Tag die Waschmaschine in Betrieb“ und „im Fernsehen gibt es auch nichts Gescheites“. So verläuft der Alltag eines Menschen, der durch den Zufall einer Erbschaft zur Zeit keine finanziellen Sorgen hat.
Das ist das punktgenaue Abbild einer Mehrheit in unserer satten, bundesdeutschen Gesellschaft. Durchaus sind Querverweise auf die meisterhaften Darstellungen dieser Situation durch Koeppen, Böll oder Bachmann zu entdecken. Bei Brockmann sind die Zeiten allerdings gereifter, also fauler. Es gibt kein „Billard um halb zehn“, nein, es wird „am Kaffeetisch gefüßelt“, um später, nach dem „vorzüglichen“ Essen, die Karosserie des Wagens zu polieren. Wenn sich alle „genüsslich und ohne Hektik“ bedienen, so wird klar, dass damit nicht nur das kalte Büfett gemeint ist. Mann – bedient sich an allem vorhandenen. An den Frauen, natürlich – an den Dingen, selbstverständlich, aber auch an der masochistischen Lust, die sattes Gewissen erzeugt. Geschickt sind im Text Schleifen und Wendungen angelegt. Diese Fußangeln lassen uns nicht entkommen. Der Autor zwingt durch seinen Helden uns, die Bequemlichkeit des eigenen Nichtveränderns zu begreifen. Es sind die nahezu bekenntnishaften Aufschlüsse über das Selbstverständnis eines Bürgers der heutigen Zeit, die zum teils amüsant, teils schmerzlichen Nachdenken zwingen."
 
Michael Meinicke

Leseprobe aus "Der durchgelaufene Sand der Zeit":

Nun hat er sie begraben. Auf hartem Holz gebettet liegt sie unter schwerer brauner Erde. Noch im Mantel steht Hans Martin in der Küche, wärmt sich die Hände am Becher, schlürft gedankenverloren heißen Kaffee. Stille nebelt durchs Haus, kriecht in alle Räume, umhüllt die Geräusche. Schemenhaft gaukeln die Bilder des Morgens durch seine Erinnerung.
     Alles war weiß. Fein lag Schnee auf der Landschaft, gab dem Friedhof eine würdige Ruhe. Die aus rotem Backstein gemauerte Kirche mit dem dicken Trutzturm und kleinen Fenstern stand massiv - symbolisierte Zeitlosigkeit, ein Feste Burg ist unser Gott - beschützend bei den Gräbern in Ewigkeit, Amen. Die Wetterfahne - norddeutsch-protestantisch eine blecherne Hansekogge - drehte sich auf der Turmspitze im Kreis der stürmischen Böen. Seit Tagen herrschte eisiger Frost, fegten nach Salz schmeckende Nordweststürme von See her über das Land hinweg, trieben graue Wolken vor sich her. Die Totengräber hatten Mühe mit dem Ausheben der Grube. Der Pastor sprach über die Verstorbene, als sei die Zugezogene ihm seit Jahren eine Bekannte. Seine Worte vermischten sich mit den Nebelwolken seines Atems, wurden ihm vom Wind von den Lippen gerissen, fortgetragen und zerfetzt. Einer muss ja einige Worte verlieren, man kann sie doch nicht so einfach ins Grab schmeißen, hatte Hans überlegt, als er von Hannas Tod, mit dem er seit Tagen rechnete, erfuhr, hatte den Pastor gebeten. Nun sprach der schwarz Talarte mit frisch gestärkter weißer Kragenschleife, das Frösteln der Glieder, das Bibbern in der Stimme nur mühsam unterdrückend, sprach statt von Hanna Hansen von Heinz Petersen und dessen Frau Trude, geborene Hansen, sprach davon, dass sie nach langem und beschaulich-zufriedenem Leben in der Ferne ein nasses Grab gefunden hatten. Das Bedauern in der Stimme des Pastors fand Hans übertrieben. Heinz und Trude waren über achtzig gewesen. Hatten Krebs, wie ihm Notar Krahe bei der Testamentseröffnung mitgeteilt hat. Waren freiwillig aus dem Leben geschieden. Und nun, hob der Pastor bedeutsam an, tritt die Letzte dieses alten schleswiger Bauerngeschlechts der Hansens vor Gott. Er war doch auch noch da, protestierte Hans im Stillen, wohnte auch auf dem Hansenhof, diesem stattlichen Bauerngehöft, auf dem seit Jahrzehnten keine Hühner, Enten, Kühe, Schweine mehr lebten, das in der Wirtschaftswunderzeit zu einem prächtigen Wohngebäude umgebaut wurde. Aber er war ein Nachkomme der Petersen, nicht den Hansens zugehörig. Hans bewunderte die Genauigkeit der eigenen Betrachtung, sah auf den Sarg, betrachtete die Blumengebinde und Kränze. Seine Augen waren feucht, der scharfe, kalte Wind ließ sie tränen. Nach dieser Nacht wird er auch gehen. Trotzig dachte er es, während er an Hannas Grab stand, nickte sich zu, als ob er sich noch überzeugen, sich noch Mut machen müsste. Was soll er noch hier? Nur eine rhetorische Frage. Aber sentimental und gefährlich, fand er, wusste keine Antwort. Missmutig schüttelte er seinen Kopf, versuchte die Frage aus sich heraus zu werfen. Nicht mehr mit sich über solche Unnützigkeiten streiten, dachte er und dass er Hand an sich legen wird. Er streckte sich, um sich vom ungewohnten, ihn ermüdenden Stehen zu entspannen. Sah zum Pastor, sah ihm beim Reden zu. Der Pastor würde Gebote zitieren: Du sollst nicht töten, würde er mit vorwurfsvoller Stimme dröhnen, weder andere noch dich. Du sollst keine Hand an dich legen! Hans musste ein Kichern unterdrücken. Keine Hand an dich legen, ahmte er diese möglichen Worte nach, weder zum Töten noch zum Masturbieren. Immer noch sprach der Pastor routiniert Floskeln über die ihm fremde Verstorbene, der Atem bildete leere Comicblasen.















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