Matthias Brockmann     -


Pflastersteine  in der Uddens gränd
Talk in Assisi
Betrug
Levander
Wieder ein Geburtstag
Aufheber
Der Dreizehnte
Die Besuche der Katze
Katja und Beethoven
Nur ein leiser Schrei
Fremdheiten
Das Bild des Malers
Tanzen
Die Nacht der Puppen
...................................................................................................................................

Pflastersteine  in der Uddens gränd (Visby)
 
Ein Junge radelt über die Pflastersteine einer schmalen Gasse, pfeift dabei die INTERNATIONALE.
"Das ist sehr ungewöhnlich", sagt Stein zu Stein, Nachbarn seit mehr als zweihundert Jahren.
"Ja, zum letzten Mal vor Jahrzehnten gehört", die Antwort, "damals, als viele Stiefel unter roten Fahnen und Transparenten marschierten."
Wenn sie, die Steine, nicken könnten, sie würden sich jetzt nickend beipflichten.
"War damals was anderes als heute diese Treterei der Turnschuhe der Touristen", der eine.
"Tun nicht so weh", der andere, "aber tun trotzdem weh, diese Turnschuhtouristen."
"Ist auch nicht mehr so spannend wie früher", wieder der eine, der ein männlicher Stein ist.
"Wie meinst du das?", fragt der Stein, der ein weiblicher Stein ist.
"Na, die Blicke hoch in die Röcke waren schon interessant", er. "Schwein!" Entruestet sie.
"Jetzt tragen die ja alle Hosen, keine großartigen Einblicke mehr möglich", enttäuscht er.
"Geschieht dir recht", spöttelt sie.
"Früher", schwärmt der männliche Stein, "früher war das Dasein schöner."
"Ja, vor allem die Treterei der eisenbeschlagenen massigen Ackergäule und die Eisenreifen der schwerbeladenen Wagen", hämische Antwort der Steinin.
"Gut, manches ist im Laufe der Zeit besser geworden", da muß er ihr zustimmen, "die Gummireifen sind schon eine tolle Errungenschaft für uns."
"Und denk mal zurück", so die Steinin, dieser Gestank, "was sie uns alles zumuteten, der Kot, der Urin, die Exkremente der Tiere."
"Ja", gibt der Stein ihr recht, "ist schon viel angenehmer geworden, allerdings die Hunde... Und wenn sich einer über uns auskotzt..."
"Mit den Hunden, ja, das ist schlimm", so sie, "das andere, das Auskotzen hat aber abgenommen. Und denk doch mal daran", so noch immer sie mit einem schwärmerischen Ton, "wie sie uns fegen und bürsten, uns jeden Samstag waschen und ein tolles Make-up verpassen."
"Typisch für dich", so er, "daran mißt du die neue Zeit."
"Hast du gehört", so die Steinin, "einige Steine weiter soll es einen zerbrochen haben."
"Ja", der Stein, "war so ein Schwächling von Kalkstein. Das hat er nun davon, der Angeber, hat sich was darauf eingebildet, weiß zu sein."
"Und von hier zu sein", die Steinin, "ein Inländer, wie er immer wieder betonte."
"Als ob er was besseres wäre", der Stein.
"Nun ist er hin, der mit seinen vermeintlichen Privilegien, das hat er nun davon, dieser Weichling. Geschieht ihm recht, dem Stein, uns immer als Fremdkörper, als Ausländer, als Farbige zu bezeichnen. Dabei sind wir doch viel kräftiger."
"Halten viel mehr aus", so der schwarze Granit.
"Mich konnte er damit nicht ärgern", die Steinin mit Stolz, "ich bin eine Rotgranitin."
"Auch von drüben?" Interessiert fragt es der Stein.
"Ja, vom Festland", die Rotgranitin, "aus dem Norden."
"Ich komme auch vom Festland, aus dem Süden", der Schwarzgranit.
"Wird heute wieder heiß werden", der Schwarzgranit.
"Macht mir nichts aus, die Sonne", die Steinin.
"Vielleicht kommt ja das Mädchen von gestern wieder", der Stein. "Und schenkt uns ein bisschen von ihrem Eis. Vanille, war lecker. Nur warum das Mädchen so geschrien hat. Verstehst du das?"
Er, der Stein würde mit dem Kopf schütteln, wenn er könnte. So kann er seiner Nachbarin nur mit NEIN antworten. Auch hätte er sie gerne einmal wieder berührt, so wie vor zwei Jahrhunderten, als sie zufällig eine ganze Zeit lang aufeinander lagen. Nun aber, seit so vielen Jahrhunderten beieinander immer diese Trennung durch grobkörnigen Fugensand.
"Ja, wäre schön, mal wieder so beieinander aufeinander zu liegen", säufzt die Steinin.
"Schwarz und Rot, das paßt so gut", dichtet der Stein.
Und wenn sie nicht schon rot wäre, jetzt würde sie es, denkt die Steinin und ist ein bisschen verschämt und doch zufrieden. Der Schwarze ist schon ein toller Stein, denkt sie und daß sie großes Glück gehabt hat, damals, als sie nebeneinander gepflastert wurden. Es hätte auch anders kommen können.
 


Talk in Assisi
 
Es ist früher Nachmittag im Sommer. Die sengende Sonne läßt die Menschen in den Häusern bleiben. Nur wir Touristen schleppen uns stöhnend durch die Gassen der Stadt, gehen von Hausschatten zu Hausschatten, nehmen bewußt Umwege in Kauf.
Mein Hemd ist durchgeschwitzt, ich sehne mich nach Schatten, nach Kühle. Im Innern der Kirche, der Grabeskirche des heiligen Francesco von Assisi, hoffe ich sie zu finden. Noch liegt ein größeres Rasenstück in praller Sonne zwischen dem mächtigen Bau und mir. Soll ich, so kurz vor dem Ziel aufgeben und im Schatten eines Hauses verharren oder mit letzter Kraft dieses Hindernis nehmen? Ich meine, den gleichen stummen Aufschrei der mich umgebenden Touristen zu vernehmen, die, ebenso bildungshungrig wie ich, sich dem sommerlichen Tagesablauf der Einheimischen nicht anpassen wollen.
     Mit großer Anstrengung ziehe ich die mächtige Eichentür auf, spüre den kalten, mich erfrischenden Luftzug, der mir aus dem Kirchenschiff entgegenströmt. Nach dem gleißenden Licht nun die Dunkelheit der Kirche. Die Augen brauchen Momente der Anpassung.
Ich taste mich hinein, die Tür schließt knarrend. Auf einem Stuhl muß ich mich ausruhen, sauge die Kühle in mich hinein, damit sie auch von innen mich erfrischen kann. Vor meinen Augen beginnt alles zu verschwimmen, wird alles in ein tiefes Schwarz gezogen. Ich schließe die Augen, versuche mich von den Strapazen der Hitze zu erholen.
Aus dem inneren Schwarz erscheinen mir vier Gestalten, vier Männer, die sich stumm gegenüber stehen. Sehr auffällig gekleidet, wirken sie hier seltsam unpassend. Ich sitzte mit geschlossenen Augen ermattet auf einem Stuhl und sehe, wie ich mich, neugierig geworden, auf die Gruppe zubewege, angespannt, Schritt für Schritt. Ein Jäger, der sich dem Wild nähert und die fluchtauslösende Distanz nicht kennt. Alle meine Sinne sind darauf vorbereitet, bei einer Reaktion der Gestalten, meine Bewegung auf sie zu abstoppen zu können.
Mir fällt das Ziffernblatt einer großen Kirchturmuhr ein, das ich irgendwo in der Mittagshitze einer kleinen gesehen Stadt hatte. Die abblätternde, weiße Farbe, schwarze Striche an Stelle der Zahlen zwölf, drei, sechs und neun, die Zeiger fehlten. Die Striche standen sich in Ordnung gegenüber, waren, ohne Zeiger ohne Zusammenhang, bedeutungslos geworden. Relikte einer abgelaufenen Zeit.
Ich wage mich noch einen Schritt an die Zifferngestalten heran. Es kommt Bewegung in die Gruppe, ich stoppe ab, halte die Luft an. Mechanisch bewegen sie ihre Glieder, ohne von der Stelle zu gehen, Karussellpuppen einer Spieldose. Heiliger Franziskus, denke ich und höre aus dem Raum eine freundliche Stimme sagen: Nenne mich lieber, wie der dicke amerikanische Mönch da drüben, einfach brother Francis. Und ich höre eine andere Stimme, wütend, verächtlich Amerika sagen.
     Die vier Männer beachten mich nicht. Mutiger geworden, betrachte ich sie mir genauer. Durch ihre Kleidung fallen sie aus dem Rahmen. Wieder drängt sich das Ziffernblatt in meine Gedanken, und so gebe ich den Männern Ziffernnamen. Den Mann in der an mehreren Stellen geflickten Kutte aus grobem, verblichenem braunen Leinen taufe ich Zwölf. Ein einfacher Strick, mit dem man Ziegen oder Esel anbindet, hält die Kutte zusammen. Das Schuhwerk sind einriemige Sandalen an den nackten Füßen. Der Mann ist mittelgroß, sein Gesicht von der Sonne gegerbt. Eine Tonsur ist geschnitten und der Haarkranz, braunfarben und strähnig, verdeckt die Ohren, geht in einen lichten, einfachen Bart über. Er mag etwa Anfang vierzig sein. Die lange, scharfe Nase im ovalen Gesicht steht im krassen Gegensatz zu der Wärme der braunen Augen. Die schmalen Hände mit den langen, geraden Fingern wirken aristokratisch. Seine Haltung strahlt Selbstsicherheit und Ruhe aus.
Der Zwölf gegenüber steht die Sechs. Ein Mann gleicher Größe, ebenfalls sehr schlank. Sein Gesicht hat derbere, ältere Züge, die Haare fallen lang um sein Gesicht und bilden einen glatten Rahmen. Seine Augen wandern aufmerksam hin und her, doch ist das Gesicht der Zwölf der Anfangs- und Endpunkt der Wanderungen. Die Augen taxieren, fixieren, nehmen auf, saugen auf. Die Hände sind klein und fleischig, jedoch von großer Beweglichkeit. Sie bilden Gegensätze in sich. Der braune Tuchkittel und die enge Hose sind mit vielerlei Farbklecksen übersäht. Einfache Lederschuhe, schon alt und rissig, sind noch bunter, verraten nicht ihre Originalfarbe. Sein ganzer Körper ist in ständiger Bewegung, ohne dabei Unruhe zu verbreiten.
Der Mann in der Kutte ist für mich die Zwölf, und den Farbenmann taufe ich Sechs. Das ist klar und eindeutig für mich. Die Neun ist dicker und so vergebe ich sie an den kleinen, korpulenten Mann im blauen Uniformrock mit rotem Kragen und viel goldener Stickerei. Die weiße Hose spannt fast bis zum Platzen, die schwarzen Stiefel reichen mit ihren Stulpen über die Knie und glänzen. Das Haar ist kurz und nach vorne gekämmt und glatt gebürstet. Sein Gesicht ist herrisch oval, ohne weiteren Ausdruck.
Die Drei bekommt der Mann mit dem Federhut und der weißgrauen Bluse. Die Drei ist zugleich harmonisch mit den beiden Bögen und doch abbrechend anfangend mit den Spitzen. Sie ist zerrissen in der Ausstrahlung, wie dieser Mann, der ruhig und zugleich gewalttätig aussieht. Roheit und Eleganz in einer Person. Er ist mit einem kurzen Degen bewaffnet, mehr Symbol, erscheint mir, als tatsächliche Bedrohung. Die schwarzen Stiefel sind mit weißen Linien, Salzwasserlinien von der Berührung mit Meerwasser her, durchzogen. Der breitkrempige Hut soll schmücken und vor Sonne schützen. Er ist abgegriffen, die Straußenfeder ist schon etwas unordentlich, gelichtet, zerknittert. Das Haar des Mannes ist lang gelockt, schwarz, der Schnauzbart an den Enden nach oben gedreht, der Spitzbart verlängert das Gesicht.
»Er hat mich Zwölf getauft«, murmelt der Kuttenmann und blinzelt mir lächelnd zu.
Ich fühle heiße Röte über mein Gesicht ziehen. Nun schaut auch der Farbenmann auf mich, mustert mich anerkennend. »Er weiß richtig einzuschätzen, wichtig von unwichtig zu unterscheiden«, sagt er zur Zwölf. Die Neun und die Drei schütteln verächtlich ihre Köpfe.
»Zwölf«, murmelt der Kuttenmann, »zwölf Apostel.«
Hält nachdenklich inne, dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht.
»Zwölf, die größte Zahl des Ziffernblattes einer Uhr, die Zahl aus zwei grundsätzlich verschiedenen Ziffern. Zuerst die stolze Eins, dann die gebeugte, demütige Zwei. Wie mein Leben: Zuerst der stolze Kaufmannssohn, übermütig und herrisch, kriegerisch. Dann der geläuterte Anhänger Christi, Diener in seinem Namen.«
»Ich bin der Mittelpunkt, der Größte«, höre ich die Neun vorwurfsvoll und stolz sagen, seine Brust dabei aufblähend.
Die Sechs fängt an zu lachen.
»Ihr ganz bestimmt nicht.«
Mustert die Neun nochmals, bevor er weiter spricht: »Klein von Gestalt, mit kurzer weltlicher Macht. Snobistischer Kleingeist«, dann wütender: »Dieses wunderschöne Haus Gottes haben eure Leute als Pferdestall mißbraucht.«
»Aber, Meister Giotto«, versucht Brother Francis zu beschwichtigen, »Pferde sind Tiere, und Tiere sind Geschöpfe Gottes.«
»Ja, ja, entschuldigt. Ich vergaß, daß Ihr mit den Tieren reden könnt.«
»So ein Quatsch.«
Dabei stampft der Federhutmann, die Drei, mit dem Fuß auf den Boden.
»Na, na, Mister Amerika«, mahnt die Neun, »seid ihr mal ganz still. Nach Indien fahren wollen oder sollte es nach Japan gehen und dann die Neue Welt.....ha, ha. Das ist der größte Treppenwitz der Geschichte.«
»Mein Herr, ich fordere Euch zum Duell«, schreit erzürnt die Drei.
Brother Francis trennt mit ruhigen Armbewegungen die beiden Streithähne. »Kapitän Kolumbus hat sehr viel für die Menscheit gewagt. Ich erinnere daran, daß wir glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Wenn man zu nahe an den Rand fährt, dann fällt man hinunter. Außerdem hat er damit das Reich Jesu Christi vergrößert. Er ist ein wagemutiger Eroberer.«
»Darum gebührt mir die Zwölf«, setzt der Kapitän an die Worte des Heiligen Francesco dran. 
»Ich bin die Macht.« Stolz preßt die Neun diesen Satz hervor. »Ich bin der größte Herrscher aller Zeiten, Kaiser von Frankreich, König von Italien usw., Europa war mir untertan.«
»Außer England«, versetzt spitz Kolumbus, »warst eine alte Landratte - Napoleon, ha, ha."
»Und ein Kunsträuber«, ergänzt Meister Giotto.
Ein Handgemenge ist unvermeidlich, ich ducke mich. Der Degen des Kapitäns hätte mich beinahe erwischt. In der Hand Napoleons ist plötzlich eine Pistole.
»Aber meine Brüder«, ermahnt die kräftige Stimme des Franziskus die Streitenden, »Gott steht im Mittelpunkt, wir stehen am Rande.«
»Wie meint er das?« Der Kaiser ahnt wieder Böses.
»Gott ist der Mittelpunkt und seine Zeiger zeigen auf uns.«
Fest und überzeugend klingt es aus dem Munde des Franziskus.
»Dienen, Gott und der Menschheit dienen, das ist oberstes Gebot, daher vergleicht mich mit der Zwölf.«
Er macht eine Pause, schaut auf den Kapitän.
»Die Drei, eine Ziffer, so verschieden in sich. Einerseits demütig gebeugt, andererseits wie Poseidons Dreizack nach vorne stoßend, entdeckend, erobernd.«
Der Kapitän lüftet dankend seinen Hut.
»Katzbuckelnd betteln bei den dummen Herrschern«, ergänzt er in seinem Sinne. »Ihnen die Welt zu Füßen legen und keinen Dank ernten.«
Er schüttelt den Kopf und preßt fast lautlos ärgerlich noch heraus: »Nicht mal nach mir benannt, sondern nach dem Laffen Amerigo Vespucci.«
Mit drei Schiffen ist der Kapitän ausgelaufen, denke ich für mich und die Drei steht vor der Vier, dem Erdzeichen, Wasser war vor dem Land.
Napoleon schiebt seine rechte Hand in die Weste, die sich bis zum Zerreißen spannt, die Knöpfe drohen abzuspringen. Seine Mundwinkel fallen weiter herab, seine Augen glänzen leer. Er ist in sich allein, er genügt sich.
»Und die Sechs? In ihrer runden Bauchigkeit fest ruhend nach Neuem, Erhabenen sich streckend. Ja, Meister Giotto, Eure Malerei, so fortschrittlich vom unräumlichen zum wahren Stil. Für Gott und die Menschheit die Menschen menschlich malend.«
Der Kapitän sah erstaunt zum Farbenmann, der auf Grund des Lobes von Brother Francis: Die Sechs als doppelte Dreieinigkeit, größer wurde.
»Ja, die Neun, lieber Kaiser«, dabei schaute Franz etwas spöttisch zu ihm, »die Neun, ein aufgeblähter Luftballon an einem seidenem Faden, oder wie ein großes Faß auf stackeligem Bein. Die neunschwänzige Katze regiert nicht die Ewigkeit.«
Der Vulkanausbruch Napoleons bleibt überraschenderweise aus. Eine wunderschöne Frau hat seine ganze Aufmerksamkeit. Schließlich gründete sich sein Aufstieg vom Offizier der Revolution zum Kaiser auch auf die Einflüsse von Frauen; oh, Josephine.
Die Frau kommt auf uns zu. Es ist mehr ein Schweben auf Lichtstrahlen. Das Lächeln der Frau breitet Frieden aus. Ihre Augen strahlen verliebt, und ihr Blick wandert zu Francesco. Der nickt, geht auf sie zu.
»Ich komme, liebste Clara. Es ist Zeit zum Beten.«
     Er geht an mir vorbei und tritt mir auf den Fuß. »Au«, der Schrei quetscht sich ungewollt durch meine Lippen.
»Oh, entschuldigen Sie bitte«, antwortet mir der beleibte amerikanische Mönch in der braunen Kutte der Minoriten, der aus der Gestalt des heiligen Franziskus erwächst.
»Bitte entschuldigen sie.«
Dann wendet er sich wieder den drei älteren amerikanischen Damen zu.
»Ja, diese kostbaren Fresken, über zweihundert Jahre vor der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus von Meister Giotto gemalt. Und hier ließ Napoleon Pferde seiner Truppen einstellen.«
Er geht weiter, die Arme mal nach links, dann wieder nach rechts ausstreckend, die Touristinnen in seinem Schlepp.

Nur ein Espresso außerhalb der Kirche kann mir meine Sinne wieder geben.




Betrug
 
Betrug, schreit es in seinem Kopf, Betrug. Die Hand malt mit einem Zeichenstift   B E T R U G auf das Skizzenblatt. Thomas Brehmer starrt das Wort an. Es ist das einzige Wort auf der großen Fläche. Und es starrt ihn an. Weiter malt der Zeichenstift, nun in anderer Typografie B E T R U G, wieder und wieder, nur dieses eine Wort in immer neuen Formen.
„Schatz, deine Schokolade“. Hella lächelt, stellt den Becher auf den Schreibtisch.
„Danke, Schatz.“ Thomas lächelt gequält. Sein Blick liegt auf der Elbe, die silbrig in der Nachmittagssonne glänzt.
„Gedengeltes Silber“, sagt er vor sich hin. Noch immer das Wort Betrug im Kopf.
„Gedengeltes Silber?“ Verwunderung in Hellas Stimme.
„Das Wasser der Elbe, wie gedengeltes Silber.“ Er trinkt von der Schokolade.
„Eine schöne Beschreibung.“ Und ihre Hand berührt ihn. Nur kurz berührt sie ihn. Er darf beim Zeichnen nicht gestört werden, weiß sie. Hat er ihr immer und immer wieder gesagt. Heiße Schokolade bringen ist keine Störung.
 
Thomas Brehmer sitzt wie jeden Tag am Entwurfstisch, sieht auf den Fluss. Er fließt, mehr geschieht nicht. Früher passierte mehr, da passierten Schiffe, fuhren ein oder liefen aus, hinaus in die Welt. In eine spannende Fremde. Damals war Brehmer ein Junge und fuhr an schönen Sommertagen hierher nach Blankenese, sah den Schiffen nach, phantasierte. Er sah sich als Schiffsjunge auf erster großer Fahrt in unbekannte Fremde oder als Kapitän, heimkommend nach monatelanger stürmischer Reise.
Und jetzt, mit fünfundvierzig schon lange kein Junge mehr, sitzt er in einem der Blankeneser Kapitänshäuser mit Blick auf die Elbe, sitzt wie jeden Tag am Entwurfstisch, sieht auf den Fluss. Meistens genießt er den Blick, ist glücklich dabei. Manchmal jedoch fühlt er sich wie ein abgemusterter Kapitän, der nach vielen großen Fahrten hier seine letzten Tage verlebt.
 
Vor fünf Jahren war er zum ersten Mal in diesem Haus. Buchstabe um Buchstabe schreibt Thomas Brehmer den Satz auf, liest: Betrug. Vor fünf Jahren war er zum ersten Mal in diesem Haus. Er nickt. Umrahmt den Satz mit allerlei Ornamentik. Es stimmt, vor fünf Jahren war er zum ersten Mal hier.
Und weiter? Er trinkt von der Schokolade. Weiter nichts. Hella, damals für ihn Frau Muthesius, hatte ihn eingeladen. Er hatte einen Preis gewonnen, den Muthesius-Grafikpreis. Sie hatte ihn vom Bahnhof abgeholt, ihn über die Abfolge der nachmittäglichen Preisverleihung informiert und ins Hotel gefahren. Eine Stunde später saß sie neben ihm in der Galerie. Ihr Bruder, Chef der Muthesius-Gruppe, sprach über die einzelnen Unternehmen, über das hervorragende Wirtschaftsjahr und am Schluss einige Sätze über den Preis. Eine promovierte Kunsthistorikerin dozierte über sich und Grafik und erwähnte auch kurz das preisgekrönte Werk und den Künstler. Dann stand Hella Muthesius auf, ging ans Mikrofon, nannte den Namen Thomas Brehmer, rief ihn heran, lächelte, überreichte den Scheck, klatschte Beifall. Er durfte nur danke sagen, mehr nicht. Ach ja, Fotos wurden gemacht, darum war manches Lächeln länger, auch die Schecküberreichung, der Handgruß, alles länger gezogen. Danach noch einige Fragen von Journalisten und schließlich nichts mehr. Die Journalisten schon beim nächsten Termin, die geladenen Gäste, sich anscheinend alle gut kennend, in Gespräche vertieft. 
„Kommen Sie.“ Frau Muthesius lächelte, winkte. „Wir trinken lieber irgendwo einen Wein zusammen. Hier reden alle nur über Geschäfte. Langweilig.“
Irgendwo tranken sie Wein, irgendwo aßen sie später und dann ging es auf einen letzten Schluck zu ihr. Zu ihr in dieses Kapitänshaus, Haus ihres Großvaters, der wirklich Kapitän gewesen war.
Sie tranken Wein, Frau Muthesius lobte seine Grafiken. Sie sprachen über Malerei, seine Malerei. Sie holte eine Grafik von ihm - woher hatte sie die? - bat um eine Widmung und er schrieb für Hella Muthesius. Darauf tranken sie wieder, danach nannte sie ihn Thomas und er sie Hella. Sie standen auf der Terrasse und sahen auf den Fluss, sie schwiegen, lehnten sich aneinander und träumten sich auf den Fluss, ließen sich von ihm treiben, auf das Meer, den fernen, weiten Ozean. In dessen Weite trafen sich ihre Lippen. Stürmisch saugten sie, die Arme umschlossen einander, tosende Wogen und tropische Hitze vermischten sich. Gegenseitig zogen sie sich aus. Stürmten voran. Eroberten streichelnd jeden sinnlichen Punkt Haut, drangen ein, kosteten aus, genossen. Erschöpft fielen sie zusammen, labten sich am Wein und kühlten in der frischen Nachtluft der Terrasse ab. Noch immer nackt und schon wieder in wachsender Lust. Den Weg kannten sie: Über den Fluss zum Meer in die Tropen.
 
„Bin ich nicht zu alt für dich?“ Sie saß am Frühstückstisch und lächelte.
In der Nacht war sie jung, viel jünger als er. Und schön und so glatt ihre Haut und warm, herrlich warm. Und ihr Duft, jede Stelle ihres Körpers von anderem Duft.
„Nein.“
„Fünf Jahre älter als du.“
„Du bist jung und schön.“
„Fünf Jahre älter.“
„Ein schöner Baum ist zu jeder Jahreszeit schön. Im Frühjahr, im Sommer, im Herbst. Selbst im Winter ist er in seiner Nacktheit noch immer schön.“
Die Antwort war ein Glänzen in ihren Augen und ein Kuss, ein langer Kuss. Und dabei fühlte er ihre Brust an seiner Brust, sofort bekam er Verlangen nach ihr, nach ihren Brüsten, Schenkeln, Lippen. Er fühlte Hellas Hände über seinen Rücken streichen, tiefer, über das Hinterteil, die Oberschenkel und dann nach innen und hoch, fühlte die Hand an seinem Glied. Der Stuhl fiel um, und sie liefen, stolperten, lagen wieder auf dem Bett.
Sie liebte ihn, seinen Körper und seine Malerei, liebte ihn wirklich. Und er verließ Frau und Kind und zog nach Blankenese ins Kapitänshaus am Süllberg. Richtete sich ein. Sein Atelier mit Aussicht auf den Fluss neben ihrem Arbeitszimmer im zweiten Stock, sein Schlafzimmer neben dem Bad und ihrem Schlafzimmer im ersten Stock. Wohn-, Esszimmer und Küche im Erdgeschoss waren für ihn nicht so wichtig. Der Garten schon. Rosenbeete, Rasen, alte Bäume und dieser herrliche Ausblick auf den Fluss. Er brauchte keine schrumpeligen Rentner mehr mit seinen doch so begnadeten Händen zu massieren oder mit ihnen wiederholende krankengymnastische Übungen durchzuführen. Er konnte sich ganz seiner Malerei und ihr, Hella, der schönen Helena hingeben.
Hingeben, ein passender Begriff für ihn, einen zögerlichen, ängstlichen, passiven Menschen. Sie hat ihn verführt, mit Temperament, Schmeichelei und mit ihrem Geld, und er ließ es sich gefallen. 
Drei Tage später war er zurück nach Kassel gefahren, hatte in der physiotherapeutischen Praxis gekündigt, die Malutensilien zusammengepackt und hatte seine Frau Lena und Anna, seine Tochter verlassen. War zurück zur schönen Hella gefahren, zu ihrem herrlichen Körper, ihrer Umschmeichelung, ihrem Verständnis für ihn als Künstler, ihrer Großzügigkeit, ihrem Geld. Und zum Kapitänshaus mit dem herrlichen Ausblick auf die Elbe. 
Betrug. Schon damals hatte sie ihn betrogen. Aber war es wirklich Betrug? War beides wirklich Betrug? Absichtlicher Betrug? Oder nur Vertuschung das Eine und Hilfe das Andere?
Thomas weiß es nicht. Grübelt darüber und findet keine Antwort. So starrt er auf die Elbe, gedengeltes Silber, träge dahin fließend und auf dem Block: Betrug. Vor fünf Jahren war er zum ersten Mal in diesem Haus. Wieder zurück zum Fluss. Wenn bloß ein Schiff käme, dem er hinterher sehen, mit dem er in seiner Phantasie in die Ferne fahren könnte.
 
Keine nörgelnde und nervende Ehefrau, keine quengelnde Tochter, keine anstrengenden Patienten. Aufstehen, nachdem er schon lange Minuten wach war und in den Tag gehorcht hatte, gemächliche Morgentoilette, gedeckter Tisch, gemütliches frühstücken.
 
Sie hat ihn betrogen, denkt er, notiert: Sie hat ihn betrogen. Denkt weiter: Hella hat mich betrogen. Ja, stimmt er zu, Hella hat mich betrogen, und er schreibt das nicht auf, kann es nicht. Er würde sich damit vor aller Welt eine Blöße geben. Nein. Pause. Nein. Er trinkt von der Schokolade, die nicht mehr heiß ist. Betrug, ja, Betrug. Nein, Betrug ist nicht schlimm. Er betrügt auch: Das Finanzamt beschummelt er und ... Weiteres fällt ihm nicht ein. Ein Betrug ist nicht verwerflich. Jedoch Betrogener zu sein, das ist schlimm. Er überlegt, sucht nach einem kräftigeren Begriff für schlimm, horcht in sich, findet kein passenderes Wort, steht auf, geht einige Schritte, setzt sich wieder, blickt auf den Fluss, noch immer kein Schiff. Es schmerzt. Dass kein Schiff kommt und ihn mitnimmt in die Ferne und dass er betrogen wurde, von Hella, der Liebsten, schamlos betrogen wurde.
 
Nach der ersten Nacht, einer wunderschönen Nacht in lauer Luft und stürmischer Leidenschaft zwischen ihnen, ein entspanntes Frühstücksgespräch und wieder aufflackernde Lust und Befriedigung bis zur Erschöpfung. Die Sonne schien durch das offene Fenster auf ihren wunderschönen Körper. Noch nie hatte er solche Lust empfunden, noch nie eine Frau erlebt, die so zärtlich und verführerisch sich ihm näherte, ihm ihre Lust zeigte und mehr, ihm lächelnd ihren Körper präsentierte, nichts verbarg, weder von ihrem Körper noch von ihrer Lust und ihrem Verlangen nach ihm, die nahm, sich alles von ihm nahm.  
Hella besprach mit ihm die gemeinsame Zukunft. Er verliebte sich in sie, in Hella und in seine Zukunft. Hella regelte das Finanzielle.
„Ich will, dass du sorgenfrei malen kannst.“
So ihre Worte und ihre Umarmungen.
„Du bist wirklich gut. Zeichne. Ich werde deine Muse sein.“
 
Wie sie das im Einzelnen geregelt hatte, erzählte Hella nicht. Er war froh darüber und zeichnete für Hella, jeden Tag mindestens eine kleine Grafik. Er entwarf, radierte, malte, oft war sie Thema oder Modell. Sie lobte ihn, seine Kreativität und zeichnerische Virtuosität, streichelte ihn, liebte. Wunderbare Tage. So dahin gelebt. Er begann an einem Zyklus zu arbeiten, zwölf Drucke, Farbradierungen, suchte nach einer Galerie, fand keine. Hella tröstete ihn. Ermunterte ihn zum Weiterarbeiten. Er begann mit einer zweiten Radierserie. Plötzlich die Zusage einer Galerie. Ausstellung und Ankauf aller Blätter, zwölftausend Euro als Entgeld.
Und das soll Hella alles bezahlt haben? So steht es in dem anonymen Brief. Sie soll der Galerie Fünfzehntausend Euro gegeben haben. Gekauft, die Galerie, ihn, betrogen? Nein.
Die Grafiken kamen gut an, fast die Hälfte der Auflage, jeweils einhundert Exemplare, wurden inzwischen verkauft. Das Publikum kann man nicht kaufen, es lässt sich nicht betrügen, nur durch Qualität überzeugen. Und er ist gut, er, der Grafiker und sein Werk. In einigen Tagen wird seine zweite Vernissage in derselben Galerie stattfinden. Ein Kunstband ist geplant, soll noch vor der Buchmesse erscheinen.
Sie haben den Erfolg gefeiert. Mit Champagner und Umarmungen im Wohnzimmer, danach im Bett, später in einem Restaurant mit einem guten Essen, das er bezahlte. Danach feierte er sich und seinen Erfolg noch tagelang, euphorisch im Stillen für sich weiter. Stellte sich auf eine Stufe mit erfolgreichen und berühmten Grafikern, zu denen er nun auch gehörte. Er wurde interviewt und fotografiert, fühlte sich gefragt. Ging oft in die Galerie, genoss es, bekannt zu sein. Schrieb Widmungen auf verkaufte Exemplare, lächelte dabei, strahlte vor Glück. Hella war eine gute Managerin. Sie organisierte weitere Ausstellungen in anderen Städten, verhandelte über Honorare und Termine, buchte Hotels und besorgte die Fahrkarten, selbstverständlich erster Klasse. Sie kümmerte sich auch um so profane Dinge wie neues Skizzenpapier oder Nadeln und Farben und Zeichenstifte. Und zwischen Posterledigung und Einkauf, Essen kochen und Telefongesprächen liebten sie sich. Er liebte sie, sie liebte ihn. Und er zeichnete und zeichnete und zeigte ihr Entwürfe, die sie bewunderte.
 
Sie hat ihn betrogen, von Anfang an betrogen. Er steht auf, geht Schritt um Schritt immer einen gleichen Weg im Zimmer. Wie eine Raubkatze in zu engem Käfig. Betrogen. So steht es in dem anonymen Brief. Betrogen. Aber war es wirklich Betrug? Einer Galerie Geld geben, Hella hat genügend, war eine Investition in die Zukunft. Sie hat an ihn und sein Können als Grafiker geglaubt. Das ist Liebe. Es ihm nicht zu sagen, war sehr vernünftig. Er wäre ausgerastet, hätte sie beschimpft, hätte sie nicht mehr lieben können. Eine verständliche Lüge also? Oder nur eine Auslassung? Schließlich wurden seine Grafiken ein Erfolg, auch seine Bilder. Und der war nicht erkauft. Nur angeschoben hat sie, mit einem bisschen Geld angeschoben ... Er wird es ihr zurückgeben. Sich freikaufen und so diesen Makel tilgen. Und seine zweite Serie, auch sie wird sicherlich ein Erfolg, wird seine Klasse als Grafiker bezeugen. Er setzt sich wieder. Wenn sie es getan hat, dann doch nur aus Liebe zu ihm und das kann kein Betrug sein. Aber die zweite Behauptung des Briefes ... Wieder steht Thomas auf, geht hin und her. Die zweite Behauptung, so unglaubwürdig sie auch sein mag, wenn sie zuträfe ... Nein, sie kann nicht wahr sein. Auch wenn ein Bild dabei liegt, um die ungeheuerliche Behauptung zu beweisen. Nein. Er hat doch in den fünf Jahren gemeinsamen Zusammenlebens erfahren, welch eine wunderbare Frau Hella ist, hat mit ihr fast täglich geschlafen. Sie kann früher kein Mann gewesen sein. Das hätte er doch bemerkt. Oder? Nein. Auch wenn es Geschlechtsumwandlungen gibt, er hatte darüber in Illustrierten gelesen, er hätte es bemerkt. Ihre weibliche Ausstrahlung, ihre zarte Haut. Zugegeben, ihre Brüste sind nicht sehr groß, aber das mag er ja. Klein, jede gut in eine Hand passend und diese Knospen, groß und hart werdend, wenn er sie mit den Fingern, den Lippen, mit der Zunge berührt, umkreist. Ihre Stimme ist ein wenig tiefer als gewöhnliche Frauenstimmen, dabei etwas rauchig und herb, verführerisch. Thomas weiß nicht weiter. Wenn Hella früher ein Mann gewesen wäre, er hätte nicht ... Nein, mit einem Mann, auch mit einem früher gewesenen, würde er nicht schlafen, ihn nie lieben können. Einen Mann, nie. 
„Kommst du mit deinen Entwürfen voran?“
Thomas mag sich nicht umdrehen, will sie jetzt nicht sehen, sie oder den früheren ihn, der Michael geheißen haben soll.
„Hast du Lust auf einen Spaziergang an der Elbe?“
Er kann nicht neben ihr gehen und so tun, als wäre alles wie früher. Hand in Hand mit einem ehemaligen Mann, der vielleicht noch immer Mann ist. Ekel würgt ihn. Er möchte auffahren, ihn oder sie anschreien, anspringen, würgen. Thomas schweigt, weiß nicht, was er antworten soll. Fünf Jahre mit einer Frau zusammen, die ein Mann ist. Wer mag alles davon gewusst haben? Über ihn gelacht haben? Fünf verlogene Jahre.
„Die Sonne scheint so herrlich, und ich hätte Lust, erst am Strand zu spazieren, später ...“
„Du Betrüger ...“ Thomas springt auf, sieht Hella wütend an, Tränen quellen, verwischen ihm das Bild. „Ein Mann ...“
„Früher, ja.“
„Schwein.“
„Nein, ein Junge, nie ein Mann.“
„Warum?“
„Gefühl“
„Warum has du mich betrogen?“
„Ich habe dich nicht betrogen.“
„Doch.“
„Wie?“
„Ein Mann ...“ Thomas wendet sich ab, setzt sich, verbirgt sein verheultes Gesicht mit den Händen.
„Ich bin eine Frau. Ich fühle als Frau, liebe als Frau.“
„Aber vorher ein Mann ...“
„Nein, nur ein Junge. Seit meinem zwanzigsten Geburtstag bin ich eine richtige Frau. Dreißig Jahre Frau gegen die wenigen Jugendjahre.“
Er fühlt ihre Arme um seinen Körper. Wie Schraubzwingen. Möchte sich dagegen wehren, kann es nicht. Fünf verlorene Jahre und keine Zukunft. Von aller Welt ausgelacht. Mit den Fingern werden sie auf ihn zeigen. Er kann nicht mehr bei Ausstellungen vor Publikum auftreten. Er hört schon das Lachen. Nie mehr ...
„Hier trink den Cognac.“
Thomas erschrickt über den Befehlston, so hat sie noch nie mit ihm gesprochen.
„Trink. Wird dir helfen.“
Mechanisch greift er nach dem Glas.
„Ich habe dir den Brief geschrieben.“
Vor Schreck lässt er das Glas fallen.
„Du?“
„Ja. Ich liebe dich und will die Wahrheit wissen.“
„Welche Wahrheit?“ Thomas ist verstört, dreht sich ihr zu, mag sie nicht ansehen.
„Die Wahrheit, ob du mich wirklich liebst.“
 
Sie gehen am Fluss entlang. Mit Abstand gehen sie, dabei jede Berührung vermeidend. Er schwitzt, vom schnellen Gehen auf weichem Sand in der Sonne und von Gedanken, neben einem Mann zu gehen. Einem früheren Mann, einer Frau, die als Junge geboren wurde. Er kann nicht mehr klar denken. Neben ihm geht Hella. Als sie noch vollkommene Frau für ihn war, er sie liebte ... Geht nun Hella oder Michael neben ihm? Bei versteckten Blicken, Blicken aus den Augenwinkeln auf den Fluss, fixiert er heimlich Hella, ihre Gesichtsform, die graumelierten schulterlangen Haare, die im leichten Wind wehen, bei kurzen Böen sich verwirbeln, von ihrer Hand wieder in lockere Ordnung gebracht werden. Er ahnt ihre kleinen Brüste unter dem T-Shirt, kann die sich durch den Stoff drückenden Knospen sehen, spürt im Mund deren Geschmack. Der lange Rock wippt im Takt ihrer Schritte. Barfüßig, die Sandalen in der Hand, schreitet sie. Stolz schreitet sie und Thomas bewundert insgeheim ihre Ruhe. Schweigend gehen sie nebeneinander. Jedes Wort wäre falsch oder zuviel oder ... Wenn Hella nur nicht so ausschreiten würde, er hat Mühe, Schritt zu halten. So belastet ihn vor allem seine schlechte Kondition. Er muss sich zwingen, mit ihr Schritt zu halten. Früher sind sie oft die Elbe entlang gelaufen. Nie so schnell wie diesmal. Und immer mit Pausen. Pausen zum Verschnaufen, zum Umarmen, zum Küssen.
„Wer weiß, dass du ein Mann bist?“
„Ich bin kein Mann.“ Hart klingt ihre Stimme. „Ich bin eine Frau und das weißt du.“ Sie bleibt stehen.
Nach zwei, drei Schritten bleibt auch er stehen.
„Wer weiß, dass du ein Junge warst?“
„Meine Eltern natürlich, mein Bruder, meine Schwägerin ...“
Er dreht sich zu ihr um. Verführerisch schön steht sie da. Sand an den nackten Füßen, der Rock bewegt durch die leichte Brise ...
„Die Mitschüler von früher. Aber ich habe keinen Kontakt mehr zu ihnen. Sie denken, der Michael Muthesius ist tot. Und das ist er ja auch, mit zwanzig in England gestorben.“
„Wieso in England gestorben?“
„Ich bin zum Studium nach England gegangen und habe dort auch operativ die Geschlechtsumwandlung machen lassen.“
„In England?“
„Wäre dafür auch nach Alaska gefahren.“
Sie geht weiter. Thomas folgt ihr. Der Abstand zwischen ihnen beträgt zwei Armlängen und scheint größer als die Entfernung zum Mond.
Die Eltern haben es gewusst und Helmuth, der Bruder und Anja, dessen Frau wussten es. Nur er nicht. Niemand hat es ihm gesagt. Darüber ärgert er sich und ist über den eigenen Ärger verwundert.
„Und warum hast du es mir ... ?“
„Gesagt?“
„Ja.“
„Weil ich mit dir zusammen alt werden und keine Lüge zwischen uns haben möchte.“
„Aber “
„Aber was?“
„Die fünf Jahre.“
„Probezeit. Und Angst.“
„Angst wovor?“
„Das du es erfährst und dich so verhalten wirst, wie du dich jetzt verhältst.“
„Aber wenn doch keiner davon weiß.“
„Letzten Sonntag hätte sich meine Mutter fast verplappert. Erinnerst du dich? Sie wollte dir alte Familienfotos zeigen. Sie hätte gesagt: Hier, das ist Hella als sie noch Michael war.“
Meter um Meter gehen sie über den weichen Sand. Sie locker, er angestrengt.
„Fünf Jahre zusammen, du als Mann, ich als Frau. Fast jeden Tag gevögelt, herrlich gevögelt.“ 
Ja, herrlich gevögelt haben wir. Und das Wort vögeln schneidet ein, verletzt ihn.
„War es schön mit uns oder hast du irgendetwas vermisst?“
„Nein. Ja.“
„Was nun, ja oder nein.“
„Nein, ich habe nichts vermisst.“
„Also war es schön für dich.“
„Ja.“ Am liebsten würde er sich den Schweiß von der Stirn wischen, traut sich aber nicht. Die Sonne brennt und ihr Gespräch brennt noch mehr.
Hella biegt ab, geht zum Deich. Setzt sich, lehnt sich zurück, schließt die Augen.
Thomas ist erstaunt, bleibt stehen. Was will sie nun? Er steht herum, weiß nicht weiter. Steht hilflos zwischen Fluss und Deich. Soll er sich einfach in den Sand setzen? Oder näher zu ihr? Sich neben sie legen, ebenfalls die Augen schließen, vor der Situation die Augen schließen? Zaghafte Schritte Richtung Deich. Ausruhen ist sicherlich nicht verkehrt. Wie groß soll die Entfernung zwischen ihnen sein? Groß genug und doch so, dass, wenn sie es möchte, ihn mit ihrem Arm erreichen könnte?
Er liegt mit geschlossenen Augen am Deich. Lauscht in sich hinein, hört nur den eigenen Pulsschlag, hört nach außen, kein Vogellaut, kein Atemgeräusch. Ist sie noch da? Er blinzelt hinüber. Ist erleichtert, dass sie noch neben ihm liegt. Sie ihn nicht verlassen hat. Darüber erschrickt er und über die wachsende Angst, dass sie ihn verlassen könnte. Eine grauenhafte Zukunft, allein, ohne Geld, ohne Wohnung, ohne ..., er sucht in seinen Gedanken und findet: Ohne Antrieb. Schreckliche Zukunft. Aber warum soll er ..., mag den Gedanken nicht aussprechen. Stellt sich Hella neben ihm liegend vor. Findet keinerlei Männliches an ihr, dafür sieht er ihre lebendigen Augen, ihre spöttischen Lippen, weich sind sie, ihre warme Haut, ihre Brüste, möchte sie berühren, an den Knospen lecken, zwischen Hellas Schenkeln ...
„Wollen wir weiter oder umkehren?“
„Weiter.“ Automatisch kommt seine Antwort. „Nein“, verbessert er sich, muss lachen, „umkehren.“
Er sieht ihr verduztes Gesicht. Selten hat er sie so gesehen. Muss darüber erneut lachen.
„Umkehren, bin fußlahm.“ Er geht einige Schritte auf sie zu. „Mit weiter meine ich weiter in unserer Beziehung.“ Er hat sie erreicht. Sie will etwas sagen, kann es nicht, seine Lippen verschließen ihr den Mund.
 

Levander
 
Verzaubert. Sie hat ihn verzaubert. Levander setzt sich. Ein letztes Mal nimmt er vor der Eisdiele Platz. Seit Jahrzehnten nahm er hier Platz, trank Capuccino, blickte den schönen Frauen nach. Ein letztes Mal, dabei schmunzelt Levander. Er gab den vorbei gehenden Frauen Blumennamen. Narzisse, Glockenblume, Vergissmeinnicht, Stiefmütterchen, Rose und den hübschesten Levkoje. Ein letztes Mal den Frauen nachsehen. Zu Hause räumen die Packer die Möbel aus der Wohnung, schleppen die schweren Kartons in den Umzugswagen. Levander wäre nur im Weg. Mehr als dreißig Jahre wohnte er in der 3 Zimmerwohnung. Mit Klara. Nach ihrem tödlichen Verkehrsunfall vor drei Jahren alleine. Verlassen.
Oft verließ er tagsüber die Wohnung, schlenderte durch die Straßen, trank an kalten Tagen im Café Kaffee, aß Kuchen dazu. An warmen Tagen trank er, eben hier in dieser Eisdiele, Capuccino, sah den Frauen nach und trauerte um Klara, zugleich um sein eigenes Leben. Das ist nun vorbei und er nimmt schmunzelnd Abschied, Abschied von den vorbeieilenden Frauen und von seiner Vergangenheit. Ab morgen beginnt die Zukunft. Nein. Sie begann schon vor vielen Tagen, Wochen, Monaten. Begann, als er Anna, eine Levkoje, traf. Nein. Sie ist viel hübscher als eine Levkoje. Er kennt keine schönere Blume als Anna. Vor einigen Monaten setzte sie sich im Café an seinen Tisch, trank Kaffee, aß Torte. Sie kamen ins Gespräch, erzählten Belangloses, doch mit ihren Augen sprachen sie Wichtiges. Annas Augen, quicklebendig und schalkhaft, milde lächelnd, ihn mit Blicken zärtlich streichelnd, Zauberin, Verzauberin. Längst Vergessenes entdeckte er in ihrem Blick, spürte seinen erhöhten Pulsschlag, fühlte den warmen Strom erotischer Gefühle aufsteigen, längst verloren geglaubt, der sich in ihm ausbreitete, ihn erwärmte. Ein kurzer Blick, ein Wimpernschlag, eine kleine Bewegung ihrer Lippen, ihr Lächeln, erotische Verführung. Er atmet tief durch, trinkt, lächelt erinnernd und zugleich glücklich vorfreudig.  
Mai. Frühlingstag. Umzugstag. Zusammenziehen. Zu ihr ziehen. Übermorgen wird er siebzig. Sie werden feiern, Anna und er, gleicher Jahrgang. Am Wochenende auch mit Freunden zusammen in einem Restaurant. Sie sollen es erfahren, das von Anna und ihm, von ihrem Glück. Sie werden es sehen. Nein, nicht alles werden sie sehen und er wird ihnen nicht alles erzählen.
Als sei es gestern gewesen oder vor einer Stunde, einer Minute, der Augenblick des in die Augen Blickens, das Sehen, das Erkennen. Ein leichtes Zittern der Hände, kein Parkinson, viel schlimmer, das Erröten ließ erste gegenseitige Diagnosen aufstellen. Konnte es sein ..? In ihrer beider Alter ..? Gegen das Zittern half das gegenseitige Berühren der Hände, ein Ergreifen, Festhalten. Wärmeströme schossen hinein und wechselten hinüber von Hand zu Hand, drückten so vieles aus. Auch ihre Sprachlosigkeit war bered, teilte ihnen vieles mit. War es erst vor einem Tag, vor einer Stunde, einer Minute? Nein, war es nicht. Dieser erste Augenblick ist nicht Vergangenheit, er ist noch immer gegenwärtig. Die erste Berührung, die erste Umarmung, vorsichtig und fremd und doch, ihr Zimtduft, erlösend und zugleich verzaubernd vertraut. Er erinnert den ersten Kuss, den herrlichen Geschmack. Der Kuss brennt noch immer auf seinen Lippen. Rot und heiß wie Himmelsglut, Abendrot. Nein. Morgenrot. Und Anna die aufgehende Sonne.
Sie trafen sich täglich, gingen Hand in Hand spazieren, in Konzerte, besuchten Museen, erzählten sich von früher. Nächtens telefonierten sie und träumten. In seinem alten Körper drang längst Vergessenes hervor, verschaffte sich Raum. Er konnte nicht einschlafen. Träume füllten den Kopf. Er wollte nicht schlafen. Er wollte wach sein. Anna auch.
Wochen später, sie hatten ihrem Begehren nicht nachgegeben, verließen sie ihren Alltag und reisten nach Griechenland. Nach Aegina in ein Hotel am Ortsrand, nur wenige Schritte entfernt von einer malerischen Bucht.
Abwärts, dem Meer entgegen, der Weg war leicht. Vogelgezwitscher erfüllte die Luft, ließ das Schweigen ihnen nicht aufdringlich werden. Verdrängten die Stille nicht mit Worten. An einem kleinen Vorsprung blieben sie stehen, schauten auf die Weite des Meeres, ihre Blicke verloren sich darin. Levander spürte die Spannung, er hätte Anna gerne berührt, sie gestreichelt, sie … Ihn hemmte die Angst vor der Zerstörung des Augenblicks. Eine lange Weile standen sie so. Dann rissen sie sich los vom Meer, von ihren Gedanken, umarmten sich, suchten und fanden ihre Lippen, pressten, saugten, zogen sich an. Ihre Lüste flogen durch die Lüfte und echoten in ihnen. Staudämme brachen auf, Fluten stürzten. Ihre Wünsche befreiten sich und vereinigten erlösend die Küssenden. Atemlos ließen sie voneinander, holten Luft. Levander öffnete den Mund, wollte Worte bilden. Anna lächelte, verschloss mit dem Zeigefinger seine Lippen, schüttelte verneinend den Kopf. Nicht den Augenblick mit Worten zerstören. Mit einem gehauchten Kuss setzte Anna den Schlusspunkt, wendete sich zum Gehen. Ihre Hand griff nach seiner, zog ihn mit zum Strand. Sie setzten sich in den warmen Sand, tranken aus der Flasche roten Wein. Die Nacht brach an, eine warme Brise von See her streichelte sie, flüsterte Liebe. Sie lagen alleine am Strand. Plötzlich stand Anna auf, schaute auf das Meer, zog sich wortlos aus. Sie setzte langsam Schritt vor Schritt, entfernte sich von ihm. Um ihre Füße kräuselte sich das Wasser, das Mondlicht brach sich darin. Sie tauchte ein in das Licht der Mondstraße und schwamm auf ihr hinaus. Der alte Mann Levander wusste nicht, was zu tun sei. Anna winkte ihm zu, rief ihn. Er verstand ihre Worte nicht und verstand doch. Hastig entkleidete er sich, fiel dabei in den weichen Sand. Der Jugendliche in ihm lachte. Er stand auf und lief ihr entgegen. Er ignorierte die Kälte des Wassers, lief weiter, stolperte, fiel, richtete sich auf. Sah Anna ihm entgegen schwimmen, untertauchen, sah ihren hellen Po aus dem Wasser leuchten, wieder verschwinden. Eine prustende Meerfrau tauchte auf, um sogleich wieder in den Fluten unterzutauchen. Levander schwamm dem Bild lustvoll entgegen, jeder Schwimmzug steigerte Freude und Erwartung. Beginnt so die erste lang ersehnte Nacht? Im Meer ihre Haut, ihre Nacktheit spürend? Schon wurde er lachend von ihr umarmt und geküsst, getaucht, wieder in den Arm genommen, küssend unter Wasser gezogen.
Er holte eine neue Flasche Wein. Anna lag verführerisch eingehüllt in ihrem Badetuch in einer kleinen Mulde. Mit leisen Rufen lenkte sie ihn zu sich. Verführerin und Verführter, sie kicherten albern und prosteten sich zu. Sie schmiegten sich aneinander, ihre Hände streichelten, tasteten neugierig erkundend die Hügel und Täler der unbekannten Hautlandschaften. Sie atmeten die Luft des Meeres und den Duft der Körper, sie rochen sich und mochten sich riechen, Zimt. Ihre Haut wunderbar warm. Ihre Sinne sinnlich. Die Lust des Einen führte die Lust des Anderen. Annas Wünsche lenkten seine Hände und Lippen über ihre Brüste, ihren Bauch, streichel mich, über die Oberschenkel, streichel mich, den Venushügel. Aufbrechende Sehnsucht, komm, ich warte. Ihre Finger tasteten sich von seinen Lippen über die Brustspitzen, glitten über seinen Bauch. Nimm mich! Ich bin nur noch Phallus! Seine Zunge streichelte die Liebeslippen und er saugte den Duft ihres Inneren ein. Genoss die Zartheit und schmeckte mit großer Wonne ihre Lust. Mit den Händen zeigten sie sich gegenseitig den Weg, führten sich zusammen. Sie stülpte sich über ihn, er drang in sie ein, sie umfingt ihn, er breitete sich in ihr aus. Ihre Sinne vereinigten sich. Lautloses Schreien flog durch die Lüfte und echote in ihnen. Schweißbäche vereinigten sich zu Seen, versickerten im Sand. Langsam lösten sich ihre Körper, wurden wieder zwei, sie und er. Sie waren trunken von der Lust und durstig. Ihre Lippen befeuchteten sie mit dem salzigen Nass der Hautseen, den Durst des Körpers mit Wein und den Durst der Sinne mit Berührungen und Küssen.
Die Sonne weckte sie. Noch immer lagen sie beieinander am Strand. Sie schauten sich ungläubig an, schmunzelten und küssten sich wach. Sie nahmen ein Morgenbad, schlichen sich anschließend wie Kinder, die zu spät nach Hause kommen, heimlich ins Hotel, ins Zimmer, lachten befreit und glücklich auf. Warfen ihre Kleider ab, wollten duschen, umarmten sich, fühlten ihre Haut, streichelten sich, stellten fest, dass sie in der Wirklichkeit waren. Das große Bett war unberührt. Das rührte sie. Anna legte sich aufs glatte Laken. Ihre weiße Haut war vom Leben kunstvoll gedengelt und fein ziseliert. Die Falten um Mund und Augen bewegten sich, lächelten erotisch auffordernd. Die zwei sanft sich aufwölbenden Hügel mit ihren Spitzen, zu Fingerwanderungen einladend, ihn fast den Atem nehmend. Und erst das, was er Stunden zuvor am Strand entdeckte, sich unter weißgrauen Haaren ihm verbarg … Lüstling, schalt er sich, legte sich vorsichtig neben sie. Sie drehte sich zu ihm, er fühlte ihre Arme. Sie tentakelten nach ihm, umschlangen seinen Körper, umschlagen seine Seele, sein Denken. Die Welt schrumpfte zusammen. Das All war das Bett und sie die einzigen Himmelskörper. Anna die Sonne und er der Planet, auf dem durch ihre Wärme das Leben erblühte.       
Levander erwachte. Überall juckte es ihn. Das Bett war voller feinstem Sand. Anna lachte. Kostenloses Peeling. Sie schwang sich behände aus dem Bett. Komm alter Mann, ihr Blick sagte etwas anderes, lass uns den Tag beginnen. Schon verschwand sie im Bad. Er hörte Wasser rauschen. Sah in seinen Gedanken Anna im warmen Schwall unter der Dusche. Nackt. Gelüste in ihm weckend. Sie nackt und vom warmen Wasser gestreichelt, das wollte er auch, wollte beides genießen. 
Verzaubert. Noch immer in ihrem Bann. Herrlich. Levander legt passendes Geld auf den Tisch, steht auf, geht, schreitet erwartungsvoll dem Tag entgegen zu seiner Verzauberin. Seine Schritte werden beschwingter, schneller. Nachher, zwischen all den Umzugskartons, ein Gläschen Sekt mit Anna auf die gemeinsame Zukunft und danach vielleicht … Er sieht in einem großen Raum einzig ein Bett mit glattem weißen Laken. Wer weiß, was dieser Tag noch mit ihm vor hat … Levander schmunzelt, Anna-Verzauberin wird es wissen. 




Wieder ein Geburtstag
 
Wieder ein Geburtstag. Wieder ein Jahr älter. Kluge mag nicht daran denken. Gestern noch dreiundfünfzig, heute, nur eine Nacht mehr, sechs oder sieben Stunden Schlaf später, vierundfünfzig. Mit geschlossenen Augen liegt er im Bett. Warm ist es, gemütlich. Wie alle Tage morgens. Aber heute?

Wieder ein Geburtstag. Ein Jahr mehr. Eigentlich, so korrigiert Kluge sich, wird er kontinuierlich jede Sekunde älter. Die Zeit ist linear, jedenfalls im irdischen Bereich. Was gehen ihn Einsteins Theorien an? Sie gelten nicht für ihn, denkt er, dreht sich im Bett in eine neue Lage, entspannt sich. Eigentlich schade, überlegt er und erinnert sich, dass er irgendwo gelesen hat, dass man nach einer langen Weltraumfahrt jünger zurück zur Erde käme. Eine Reise zu fernen Galaxien. Wenn er heute aufbrechen würde, so träumt er im warmen Bett, sieht sich in einer Weltraumkapsel, die seinem Wohnzimmer ähnelt. Sieht sich Kaffee kochen, zum Fenster hinaus schauen, auf einem Laufband joggen. Wenn er heute aufbrechen würde ... Zwei Jahre Urlaub. Seine Kollegen auf der Erde würden die vierundzwanzig Monate arbeiten und älter werden. Und er, Kluge? Er wäre in den zwei Jahren nur ein Jahr älter, im Vergleich zu den Kollegen sogar um ein Jahr jünger geworden. Seine jetzigen Schüler entlassen, fällt ihm ein, und er träumt davon, dass alle Schüler entlassen wären und keine neuen mehr aufgenommen wurden. Weil es keine mehr geben wird! Singles haben keine Kinder, träumt er seinen Wunsch. Untermauert seinen Gedanken mit der Behauptung, dass alle Singles Workaholics sind oder gelangweilt in Straßencafés sitzen, jungen Mädchen nachschauen oder in Bars schwatzend beieinander stehen, über hübsche Frauen reden, aber keine Kinder, zukünftige Schüler, zeugen würden. Eine Welt ohne Kinder, Schüler, eine friedliche Welt. Ach, nur ein Traum. Die Wirklichkeit ...

Wieder ein Geburtstag. Seine Frau, vor Minuten, Stunden schon aufgestanden und leise aus dem Zimmer geschlichen, wird ihm liebevoll den Geburtstagstisch decken. Nusskuchen und Kaffee, Kerzen und Servietten. Sie wird ihn lächelnd empfangen, ihm gratulieren, ihn umarmen, küssen, ein Geschenk überreichen. Ein Buch wird es sein, den Titel hat er ihr vor einigen Tagen genannt. Ein wichtiges Buch, auf dem ersten Platz der Bestsellerliste. Ein dickes Sachbuch. In den Ferien wird er es lesen, wie auch die anderen wichtigen dicken Bücher, die er sich im Laufe der letzten Monate gekauft hat. Das Buch wird in Geschenkpapier verpackt sein, darauf mit Schmuckbändchen eine groß gezogene Schleife kunstvoll gebunden und darin eine rote Rosenblüte. Blumen aus dem Garten werden in einer Vase auf dem Tisch stehen. Seine Frau mag Blumen, Kerzen, überhaupt Ambiente. Sie wird die CD auflegen, die er ihr vor einigen Tagen geschenkt hat. Eine Schumann-Sinfonie, irgend etwas mit Rhein, sehr romantisch. Sie wird sie auflegen, um ihm zu zeigen, dass sie sich darüber gefreut hat. Ohne konkreten Anlass hat er die CD gekauft und seiner überraschten Frau geschenkt. Er war in dem großen Elektrokaufhaus gewesen, um nach neuen Programmen für seinen Computer zu stöbern, hatte zwei Spiele gefunden und einem Scanner nicht widerstehen können. Angeschlossen ist der Scanner noch nicht, es fehlt das Verbindungskabel. Wenn er wüsste, welcher der richtige Anschluss wäre, welche Steckerform. Aus der Beschreibung ist es nicht ersichtlich und so muss er warten, bis jemand, der sich auskennt, ihm mit Rat, besser noch mit Tat zur Seite stehen kann.  

Wieder ein Geburtstag, flüstert ihm sein ICH zu, wieder ein Jahr mehr und es verdirbt ihm die Laune. Kluge dreht sich im Bett um, versucht dem eigenen ICH den Rücken zu zukehren. Nun ist er doppelt so alt wie die Referendarin, die ihm zum Schuljahresbeginn zugeteilt wurde, die er seit einigen Wochen betreut, die ihm immer wieder in seinen Träumen begegnet, ihn aufreizend anlächelt, mit verführerischen Bewegungen lockt. Er berät sie bei ihrer Unterrichtsplanung und dabei lässt er seine Blicke heimlich über ihren Körper wandern, zieht geräuschlos ihren Duft tief in sich ein, rätselt über das Parfüm. Rosen- oder Zimtduft? Bettgeschichtengedanken! Verdrängen! Weiß sie, dass er heute Geburtstag hat? Er hat es vor einigen Tagen so nebenbei in die Unterhaltung eingestreut. Wird sie ihm gratulieren? Ihn umarmen, küssen? Ja, küssen! Und wenn sie seine Bemerkung überhört hat? Kluge dreht sich wieder im Bett um. Am liebsten würde er heute einfach im Bett liegen bleiben und Schwänzen! Welche Krankheit könnte er vortäuschen? Kluge horcht in sich hinein, sucht. Ist da nicht ein Ziehen? Oder kündigen sich vielleicht Kopfschmerzen an? Soll er eine Sehnenreizung oder einen vergessenen Zahnarzttermin erfinden? Bis zum Aufstehen hat er noch genügend Zeit zum Überlegen. Und nach dem Anruf im Sekretariat genüsslich frühstücken, befreit durch den Stadtteil schlendern, sich ins Straßencafé setzen, gesund und jung dem bunten Treiben in der Fußgängerzone zuschauen. Eis schlecken!

Wieder ein Geburtstag. Keine Lust zum Aufstehen, zum Arbeiten. Welche Krankheit könnte er haben? Kluge sucht und findet nichts. Er liegt im warmen Bett und sucht angestrengt. Nichts! Zeitstillstand! Endlich ein vernünftiger Gedanke. Zeitstillstand. Und ewiges Leben! Er frohlockt. Doch irgendwo in einem hinteren Gehirnstübchen auch Bangen. Bangen, was dann sein würde. Kluge versucht sich vorzustellen, wie sein unendliches Leben aussehen würde. Doch die Vorstellung ist dürftig: Keine Schmerzen und immer älter werden, so vermutet er. Will seinen Gedanken widersprechen, das Wort älter gäbe es dann nicht mehr.

Wieder ein Geburtstag. Gleißendes Licht durchdringt seine geschlossenen Lider. Schmerzen, lenken ihn von seinen Gedanken ab. Es ist kurz nach sechs und die Sonnenstrahlen treffen sein Gesicht. Lichtstillstand! Ein neuer Gedanke, dem er nachgeht. Aus der eigenen Schulzeit erinnert er sich, dass sich Licht mit einer Geschwindigkeit von annähernd dreihunderttausend Kilometern in der Sekunde bewegt. Für die mehr als einhundertfünfzig Millionen Kilometer von der Sonne zur Erde weniger als acht Minuten benötigt. Kluge dreht sich auf den Rücken, streckt sich. Sieht sich in einem großen Saal, ein Auditorium. Alle Augen sind gespannt auf ihn, den Vortragenden gerichtet. "Angenommen", hört er sich sagen, "angenommen, das Licht würde stehen bleiben." Kluge sieht, wie er als Vortragender eine Pause einlegt, mit einem Lächeln seinen Blick über das gespannte Publikum schweifen lässt. "Es widerspräche den zur Zeit bekannten Naturgesetzen." Wieder ein kurze Pause. So baut man Spannung auf, erklärt sich Kluge weiß darum, schließlich hält er jeden Tag sechs Stunden lang Vorträge vor Publikum. Verschweigt sich, dass sein Publikum aus Schülern, Kindern, besteht. Luft holen, ein kurzes Lächeln für den Saal und weiter mit kraftvoller Stimme: "Trotzdem, nehmen wir an, Licht hätte plötzlich keine Geschwindigkeit mehr. Lichtstillstand. Hell wäre es, wenn es nicht gerade in der Nacht geschähe. Ewiger Tag oder ewige Nacht." Mit einem Lächeln ausgefüllte Pause. "An einem herrlichen Maitag, so um die Mittagszeit könnte das Licht stehen bleiben. An einem schönen Tag, es grünt überall, dazu das Gelb der Rapsfelder, das Weiß der Obstbaumblüte. Für immer Frühling. Aber es würden uns keine neuen Informationen mehr erreichen. Und was würden wir sehen?" Irgendwo im hintersten Gehirneckchen verborgen ein Wort: Schrecklich! Der Ein-Wort-Gedanke erweitert sich, formt sich aus. Dürfte sich die Erde drehen? Um sich selber und um die Sonne und das ganze System um ...? "Immer taghell, mittags wie auch um Mitternacht taghell. Jeden Tag, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr. Wie soll man da schlafen können? An anderer Stelle der Erde wäre es Nacht, für immer Nacht. Aber das bräuchte uns nicht zu kümmern, bei uns ist es ja hell. Die Menschen an einem anderen Erdenpunkt, sie hätten eben Pech. Wir würden sie deswegen bedauern, manchmal."

Er schmunzelt. In der Menge entdeckt er bekannte Gesichter, Kollegen, die Referendarin nickt ihm begeistert zu. Und sie kommt auf ihn zu. Zieht sich aus. Die Bluse, den Rock, den Büstenhalter. Trägt sie überhaupt einen BH? So genau wagte er nicht hinzusehen. Aus der Sonne kommt sie, wird größer, ist nackt. Hat den Busen seiner Frau, den Bauch, die Schamhaare, die Schenkel. Er versucht seine nackte Frau zu verdrängen, die nackte Referendarin zu sehen. Doch seine Gedanken liefern ihm immer nur seine eigene Frau, nur ihren nackten Körper, den er seit einem Vierteljahrhundert so genau kennt. Er presst seine Augen ganz fest zusammen. Denkt: Lichtstillstand. Befiehlt: Lichtstillstand! Sieht seine Frau. Flucht. Kehrt in Gedanken zurück zum Vortrag. Der Saal, die Referendarin nickt ihm aufmunternd zu. Er räuspert sich: "Angenommen, an einem schönen Maitag würde das Licht stehenbleiben", fährt er in seinem Vortrag fort. "Ich stehe auf, will Kaffee kochen. Aber halt. Ich hätte keine Informationen, würde nichts sehen. Kein Licht würde mich rechtzeitig vor der Wand oder der Treppe warnen. Ich kann ja nur sehen, weil Licht von der Wand und der Treppe reflektiert und sich hin zu meinen Augen bewegt. Trotz aller Helligkeit, ich könnte nur immer das sehen, was sich zum Zeitpunkt des Lichtstillstandes als Information in dem Raumteil befand, in dem sich bei meiner Bewegung gerade meine Augen befinden. Wo würde ich meine Frau finden, in die ich noch immer verliebt bin, der ich gerne eine Kuss geben möchte? Ich würde sie dort finden, wo sie sich zum Zeitpunkt des Lichtstillstands befand. Und wenn sie sich weiter bewegt hat? Dann würde ich dort nur die Information von ihr finden. Könnte sie nicht umarmen, ihre Wärme spüren. Meine Frau selber wäre wo? So würde es mir mit allen Dingen gehen - wobei ich meine Frau nicht als ein Ding bezeichnen möchte - den Autos, den Vögeln, den Fahrradfahrern. Ich würde einerseits nichts sehen, was sich an dem Ort, den ich gerade betrete, wirklich befindet, andererseits die Dinge sehen, die sich dort zu dem Zeitpunkt befanden, als der Lichtstillstand eintrat. In aller Helligkeit mit offenen Augen sehen und zugleich doch blind sein. Gespenstischer Zustand aller beweglichen Körper. Weiter mag ich mir dieses nicht vorstellen. Hoffe, dass das Licht nicht stehen bleiben wird."

Kluge verschränkt seine Hände unter seinem Kopf. Er könnte mit der Referendarin schmusen, vögeln. Seine Frau, nur wenige Schritte entfernt, würde es nicht bemerken können. Welch eine Vorstellung. Nur leise müssten sie sein. Kein schnaufendes Atmen, kein lustvolles Stöhnen. Ungesehen in aller Öffentlichkeit. Welch ein Gedanke. Er ist zufrieden. Sein Kopf ist frei. Und in diesen Augenblick der Gedankenleere sieht er sich wieder am Rednerpult stehen, sieht, wie er eine Pause einlegt, zum Glas greift, einen Schluck Wasser trinkt, das Auditorium überfliegt, den ärgerlichen Blick seiner Frau bemerkt, schnell darüber hinweggeht, von seiner Schuld abzulenken versucht, indem er nach Bekannten sucht, dann im Vortrag fortfährt: "Wie ich auf darauf komme, die Situation eines Lichtstillstands durchzuspielen? Der Gedanke, dass die Zeit stehen bleiben könnte. Irgendwie ist es ähnlich dem Lichtbeispiel. Das kann, naturwissenschaftlich betrachtet, nicht eintreten? Ja und nein. Sicher, die Zeit als naturwissenschaftliche Größe wird auf der Erde nicht still stehen. Die Zeiger einer Uhr werden sich immer weiter drehen, in jeder Sekunde wird sich eine Zeigerstellung wiederholen, die es zwölf Stunden vorher schon gab. Immer wieder gleiche Zeigerstellungen bis die Energie für die Bewegung restlos in eine andere Energieform umgewandelt wäre. Als Nichtnaturwissenschaftler würde ich es als Energie verbraucht bezeichnen. Dann wäre Schluss. Oder die Energie würde von uns durch Aufziehen des Federwerks oder Einsetzen einer neuen Batterie erneuert werden, die Zeiger sich wieder weiter bewegen. Ewiges Leben in absoluter Gleichförmigkeit. Letztlich wäre die Zeit, relativ gesehen, stehen geblieben. Für uns nur mehr in einem Zeigerumlauf unterscheidbar. Die dreihunderste oder die millionste Umdrehung der Zeiger für uns nicht wahrnehmbar, wir würden die Zeitunterscheidung nicht mehr registrieren können. Nun, eigentlich soll mich das nicht interessieren, das ist Sache der Naturwissenschaftler. Einige von ihnen beschäftigen sich mit einem besonderen relativen Zeitstillstand: dem ewig lebenden menschlichen Körper. Für mich ein verführerischer Gedanke: ewiges Leben. Keine wirkliche Krankheit, kein weiteres Altern. Dass mein Sohn auf ewig jünger ist als ich ... Vielleicht werden die Naturwissenschaftler es schaffen, dass meine Falten wieder so verschwinden, wie sie im Fortschreiten der Zeit einmal entstanden. Vielleicht werden sie es schaffen, das ich wieder jung und dynamisch über die Erde schreite. Doch, denke ich an das gedankliche Beispiel Lichtstillstand, dann ahne ich irgendwo auch Nachteile, ja sogar Gefahren für mich. Der Knallerbsenstrauch-Maschendrahtzaun-Konflikt mit meinem Nachbarn würde sich nicht durch ein zur Zeit noch annehmbares natürliches Ereignis beenden. Entweder würde er weichen, umziehen - oder müsste ich ...? Im Alter von siebenhundertdreiundfünfzig Jahren hätte ich sicherlich jeden Punkt der Erde bereist. Bliebe mir die Hoffnung auf Urlaube auf dem Mars, dem Jupiter oder dem Pluto. Aber wäre das attraktiv für mich?"

Kluge wälzt sich aus dem Bett. Irgendwann muss es ja sein, redet er sich ein. Steht auf, streckt sich. Erste Schritte in Richtung Bad, in seinen Gedanken noch am Rednerpult: "Ich vermute, dass ein ewiges körperliches Leben, ein relativer Zeitstillstand, ähnlich wie der Lichtstillstand, große Nachteile hätte. Die menschliche Psyche mit der körperlichen Unendlichkeit nicht Schritt halten könnte." Kluge mag seinem eigenen Gebabbel nicht mehr zuhören, doch er kann sich diesem nicht verschließen, hört sich auf dem Flur: "Und so genieße ich den heutigen Tag, meinen Geburtstag, den vierundfünfzigsten. Ach ja, da sich auch das Licht bewegt, finde ich meine Frau problemlos und gebe ihr einen Morgenkuss. Ein schöner Tag und mein Geburtstag."



Aufheber   

Aufheber geht die Straße entlang. Eine Schlucht aneinandergereihter Häuser. Mietshäuser, zweistöckig, schmal, für alte Menschen, junge Menschen, kinderreiche Familien. Es ist Aufhebers Stadtteil. Als Student kam er in dieses Viertel, ein Zimmer und Kochplatte, Untermieter. Nach einigen Umzügen von einem Zimmer mit Kochplatte in ein anderes Zimmer mit Kochplatte, immer innerhalb des Stadtteils, manchmal nur zwei Eingänge weiter, bezog er vor fünf Jahren die jetzige Ein-Zimmer-Wohnung mit Kochzeile. Der Umzug war einfach, nur um die Ecke, ein Auto wurde dafür nicht benötigt.            

Aufheber geht. Jeden Tag geht er drei Kilometer zu Fuß. Früher als Student, später als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Promotionsabsicht, heute als promovierter wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die dünne Aktentasche hat er unter dem rechten Arm geklemmt. Beide Hände in den Hosentaschen, so hält sie sich fast von alleine, die abgewetzte Rindsledertasche, die der Vater jeden Morgen mit Frühstücksbrot und Thermoskanne ins Amt schleppte. Jetzt sind Wurststullen und Papier in der Tasche, irgendwelche Seiten, deren Text nicht mehr gebraucht wurde, deren freie Rückseiten ihm als Notizzettel dienen. Dagegen wenige Seiten mit handgeschriebenen Bemerkungen für das Seminar, mit unterstrichenen Begriffen - Erinnerungen an das zu Erledigende des Tages, hingeschmierte Sätze - Gedanken, Arbeit für den Schreibtisch. Eine Thermoskanne braucht er nicht. Im Institut gibt es Kaffeemaschinen. Er hat einen eigenen Becher und genügend Zeit zum Warten, zum Schwatzen, zum Vertrödeln hat er auch. Er ist so reich an Zeit, dass er sie zum Fenster hinaus werfen könnte. Darüber ist er im Stillen sehr zufrieden, schätzt sich als Glückspilz. Ausnahmsweise schaut er kurz hoch, höher, zum Himmel, ist erstaunt, dass der blau ist. Ein lichtes Blau. Es ist Sommer, fällt ihm dabei ein. Seine Augen richten sich wieder aufs Pflaster. Richten sich aus, so, dass er die Vorstöße seiner Füße gerade noch erkennen kann. Linker Fuß, rechter Fuß, linker, rechter, regelmäßiger Maschinentakt, Schuhspitzen, die ihm fremd sind. Aufheber hat den Kopf leicht eingezogen und nach unten gebeugt. Seine Augen fliegen wie immer voraus. Suchen Aufhebbares zum Aufheben. Finden Aufhebbares zum Aufheben.             

Aufheber ist fünfundvierzig. Doch das Alter interessiert ihn nicht. Wie ihn auch nicht interessiert, ob er der Mode oder der Jahreszeit entsprechend angezogen ist. Ein grüner und ein roter Socken? Ist passiert. Gab Getuschel und Gelächter im Seminar. Inzwischen hat er nur noch schwarze Socken. Und zwei Jeans und zwei Pullover, einige Hemden, immer ungebügelt. Alle fünf, sechs Jahre vielleicht ein neues Jackett. Und die Schuhe könnte er nicht vertauschen, besitzt nur ein Paar. Höchstens mit einem Schuh ... Aber das würde er spätestens auf der Straße merken, wenn die Schuhspitzen ins Blickfeld kämen. Die sich daraus stellende Frage, ob er dann zurück gehen würde, wäre rein hypothetischer Natur. Auch heute hat er an beiden Füßen Schuhe. Zufrieden lässt er wieder seinen Blick den Weg vorauseilen.             

Aufheber macht kein Aufhebens um das Aufheben. Er steckt einfach ein. Später, in seinem Zimmer im Institut, am Schreibtisch, kann er entscheiden: aufheben oder doch in die linke Schublade. Seine Schränke, Regale, der Schreibtisch, alles ist voll. Auch der Fußboden ist mit Papiertürmen und Zeitungsstapeln bebaut. Nur ein schmaler Zugang von der Tür zum Schreibtischstuhl ist einigermaßen frei, Hürden aus prall gefüllten Ordnern sind dabei zu überschreiten. In einem Regal sind Kästen für Aufgehobenes, das nicht aus Papier ist. Steine, rätselhafte Metallstücke, Plastikteile, deren Formen sich ihm bisher nicht erschlossen, Dinge, die sich bisher einer Ein- und Zuordnung verweigerten. Ärgerkisten nennt er sie. Und die Kisten brennen auf seiner Seele. Er hat sie in die hinterste Ecke verbannt. Doch der Gedanke, die Erinnerung an diese für ihn rätselhaften Teile, peinigt ihn jeden Tag aufs Neue. Drei Wochen benötigte er, bis er ein verchromtes Metallstück mit drei kleinen Bohrungen als ein Autoteil entschlüsseln und in den Kasten Autoteile umlagern konnte.   Aufheber hat das Glück, Aufschreiberin als Sekretärin zugeteilt bekommen zu haben, eine vernünftige Person, ruhig und gewissenhaft. Manchmal sitzen sie zusammen. Er sagt etwas, sie zückt ihren Block und ihren Stift. Er redet, sie schreibt. Während er redet, sie aufschreibt, überlegt er, wie er an ihren Zettel kommen könnte, um ihn aufzuheben. Einundzwanzigster-Dritter-Zweitausendsieben, Zehn-Uhr-Dreiundzwanzig, Gespräch mit Aufschreiberin ...             

Vor einigen Tagen hatte Aufheber großes Glück. Er fand etwas Besonderes, eine kleine Mappe, darin drei Seiten Bedrucktes. Es war eine Geschichte. Pflastersteine war sie überschrieben. Er las sie im Institut Aufschreiberin vor. Ein Junge radelt über die Pflastersteine einer schmalen Gasse in Visby auf der Insel Gotland, pfeift dabei die INTERNATIONALE. "Das ist sehr ungewöhnlich", sagt Stein zu Stein, Nachbarn seit mehr als zweihundert Jahren. "Ja, zum letzten Mal vor vielen Jahrzehnten gehört, damals, als viele Stiefel unter roten Fahnen und Transparenten marschierten." Wenn sie, die Steine, nicken könnten, sie würden sich jetzt nickend beipflichten. "War damals was anderes als heute diese Treterei der Turnschuhe der Touristen", der eine. "Tun nicht so weh", der andere, "aber tun trotzdem weh, diese Turnschuhtouristen." "Ist auch nicht mehr so spannend wie früher", wieder der eine, der ein männlicher Stein ist. "Wie meinst du das?", fragt der Stein, der ein weiblicher Stein ist. "Na, die Blicke hoch in die Röcke waren schon interessant." "Schwein!" Entrüstet sie. "Jetzt tragen alle Hosen, keine großartigen Einblicke mehr möglich", enttäuscht er. "Geschieht dir recht", spöttelt sie. "Früher", schwärmt der männliche Stein, "früher war das Dasein schöner." "Ja, vor allem die Treterei der eisenbeschlagenen massigen Ackergäule und die Eisenreifen der schwerbeladenen Wagen", hämische Antwort der Steinin. "Gut, manches ist im Laufe der Zeit besser geworden, da muss ich dir zustimmen. Die Gummireifen sind schon eine tolle Errungenschaft für uns." "Und denk mal zurück", so die Steinin, "dieser Gestank. Was sie uns zumuteten, Kot, Urin, Tierexkremente." "Ja", gibt der Stein ihr recht, "ist viel angenehmer geworden, allerdings die Hunde ... Und wenn sich einer über uns auskotzt ..." "Mit den Hunden, ja, das ist schlimm", so sie, "das andere, das Auskotzen hat abgenommen. Und denk doch mal daran", so noch immer sie mit einem schwärmerischen Ton, "wie sie uns fegen und bürsten, uns jeden Samstag waschen und ein tolles Make-up verpassen." "Typisch, daran misst du die neue Zeit." "Hast du gehört", so die Steinin, "einige Steine weiter soll es einen zerbrochen haben." "Ja", war so ein Schwächling von Kalkstein. Das hat er nun davon, der Angeber, hat sich was darauf eingebildet, weiß zu sein." "Und von hier zu sein", die Steinin, "ein Inländer, wie er immer wieder betonte." "Als ob er was besseres wäre", der Stein. "Nun ist er hin, der mit seinen vermeintlichen Privilegien. Das hat er nun davon, dieser Weichling. Geschieht ihm recht, dem Stein. Uns immer als Fremdkörper, als Ausländer, als Farbige zu bezeichnen. Dabei sind wir doch viel kräftiger." "Halten viel mehr aus", so der schwarze Granit. "Mich konnte er damit nicht ärgern", die Steinin mit Stolz, "ich bin eine Rotgranitin." "Auch von drüben?" Interessiert fragt es der Stein. "Ja, vom Festland", die Rotgranitin, "aus dem Norden." "Ich komme auch vom Festland, aus dem Süden", der Schwarzgranit. "Wird heute wieder heiß werden", der Schwarzgranit. "Die Sonne macht mir nichts aus", die Steinin. "Vielleicht kommt ja das Mädchen von gestern wieder." "Und schenkt uns ein bisschen von ihrem Eis. Vanille, war lecker. Nur warum das Mädchen so geschrien hat. Verstehst du das?" Er, der Stein würde mit dem Kopf schütteln, wenn er könnte. So kann er seiner Nachbarin nur mit NEIN antworten. Auch hätte er sie gerne einmal wieder berührt, so wie vor mehr als zwei Jahrhunderten, als sie zufällig eine ganze Zeit lang aufeinander lagen. Nun aber, seit so vielen Jahrhunderten beieinander immer diese Trennung durch grobkörnigen Fugensand. "Ja, wäre schön, mal wieder so aufeinander zu liegen", seufzt die Steinin. "Schwarz und Rot, das passt so gut", dichtet der Stein. Und wenn sie nicht schon rot wäre, jetzt würde sie es, denkt die Steinin und ist ein bisschen verschämt und doch zufrieden. Der Schwarze ist schon ein toller Stein, denkt sie und dass sie großes Glück gehabt hat, damals, als sie nebeneinander gepflastert wurden. Es hätte auch anders kommen können. Aufschreiberin applaudierte begeistert, lud Aufheber zu einem Kaffee ein. Später lieh sie sich die Geschichte aus, um eine Kopie zu fertigen.   

 Zum Team gehört auch Antrag. Er befindet sich seit langem in einer wissenschaftlichen Sackgasse. Weiß es, doch scheut er die Mühe eines Neubeginns. Er ist rund. Kopf, Bauch, Beine, alles rund. Egal von welcher Seite man ihn betrachtet, von links, von vorne, von oben: er ist rund. Immer in einem dunklen Anzug, weißem Hemd, Krawatte. Antrag stellt Anträge, Anträge, Anträge. Bei Arbeitssitzungen der Fachgruppe oder des Konvents vertritt er Aufheber, den stellvertretenden Institutsleiter, der den Institutsleiter zu vertreten hätte, da der mit seiner Zeit besseres anzufangen weiß.             

Während Aufheber grundsätzlich zu Fuß zum Institut geht, Aufschreiberin die typische Straßenbahnfahrerin ist - leidender Ausdruck an den Gesichtern der Mitfahrer vorbei und heimlich die Schlagzeilen der aufgeschlagenen Zeitungen mitlesend - kommt Antrag mit dem Taxi. Das Vorfahren - Chauffeur mit Mercedes für nur elf Euro am Tag - ist für ihn ein bedeutungsvolles Ritual. Ein anderer Wagentyp, ein Opel oder noch schlimmer, ein japanischer als Taxi, zerstört ihm die Freude am Tag.   

 Die Möglichkeiten der Polysophiekatalogie in der Abschwächung durch Minimierungssubtraktionen im atomistischen Raum, so das Thema der Vorlesung, die Aufheber heute zu halten hat. Neunzig Minuten, er könnte nicht mal zwei Minuten darüber reden, so leer ist ihm der Kopf. Viertes Regal, fünftes Fach, dritter Stapel. Aufheber überlegt einen Moment. Dreizehnkommafünf Zentimeter von unten. Seine Finger werden in den Stapel fahren, werden Papier herausholen, blättern, ein Blatt mit handgeschriebenen Notizen hervorziehen, es überfliegen, das Blatt wieder in den Stapel im Fach zurückschieben, kurz mit der Hand prüfen, dass alle Papiere wieder richtig liegen, keines hervor sticht. Dann wird er bereit sein, wird auch länger als neunzig Minuten vortragen können.            

Ein Zeitungsrest auf dem Gehweg erregt seine Aufmerksamkeit. Werbung eines Lebensmittelmarkts. Bohnen in Dosen, kalifornische Pfirsiche, Marmelade, Schokolade. Er faltet das Papier und steckt es ein. In einigen Jahren wäre es interessant, die Preisveränderungen zu vergleichen. Aufheber geht weiter, bereitet sich auf den Arbeitstag vor, sucht mit den Augen den Bürgersteig ab. Vor zwei Wochen hatte ihm Antrag den Antrag eines Kollegen gegeben. Aufheber ordnete ihn in sein Regalsystem ein. Es war erst der zweite Antrag auf die Anschaffung einer Sache, ohne die der Kollege sich außerstande sah, seine wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen. Aufheber reagiert erst beim dritten Antrag, wird erst dann bestellen. Das weiß jeder. Keiner beschwert sich. Im Gegenteil. Dank des Archivierungsverfahrens von Aufheber hat das Institut immer eine Menge Geld zur Verfügung und kann die wirklich wichtigen Anschaffungen - dritter Antrag - tätigen. Aufheber rechnet heute mit dem dritten Anlauf in der Sache. Das regt ihn nicht auf. Die viele Hundescheiße auf den Gehwegen, die regt ihn auf. Immer häufiger muss er die Länge seiner Schritte verändern. Er verliert den gewohnten Rhythmus, muss bewusster Gehen, kann sich nicht so sehr auf das Aufheben konzentrieren. Ein ärgerlicher Morgen. Aber nur noch eine Ecke, dann der Vorplatz, der Eingang, drei Treppen, den halben Flur, ein Hallo für Aufschreiberin. Ungewohnter Rummel, registriert Aufheber. Feuerwehr. Muss was passiert sein. Ärgerlich. Er muss den zweiten Eingang nehmen. Treppenstufen, dritter Stock, Qualmgeruch, behelmte Männer, Schläuche auf dem Boden. Aufheber stoppt. Schaut den Flur entlang, weiß. Er geht die wenigen Schritte zurück zum Treppenhaus, steigt weiter hoch, sechster Stock, zum Dach. Wenigstens hier frische Luft. Sein Zimmer, seine Papiere, alles verbrannt. Er geht zum Dachrand, schaut hinunter, sucht unten einen freien Platz.             

Aufschreiberin sieht einen Mann im Hof liegen. Schreibt auf, dass Feuerwehrmänner Aufheber aufheben, ihn auf eine Trage legen, den Reißverschluss der schwarzen Plastikhülle schließen. Antrag steht neben ihr, diktiert einen Antrag auf Neubesetzung des Postens eines stellvertretenden Institutsleiters.    


Der Dreizehnte 
 
Mutz fährt los, fährt spontan los. Vorher traf er zufällig Weber, mit dem er das Büro in der Hauptverwaltung einer Versicherung teilt. Weber war in Eile. Brummelt: „Muss los, sofort los, will X in Y treffen.“ Er stieg in seinen Wagen und fuhr los.  Er fährt auch los. Nein. Vorher trifft er noch sie. Sie ist blond, lange blonde Haare und ihr Gesicht ein einziges Lachen, Anlachen. Sommersprossen hüpfen ihr auf Wangen, Stirn und Nase. Sie sprechen kurz miteinander. Zu kurz. Er hätte sich gerne länger mit ihr unterhalten. Die ganze Nacht. Über ihre Geschichte, an der sie sicherlich schreibt. Sie könnte ihm doch die neue Geschichte vorlesen.„Sie“, so sagte sie und lächelt ihn dabei an, „ sie muss unbedingt nach Y.“ Mutz fährt also los. Unterwegs begegnet er überbreiten Militärfahrzeugen auf riesigen Reifen. Wie gefährliche Superreptilien, angsteinflössenden Riesenkrokodilen mit glühenden Augen und aufgerissenen Rachen kommen sie ihm vor. Nehmen fast die ganze Breite der Straße ein. Doch er kommt vorbei. Irgendwie kommt er an ihnen vorbei, ohne seine Geschwindigkeit zu reduzieren. Er fährt Weber nach, auch ihr. Ihm fällt ein, dass auch er nach Y muss, um dort X zu treffen. Wie Weber und sie, fällt ihm ein, jedoch nicht, warum er selber X in Y treffen will. Klar nur: X ist männlich und Y eine Garnisonsstadt.  Weber bremst, hält. Auch Mutz stoppt. Weber parkt ein. Auch er sucht eine Parklücke. Weber steigt aus, geht auf einen hohen Bretterzaun zu, verschwindet durch ein offenes Tor. Auch er steigt aus, geht auf das Tor zu. Sieht sich nochmals um. Auf der anderen Straßenseite stehen vierstöckige Häuser, graue Fassaden mit regelmäßig angeordneten Fensterreihen und einem Torbogen, einer Schranke. Soldaten stehen davor, Wachsoldaten. Stehen da, Gewehr geschultert. Er sieht nur kurz hin. Bemerkt ein weißes Auto, langsam fährt es. Es kommt ihm bekannt vor. Eine Frau sitzt darin, lange blonde Haare, er sieht ihr Lächeln, erkennt sie. Sie fährt an ihm vorbei. Soll er ihr nach? Er sieht dem weißen Wagen nach, der hinter einer Biegung seinen Blicken entschwindet. Sie will X treffen, erinnert er sich und auch er will X treffen, weiß aber nicht warum.  Er folgt Weber durch das offene Bretterzauntor. Steht nun auf dem Grundstück. Fast so groß wie ein Fußballfeld ist es, vollständig von einem hohen Bretterzaun umgeben. Mitten auf dem Grundstück eine längliche Holzbaracke. Davor Soldaten in kleinen Grüppchen, stehen herum, andere sitzen auf Bänken, trinken Bier. Von Lagerfeuern kommt rötliches Licht und die Körper werfen Schatten. Rot und schwarz sind die vorherrschenden Farben. Das Grün des kurzen Rasens ist dunkel, fast schwarz. Eine Frau kommt auf ihn zu, kurze schwarze Locken. „Das es dich noch gibt“, sagt sie, lächelt ihn an. Er weiß nicht, wer sie ist. Kann sie nicht in seiner Vergangenheit finden. „Das es dich noch gibt“, freut sie sich und hat ihn schon fast erreicht. Er sucht immer noch vergeblich nach Erinnerungen. Plötzlich ahnt er Jemanden neben sich, sieht sich um, sieht Weber aus einer Bierflasche trinken. Auch er hat eine Bierflasche in der Hand, woher weiß er nicht. Die Frau mit den schwarzen Locken hebt ihre Flasche und prostet ihm zu. Er nickt, lächelt verlegen, trinkt einen kurzen Schluck. Wundert sich, dass weder sie noch Weber sich an den Gewehren in seinen Manteltaschen stören. Woher hat er sie? Er weiß es nicht. Fühlt ihr Gewicht. Im Wagen hatte er noch keine Gewehre, auch keinen Mantel. Wahrscheinlich kennt sie ihn von einer Kontaktanzeige her. Telefonieren, Treffen, vielleicht gevögelt. Vergessen. Früher hat er auf viele Kontaktanzeigen geantwortet, meist jedoch lieber selber eine aufgegeben, drei, vier Mal im Jahr. So konnte er auswählen. „Bin jetzt verheiratet“, sagt sie. Ein Hauch von Stolz meint er in ihrer Stimme zu hören. „Bin noch ledig“, antwortet er und sieht sich nach Weber um, der seinen Blick über die vielen Köpfe wandern lässt, dabei keinen suchenden Ausdruck, eher einen gelangweilten auf dem Gesicht hat. Auch er lässt seinen Blick über die vielen Köpfe wandern und zugleich sucht er krampfhaft in seiner Vergangenheit nach ihr, ihrem Namen und ob sie sich getroffen und vielleicht ... Er sieht sie heimlich an: Ihr Gesicht, ihren Körper ... Nein. Nicht auffindbar in der Vergangenheit. Plötzlich fühlt er sie. Sie lehnt sich an ihn, er hält ihrem leichten Druck stand. Vielleicht ...? Obwohl sie verheiratet ist? Fast hätte er mit den Schultern gezuckt. Langsam fährt ein weißes Auto zwischen den Lagerfeuern und den Menschen über das Grundstück, kommt auf ihn zu. Er erkennt die Fahrerin sofort. Sie, die blonde, sie lächelt, winkt ihm zu. Mit ihr würde er gerne den Tag verbringen und den nächsten Tag, auch die Nacht zwischen den Tagen. Sie kommt auf ihn zu, fährt weiter, an ihm vorbei. Er sieht ihr nach. Entdeckt Weber neben ihr sitzen, seinen Arm um sie legen.  Die schwarzgelockte lehnt sich nicht mehr bei ihm an. Sie ist verschwunden. Auch die anderen Menschen. Er hört nichts. Doch. Er hört ein schrilles Signal. Eine Sirene? Und Licht sieht er, wird geblendet. Und nackt fühlt er sich, kein Mantel, auch keine Gewehre in den Taschen. Nackt. Mühsam dreht er sich, steht aus dem Bett auf, schlurft ins Bad, nackt unter die Dusche.  Es ist immer alles gleich, denkt Mutz, jeden Tag mühsames Aufstehen, Duschen, Rasieren ... Montag, Dienstag, ..., ein Tag wie der andere. Samstag und Sonntag ausgenommen. Es müsste einmal etwas passieren, denkt er, während er Kaffee trinkt, vom Brötchen abbeißt, die Überschriften in der Zeitung, die Fotos überfliegt. Es passiert so viel und er liest vom Passierten in der Zeitung. Nur auf der Wetterkartenseite steht nichts Passiertes, nur das, was passieren würde und dann doch nicht so eintrifft, wie es am Vortag in der Zeitung stand. Wenn doch nur einmal was passierte. Er schenkt sich Kaffee nach. Etwas Außergewöhnliches ... Er beißt in das Brötchen und er spürt etwas. Fühlt vorsichtig mit der Zunge und ... Ein Stück Zahn ist abgebrochen, von einem Schneidezahn, dem überkronten. Das hätte nicht passieren dürfen, flucht er. Das nicht! Und nicht heute, wo er einen so wichtigen Termin hat. Einen Termin mit Frau Schmitz, mit ihr um zwölf in der Kantine verabredet ist. Er steht auf und betrachtet sich im Spiegel. Oben links eine hässliche Lücke. Nur ein kleiner Stummel steht noch. Ausgerechnet heute, wo doch vielleicht einiges mit ihm und Frau Schmitz passieren kann. Aus dem Radio schmeichelt sanfte Musik, Schmusemusik für Verliebte. Er hat nie geliebt. Freundinnen hatte er ..., aber geliebt? Richtig verliebt geliebt? Nein. Es hat sich bislang nicht ergeben. Doch heute hätte es sich ändern können, das verabredete Treffen in der Kantine mit Frau Schmitz hätte vielleicht ein Anfang sein können. Frau Schmitz, die mit Vornamen Heiderose heißt, achtundvierzig Jahre alt ist, im September, genauer am 21. September Geburtstag hat, dann neunundvierzig wird. Jungfrau. Sternbild Jungfrau. Und nun ist es passiert, wo doch sonst nie etwas passiert. Jacketkrone abgebrochen. Mit geschlossenen Lippen lässt sich nicht flirten, flucht er, verflucht seinen Zahnarzt, den Bäcker, die Sonne, Mond und Sterne. Mit verschlossenem Mund lässt sich nicht flirten, auch nicht mit Frau Schmitz. Sie wird sein Schweigen auf sich beziehen und ihn als hochnäsig ansehen, oder denken, er würde sich nicht für sie interessieren. Ein scheußlicher Tag. Schon der Traum in der Nacht, wirr und unverständlich. Sonst träumt er nie. Hat einen festen Schlaf. Kanonen könnte man neben ihm abschießen, er würde es nicht merken. Kaugummi. Wenn er Kaugummi ... Durchgekaut und modelliert ... Er geht in die Küche, sucht Kaugummi, öffnet ein Päckchen, kaut Kaugummi. Wieder zurück zum Badezimmerspiegel, Mund geöffnet, ein Stück des zerkauten Kaugummis als Zahnersatz geformt. Jedenfalls sieht man nun keine Lücke mehr. Aufgeregt sitzt Mutz im Büro, zum Glück hat Kollege Weber einen Außentermin. Zehn Uhr, noch zwei Stunden, zwei lange Stunden. Um sich abzulenken spielt er am PC ein Kartenspiel. Auf dem Weg zur Arbeit hat er sich an einem Kiosk genügend Päckchen Kaugummi gekauft, ausreichend für eine Woche Zahnersatzmodellieren. Am Schreibtisch war seine erste Handlung der Griff zum Telefon, um sich für den nächsten Tag einen Termin beim Zahnarzt geben zu lassen. Die Patience geht nicht auf, ein Klick und neue Karten erscheinen auf dem Monitor. Neues Spiel, neues Glück, denkt er und muss zugleich an Frau Schmitz denken. Mit ihr könnte er sein Glück machen. „Na, sie sind mir einer.“ Erschrocken fährt Mutz herum, sieht die Püschl mit einem frechen Grinsen. Püschl, Arbeitskollegin von Frau Schmitz. Die Püschl, das laufende Gerücht. Sie kommt näher, bedrohlich näher, die Püschl. Klein, dick, dumm, die Püschl, denkt Mutz und zieht unwillkürlich den Kopf ein. Rundes Gesicht, vollbrüstig, breithüftig, dickbeinig. Die Püschl das genaue Gegenteil von Frau Schmitz.  „Schönen Gruß von der Schmitz soll ich ausrichten.“ Die Püschl grinst, zeigt dabei ihre Zähne. Wie ein fletschender Köter, fällt Mutz ein.  „Sie hat angerufen, dass sie heute nicht kommen kann.“ Die Püschl setzt sich eine bedeutungsvolle Mine ins Gesicht. „Nicht zur Arbeit und nicht zum Treffen mit ihnen.“ Ihre Augen feuern Flammen gegen ihn. „Ihr ist etwas passiert.“ Sie foltert mich, denkt Mutz, foltert mich und hat daran großes Vergnügen. Er möchte sie rausschmeißen. Sofort rausschmeißen. Mit einem kräftigen Tritt in ihr breites Hinterteil. Abschießen, wie eine Kanonenkugel, schweres Kaliber, abfeuern. Irgendwo wird sie, die Püschl-Kanonenkugel wie eine Bombe landen und Vernichtung bringen. „Ich habe ja gute Zähne“, feixt die Püschl, „aber die Schmitz ...“ Wieder ein breites Grinsen. „Ihr ist beim Frühstück eine Zahnbrücke gebrochen.“




Die Besuche der Katze   

Sie kommt, manchmal. Unregelmäßig kommt sie. Kommt vorbei, auf einen Sprung vorbei. Springt auf meinen Lehnsessel. Weiß, was bequem ist. Legt sich, kuschelt sich ein, sieht mich mit verschlafenen, schmalen grünen Augen an, manchmal. Schließt ihre Lider, stört sich nicht, nicht an mir. Kümmert sich nicht um mich, nur um sich. Ärgerlich, diese Besuche der Katze. Ihre Ignoranz mir, der ganzen Welt gegenüber. Dass sie das kann. Es regt mich jedesmal aufs Neue auf. Ihre Gleichgültigkeit, so wahrhaftig, so ungespielt. Spielen wird sie wahrscheinlich nur mit Mäusen, von ihr erjagten Mäusen und bei ihren Besuchen mit mir. Ihre senkrecht-elliptischen grünen Pupillen in waagerecht-elliptisch verkniffenen Augen. Kreuzworträtsel, zwei waagerecht, drei senkrecht, Rätsel. Kreuzworträtsel, die Augen dieser Katze. Es ist eine Katze, muss eine sein. Kein Kater. Muss eine Katze sein, denke ich, was soll schon ein Kater bei mir. Milch vielleicht? Oder Fleisch, vielleicht Fisch? Sie, die Katze, sie will keine Milch, kein Fleisch, keinen Fisch. Nur meinen Lehnsessel, für Augenblicke, Minuten bis Stunden. Meist Stunden. Ganze Ewigkeiten. Meinen Lehnsessel will sie und meine Aufmerksamkeit. Will mich stören. Genießt es, hinter ihren geschlossenen Lidern genießt sie die durch sie verursachte Störung, weiß um meine Aufmerksamkeit, genießt sie. Scheinbar Unaufdringlich fordert sie aufdringlich meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Unaufdringlich Aufdringlich ist sie. Fordernd ist sie. Übt Gewalt aus, verschlafen tuend, übt sie Gewalt gegen mich aus. Sie weiß es, ich weiß es. Und auch, dass ich machtlos, regelrecht hilflos bin. Sie weiß es. Genießt es. Bei jedem ihrer Besuche aufs Neue. Das gleiche Spiel. Auf leisen Pfoten, vorsichtig anschleichend, durch die offene Tür vom Garten her eindringend. Dringt ein: In das Zimmer, meinen Raum, in mein Haus. Nein. Nur in den Raum, in das Zimmer, in mein Zimmer. Und nur wenn ich da bin. Verharrt einen Augenblick. Einen kurzen Moment nur, bis ich sie bemerke, sie meine Aufmerksamkeit hat. Sie sich ohne Laut, nur durch ihre Anwesenheit sich mir bemerkbar gemacht hat. Dann geht sie weiter, zielgerichtet zum Sessel, springt hinauf, dreht sich, sucht, findet für sich die beste Position zum Liegen, legt sich, schaut nochmals kurz zu mir, mit diesen senkrecht-elliptischen grünen Pupillen in den waagerecht-elliptischen Augen, weiß. Weiß, dass sie meine Aufmerksamkeit hat, schließt gelassen-beruhigt ihre Lider. Lässt mich alleine. Alleine mit ihrem Anblick, weiß, dass ich keinen anderen Blick haben kann. Und wenn doch einmal, sie fühlt es, weiß es, öffnet sie ihre Augen, nur schmale Schlitze, blinzelt zu mir herüber. Und ich weiß, dass sie mich ansieht, mich mustert, mir befiehlt, zu ihr zurück zu kehren, mit meinen Blicken, meinen Gedanken. Meine Gedanken, wo immer sie auch waren, werden von ihr angezogen. Ich sehe sie, die Katze. Sie weiß es, kann beruhigt wieder ihre Augen schließen, schließt sie. Sie ist sich so sicher, die Katze, die mich manchmal besucht. So verdammt sicher. Dass sie mich wieder in ihren Bann gezogen, mich wieder eingefangen hat. Ich könnte etwas nach ihr werfen, kann es nicht. Sie weiß, dass ich es nicht kann. Schläft weiter. Oder tut nur so. Sie macht mich wütend. Ich möchte etwas nach ihr schmeißen, sie damit treffen, sie verletzen. So, wie sich mich mit ihrer impertinenten Ignoranz verletzt. Möchte sie wenigstens verjagen, vom Sessel, meinem Lehnsessel, aus meinem Zimmer, aus meinem Haus, vor allem aus meinem Blick und auch aus meinem Sinn. Sie brummt leise oder schnarcht oder schnurrt. Sie fühlt sich wohl. Ich fühle mich unwohl. Sie genießt. Ich ärgere mich. Sie genießt mich, ich ärgere mich über sie. Kommt sie deshalb? Deshalb mich manchmal besuchen? Es ist kein Besuchen, es ist ein Eindringen, Eindringen nicht nur in meinen Raum, sondern Eindringen in mein Innerstes. Füllt es vollkommen aus, lässt für Anderes keinen Platz. Wenn es anders wäre, würde, so glaube ich, würde sie fauchen, mich anspringen, mir das Gesicht mit ihren scharfen Krallen zerkratzen. Gefährlich ist sie, ahne ich, gefährlich, wenn sie nicht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen wüsste. Biest. Nur in Gedanken. Du Biest, fluche ich. Sie öffnet eines ihrer Augen, schlitzig, grüne Pupille, warnend. Gefährlich, signalisiert sie mir. Ich denke nicht mehr Biest, denke lieber überhaupt nichts. Sehe sie nur an. Sehe, wie sie müde-gelassen das Auge wieder schließt. Mit Frauen war es so, ebenso. Kamen manchmal zu mir herein, zu Besuch, für Minuten, Stunden, eine Nacht, manchmal länger. Nahmen sich meinen Raum als den Ihren, für Stunden, für Tage, Nächte. Ganz Selbstverständlich nahmen sie, nahmen mir alles, meinen Raum, meine Gedanken, manchmal auch meinen Körper. Das macht die Katze nicht. Nicht einmal streicheln lässt sie sich, jedenfalls nicht von mir. Will keine Zärtlichkeit, keine Freundschaft. Ist eine wilde, eigenständige Katze. Die Frauen waren es auch. Doch Zärtlichkeit wollten sie, erst und immer nur Zärtlichkeit. Gaben keine zurück. Wie die Katze, die nichts gibt, nur nimmt, mir alles nimmt, wenn sie da ist. Sich wie selbstverständlich in meinem Lehnsessel ausbreitet, sich ausruht, so tut, als würde sie mich nicht stören, so tut, als wenn sie schlafen würde. Auf der Hut ist. Eine falsche Bewegung. Aufspringen, fauchen. Wie die Frauen auffuhren, mich anfauchten, anschrien. Mit Blicken mordeten. Mich mordeten. Töteten, damit keine andere... Die Katze, wenigstens mordet sie nicht. Könnte aber, vermute ich, würde, wenn ich ihrem Willen nicht entsprechend gehorchen würde. Mich anfauchen, mir die Augen auskratzen, mich töten. Sie treibt mich zum Wahnsinn. Wenn sie doch nur wieder gehen würde. Wie die Frauen, einfach gehen, nicht wiederkommen würde. Mir meinen Raum lassen, mich ich selber lassen würde. Aber die Katze, wenn sie denn gehen würde, würde wiederkommen. Wieder und wieder kommen, zu Besuch kommen und meinen Lehnsessel, meinen Raum, meine Aufmerksamkeit, mich vollständig beanspruchen wollen. Ohne die Besuche der Katze. Herrlich. Ohne sie... Ohne... Ich wäre einsam, fühle ich, möchte das Gefühl mit Gedanken beiseite schieben. Die Katze rührt sich nicht. Nicht einmal ein Auge öffnet sie bei meinem Gedanken. Kein Auge, kein Blick. Es interessiert sie anscheinend nicht. Oder nimmt sie mich, meine Gedanken, nicht ernst? Ich will keine Störungen mehr, keine Besuche, weder von der Katze noch von Frauen. Ohne sie, ich ahne es, weiß es, aus Erfahrung der vielen letzten Jahre weiß ich es, ist es einsam, sehr einsam um mich. Auch jetzt kein Augenaufschlag. Sie weiß es, ist sich sicher, dass ich ohne ihre Besuche, ohne ihre Aufdringlichkeit, lautlose Anwesenheit, die sie bestimmt, mehr als einsam wäre. Lebendig in meiner Pyramide Haus, im Zimmer, am Schreibtisch eingeschlossen wäre. Nur sie, ihre Besuche bringen von außen Leben zu mir. Das weiß sie, ganz sicher weiß sie es. Und in mir plötzlich die Befürchtung, aufsteigende Angst, sie könnte, wolle mich eines Tages nicht mehr besuchen.  



Katja und Beethoven   

 Katja, funkelnde Augen, lachende Sommersprossen, Lippen wie Kissen, zum Küssen. Nach Levanders Blumenreihenfolge mehr als eine Levkoje. Katja ist Levanders Kommilitonin. Sie sind im selben Seminar, arbeiten an einer gemeinsamen Arbeit. Umbau einer alten Scheune zu einem Dorftreff. Er träumt mit seiner Hand über den Stoff ihrer Kleidung zu streichen, der sich dabei auflöst, er ihre warme Haut spüren könnte. Ein Traum, der Traum und die Frau. Katja und BeethovenEin Abenteuer, die Reise mit den Händen von Sommersprosse zu Sommersprosse. Die Landschaft ihrer Hügel und Schluchten zu entdecken, die Höhle … Er träumt sie sich traumhaft sanft und anschmiegsam, spürt sie warm und schwitzt durch die Ungeheuerlichkeit seines Träumens. Heiß wird ihm. Einen Kamin sollten sie einplanen, einen frei stehenden, von allen Seiten sichtbaren Kamin. Katja ist praktisch veranlagt, wird seine Idee sicherlich nicht begeistert begrüßen. Er wird sie überzeugen müssen. Rotwein und Musik für die richtige, romantische Atmosphäre. Beethovens 9. Sinfonie, den dritten Satz daraus, den langsamen. Die Musik wird Katja unter die Haut gehen. Sie ist sehr erotisch, Katja und eben diese Musik. Das Lischt gelöscht, auf dem Rücken liegen, die Augen schließen. Levander schiebt die CD ins Laufwerk, drückt den 3. Satz, legt sich auf den Rücken, schließt die Augen. Die sich weit ausdehnenden Töne streicheln ihn und die Melodie hebt ihn an. Ganz leicht fühlt er sich und neben sich fühlt er Katja. Sie liegt ohne Gewicht auf ihm. Er legt Zeigefinger und Daumen aneinander, fährt damit auf ihren Wirbeln herunter, so als ob er den Reißverschluss öffnen würde. Unten angekommen legt er alle Fingerspitzen der Hand auf ihre Haut und lässt sie hinauf bis zum Nacken und ihren Haaren gleiten, dann ganz sacht wie die Streicher streicht er mit der Hand über ihre Haut nach unten, schiebt sie zwischen Slip und Haut und schiebt sich über die Rundungen ihres Pos, umstreichelt sie, als wäre es die ganze Welt. Diesen Kuss der ganzen Welt, denkt er und denkt, dass das erst später im 4.Satz kommt. Zu laut und zu aufdringlich, denkt Levander, nicht der Kuss, sondern die Töne, die Musik. Er wird den CP-Spieler auf Wiederholung des 3.Satzes programmieren. Wird das Streicheln über ihren Rücken wiederholen, seine Finger werden wie ein Violinenbogen über ihre Seiten streicheln, erotisch-zärtliche Töne in Katja zum Klingen bringen. 

 Es klingelt. Levander ist irritiert. Katja jetzt schon? Aber es ist nicht die Wohnungsklingel, sondern das Telefon. Es ist Katja. Sie entschuldigt sich. „Ulf hat mich ins Konzert eingeladen“, ihre Stimme klingt freudig aufgeregt, „die 9. Sinfonie von Beethoven wird gespielt. Ich mag diese Sinfonie, vor allem den dritten Satz, den langsamen. Ich liebe ihn. Die Musik geht mir unter die Haut, finde sie wahnsinnig erotisch. Levander ist betäubt. Von Ferne hört er noch „Wir können ja morgen Nachmittag an den Entwürfen arbeiten.“



Nur ein leiser Schrei ...   

 Acht Glasen. Die vier Doppelschläge der Schiffsglocke werden vom Wind über das Oberdeck getragen, verhallen in der Weite des Meeres. Die Zeit ist abgelaufen. Der Schiffsjunge greift zum Stundenglas, wendet es. Eine neue Zeit beginnt. Ein Durchlauf entspricht einer halben Stunde, ein Glockenschlag verkündet den Seeleuten den Ablauf der Zeit, das Wenden. Zur vollen Stunde Doppelschläge. Vier Doppelschläge, Wachwechsel. Am Tage und nachts. Routine seit Tagen, Wochen. Der Sand der Zeit rieselt im Stundenglas. Eine weitere halbe Stunde, eine neue Zeit für die neue Wache an Oberdeck der Santa Maria. Der Bug des Schiffes durchschneidet das Meer, zerteilt es oberflächlich, erzeugt Wogen und Schaum. Achteraus gurgelt das Wasser am Ruderblatt, findet sich wieder zusammen, beruhigt sich. Auf drei Kabellängen ist die Spur des Schiffes noch zu sehen, danach hat das Meer alles wieder eingeebnet, das menschliche Eindringen, das oberflächliche Durchdringen wieder verwischt. Acht Glasen, Männer kommen, Männer gehen. Nur der Schiffsjunge und der Kapitän bleiben auf ihren Posten. Der Junge mit ängstlichem Gefühl und immer das Stundenglas im Blick. Der Kapitän zuversichtlich und weit vorausschauend. Der dreiundvierzigste Tag auf See und noch immer nur Wasser.   

 Ein herrlicher Spätsommernachmittag. Erste bernsteinfarbene Blätter segeln in der Luft, schaukeln sanft der Erde zu. Wärme streichelt die Haut, Licht die Seele. Vater und Sohn sitzen sich im Biergarten gegenüber. Einmal im Monat ohne die Frauen. Männertag. Was macht ihr an Weihnachten?, fragen sie sich gegenseitig. Trinken einen Schluck. Und Silvester? Einen weiteren Schluck gegen die Pause. Viele Male haben sie sich schon im Schreiben neuer Jahreszahlen geübt. Immer nur eine neue Ziffer, alle zehn Jahre zwei. Eigentlich stimmt es nicht, wissen beide. Schreiben haben sie mit jeweils sechs Jahren gelernt. Zuerst den Namen. Immer wieder den eigenen Namen. Freiwillig. Den eigenen Namen immer wieder geschrieben, geübt. Das Tagesdatum erst später. Über die Hausaufgaben, bei Klassenarbeiten. In Kindertagen gibt es wichtigere Datums: Die eigenen Geburtstage. Am liebsten jede Woche! Als Kind kann man nicht schnell genug alt werden! Ein ganzes langes Jahr in der ersten Klasse. Dabei kann man doch schon längst lesen, schreiben, rechnen. Ein anderes Datum: Weihnachten, wegen der vielen Geschenke, danach Ostern, der Süßigkeiten wegen. Doch diesmal? Diesmal ändern sich alle vier Jahresziffern. Zum letzten Mal hat die Menschheit so etwas vor tausend Jahren erlebt. Das ist etwas besonderes. Diese Zeitenwende ist einmalig. Das erlebt man nicht noch einmal, prosten sie sich zu. Wissen nicht, dass die Juden das Jahr 5761 schreiben, die Chinesen...    

 »Laaand, Laaand in Sicht.« Der Schrei des Matrosen im Ausguck zerreißt die ängstliche Apathie der Männer an Oberdeck. Aufgeregt stürmen sie zum Bug der Santa Maria, halten Ausschau. Kolumbus atmet durch, ein stolzes Lächeln huscht über sein Gesicht. Der Schiffsjunge vergisst die Beobachtung des Stundenglases, sucht aufgeregt nach dem Land. Leise rieselt der Sand weiter durch das Glas, oben wie unten gleichviel, noch genügend Zeit bis zur Zeitenwende.   

 Der Lübecker Hanse-Kaufmann sitzt über seinen Büchern. Ein gutes Jahr. Keine Schiffsverluste durch Stürme oder Piraten. Ein wirklich gutes Jahr. Zur Jahreswende wird er ein weiteres Schiff in Auftrag geben, seine fünfte Kogge, größer als die bisherigen. Vom neuen Kontinent hat er keine Kunde, ahnt nicht, dass die Ostsee und Lübeck zukünftig nicht mehr im Mittelpunkt, sondern am Rande der Handelswelt liegen werden. Noch träumt er von größerem Reichtum und weiterem Machtzuwachs. Dabei ist seine Zeit als einflussreicher Hanse-Kaufmann in diesem Moment abgelaufen. Ein für ihn nicht vernehmbarer Schrei eines Mannes in unbekannter Wasserwüste kündete es ungewollt an.   

 Der Sohn will mit seiner Frau das Millennium in London erleben. Millionen werden dabei sein, sagt er. Dem Vater fällt Seid umschlungen Millionen ein. Denkt darüber nach, was Beethoven mit der Jahrtausendwende angefangen hätte. Eine zehnte Symphonie? Und wir sind dabei. Stolz sagt es der Sohn. Ob das neue Jahrtausend mit dem Jahr 2000 oder mit dem Jahr 2001 anbricht? Der Disput ist nur kurz, ihre Bierseidel sind leer. Wo ist die Bedienung? Die entsprechenden wissenschaftlichen Begründungen können sie beide nicht begreifen. Ist egal. Auch, dass so viele Menschen von einer Zeitenwende sprechen. Die Zeit ist linear, jedenfalls wenn man Einsteins Theorien nicht kennt. Sie läuft in gleichem Takt weiter. Eine Sekunde ist eine Sekunde. Gibt sich keine neue Richtung. Eigentlich gibt es keine Gegenwart, sagt der Vater, prostet dem Sohn zu. Was gerade noch Zukunft ist, wird in einer millionsten Sekunde schon Vergangenheit sein. Und der Sohn denkt, ob menschliches Verhalten ein Datum braucht, um sich zu verändern... In welcher Stunde begann die Liebe zwischen ihm und seiner Frau? Oder beim Vater und der Mutter? Bei beiden in der gleichen Sekunde? Oder lagen Tage, Wochen dazwischen? Den Hochzeitstag, den weiß der Sohn. Auch der Vater weiß seinen, er ist beurkundet und seine Frau hat ihn im Wandkalender rot markiert.     

 Lübeck ist nicht mehr der Mittelpunkt der Hanse. Auf Schiffen wird kein Stundenglas mehr gedreht, nicht mehr die Glocke geschlagen. Und ein Papst hat nicht mehr die Macht, einfach Tage einmalig in den kalendarischen Zeitablauf einzuschieben, wie es Gregor XIII 1582 befahl. Oder der französische Revolutionskalender mit zwölf Monaten zu je dreißig Tagen, den Jahreswechsel am 22.September... Im Zeitalter der Computer und der Globalisierung undenkbar.   

 Statt auf einer Millenniumsfete Champagner zu schlürfen, fremde Menschen zu umarmen, im Taumel der Aufregung die Umstehenden zu küssen, treffen sich Sohn und Vater an diesem so besonderen Silvester in einer Klinik. Fünf Wochen zu früh schreit Svende ihren ersten Laut heraus. Nur ein leiser Schrei. Zehn Minuten vor dem neuen Jahrtausend. Sohn und Vater sind nun Vater und Großvater und sehr stolz. Die Mutter glücklich erschöpft, die Großmutter selig. Kein Silvesterböller, kein noch so herrliches Gedonner ist vergleichbar mit dem kläglichen ersten Schreis. Kein Feuerwerk, auch nicht das herrlichste Millenniumsfeuerwerk, kann ihnen aufregender und schöner sein, als die Geburt von Svende.




Fremdheiten
 
Vor wenigen Tagen angekommen und noch immer nicht angekommen. Die fremdländische Stadt so fremd. Mit dem Flugzeug eingeschwebt, gelandet, untergebracht. Zimmer mit Blick aufs Meer, auf Sonnenuntergänge. Die Brandung kann er hören, tagsüber, nachts. Und immer die weite Wasserfläche sehen, ahnen; das Salz in der Luft riechen. Alte Stadt am Meer, Insel in der See. Schmale Gassen, gedukte Häuschen. Eingeschlossen. Die Stadt, die Menschen, er. Drei Seiten Mauern herum, mittelalterliche Mauern mit Tortürmen, die hoch aufragen, wie Wächter mit scharfen Lanzen dastehen, unbeweglich, drohend, mit schmalen Durchgängen, die ihn nach draußen Durchlaß gewähren würden. Doch draußen sind Neubauviertel, Weideflächen, Kiefernwälder, Meer.
Die Stadt im Spätsommer verlassen, verlassen von den Inländern und den Ausländern, den Feriengästen, den Ausflüglern, den stundenweise einfallenden Kreuzfahrtschiff-Touristen. Die Fenster der Häuser gardinenlos oder beiseite geschoben, lassen einblicken, durchblicken, durchs Fenster, durch den Raum, durchs gegenüberliegende Fenster. Puppenstuben. Keine menschlichen Bewegungen in ihnen. Abends schalten sich die Lampen automatisch ein. Geben warmes Licht ab, jedoch nicht zum Lesen, Sitzen, Essen, nur gegen, gegen unerlaubtes Eindringen, Vortäuschen von Leben in den Häusern, deren Bewohner längst wieder auf dem Festland sind. Dort arbeiten, schlafen, saufen, reden, vielleicht auch lieben, jedenfalls dort leben. Nur einige Sommerwochen in den kleinen Häusern zwischen den Mauern der Stadt verbringen. Jahreszeitlich ist er zu spät, viel zu spät in die Stadt gekommen. Noch sind die Touristengeschäfte geöffnet, bieten Unnützes mit großem Rabatt an. Locken an, doch es ist keiner zum Anlocken da.
Doch er, er ist da. Eingeflogen und nicht angekommen, noch nicht angekommen, wie er hoffte. Hofft noch auf ..., leere Stadt, was hat er erwartet? Weiß es nicht, vielleicht noch nicht. Kein Gespür für sich, die Stadt, für ... Nur Fragezeichen. Geflohen ist er. Das ging schnell. Einige Sachen in den kleinen Koffer, Zahnbürste, Rasierer, Ticket am Schalter, Flug, Flug über den, nein, in den Wolken. Kein Ausblick auf ..., kein Durchblick bei ihm. Kennt er sich? Seinen Namen, kennt er, das Geburtsdatum, die Schuhgröße. Zahlen. Gewicht, Körpergröße, Alter, Bauchumfang.
Sie hatten sich verlassen, zu Beginn aufeinander, später sich. Vor Jahren schon. Sie ihn und nun er sie. Verlassen. Waren wie die Fenster der Häuser hier. Gegenseitig durchsichtig, dann immer noch durchsichtig, verlor sich der Raum zwischen ihnen, wurde von ihnen nicht mehr ausgefüllt, wurde leer. Nur noch Einrichtung, unbewegliche Möbel waren sie. Dekorativ. Scheinbar. Sie ging, irgendwohin, er ging irgendwohin. Gelandet in der Stadt mit den Mauern. Aus einer anderen Zeit. Aufbewahrt, angestaunt, für Stunden, fotografiert, festgehalten für ein Album. Schon in der Gegenwart als Erinnerung bewußt. Die Fotos, die Stadt, die Beziehung, er. Ohne Zukunft, seit Jahren immer älter damit geworden. Jahre angesammelt. Patina angelegt, Risse bekommen, bröckelnder Putz, die Farbe am Ausbleichen. 
Sie war geflohen, er war geflohen. Was sollte er auch anderes machen? Fliehen ist leichter, leichter als, als ... Standhalten? Renovieren? Dazu müßte man Fachkenntnisse haben und Geduld aufbringen. Sich einlassen. Sich hineinlassen. Aber sie haben sich ausgesperrt. Oder eingeschlossen, nur sich mit sich selber eingeschlossen. So wie in dieser Stadt alles durch die Mauer eingefriedet ist, kein Durchlass, weder von draußen noch von drinnen. Die Tore, vielzahlig, zum Verlaufen, Davonlaufen, sich nicht Finden können. Sie drinnen, er draußen, umgekehrt auch. Der gedachte Schutz längst Einsperrung. Versperren des Zueinanders, Beieinanders.
Renovieren, zu spät. Restaurieren? Zu früh. Vielleicht später? Falls der Verfall nicht zu weit fortgeschritten ist. Häuser kann man wieder aufbauen, schöner, wohnlicher. Beziehungen? Tragende Teile, Brücken ... Er, im Zimmer, im Haus, in der Stadt, hinter Mauern, auf einer Insel. Über das Meer eine Brücke bauen? Wo mag sie jetzt sein? Er ist im Zimmer, im Haus, in der Stadt, hinter Mauern ... Wie soll sie ihn finden können? Wenn sie ihn überhaupt suchen wird? Er hat sie verlassen, weil sie ihn verlassen hat. Ist übers Meer geflogen, geflohen.
In der fremdländischen Stadt, er, der Fremde. Kälte um ihn herum. Nicht nur die Temperatur des Frühherbstes lässt ihn frösteln. Die Sprachlosigkeit hier, nur im eigenen Kopf die Unterhaltung in seiner Sprache nur mit sich, war früher auch so. Sie verstand ihn nicht, nie verstand sie ihn. Obgleich doch die selbe Sprache, jedenfalls die Wörter. Das Meer ist blau, die Bäume grün, der Himmel wolkig. Ich sage, ich höre, ich meine ... sagten sie gegeneinander und verstanden sich nicht. Manchmal trafen sie sich, trafen sich mit Wörtern schwer, verletzten sich gegenseitig. Kannten keine Wörter zum Verbinden, gegenseitig die geschlagenen Wunden verbinden. Früher kannten sie Worte, die sie fest miteinander verbanden, später hatten sie Worte, die sie verbindlich verbanden. Dann nur noch Worte, Worte, Worte, unverständliche, erwiderungswürdige, verletzende Worte, zuletzt keine mehr. 


Das Bild des Malers
 
Pinselstrich an Pinselstrich, so trägt er Farben auf die weiß grundierte Leinwand auf. Füllt den Hintergrund, blau, violett, malt erste Konturen von Häusern, Plattenbauten, schäbig grau, entwickelt ein trostloses Bild. Stadtlandschaft.
Der Maler ist alleine im Atelier. Er ist alleine im Haus. Seine Frau hat ihn verlassen. Vor Wochen war es. Seit Wochen steht er im Atelier und malt. Malt gegen seine aufgewühlten Gefühle an. Anna wird ihn nie mehr beim Malen stören. Er kann ihr nichts mehr erzählen, nicht mehr mit ihr streiten. Sie hört ihn nicht mehr, zu weit entfernt. Sie hat ihm, als sie noch da war, nicht zugehört, war zu weit von ihm entfernt. Nur ihr Körper war anwesend. Ihr Körper, den er so gut kannte. Oft hat sie ihm Modell gestanden, anschließend rotweintrunken sich mit ihm vergnügt.   
Ich verlasse dich, sagte sie schon in der offenen Haustür stehend, als sie ihn verließ, weil du mich vor Jahren verlassen hast. Das verstand er nicht. Du hast mich seit Anbeginn betrogen. Er hatte keine Freundin, keine Liebschaft. Mit der Malerei hast du mich betrogen. Er kannte keine Frau dieses Namens. Immer nur du und deine Malerei. Dann fiel die Haustür krachend hinter ihr zu. Das war`s, nun ist Ruhe eingetreten. Eine von ihm so geliebte Ruhe. Die irritiert ihn, stört ihn, so wie Annas Lärm ihn störte.
An die Hausfassade malt er ein Werbeplakat. Es ist übermäßig groß, über vier Stockwerke, vom Dach bis zum Keller und die halbe Hausbreite einnehmend, verdeckt es viele Fenster. Die Menschen in diesen Wohnungen bekommen kein Licht, können nicht hinaus sehen, nicht die Umgebung, die Welt, betrachten. Die überdimensionale Werbung versperrt ihnen den Blick, macht sie blind. In den Werberahmen malt er eine nackte Frau, irgendeine, er kann das, er malt das Gesicht, Annas Gesicht, den Körper, ihren Körper, hundertfach schon skizziert. Er kann keine andere nackte Frau malen, sie werden immer zu Anna. Ihr Gesicht, ihr Haar, ihr Hals, ihre Schultern, Arme, Brüste, ihr Bauchnabel. Er hat keinen anderen Körper im Gedächtnis. Ihr Gedicht hat er im Gedächtnis, eines von so vielen. Er kennt es auswendig. Schon schreibt der Pinsel die Buchstaben: Wenn ich Freiheit sage, dann meine ich: deine Freiheit, meine Freiheit, unsere Freiheit und spüre die Widersprüche. Wenn ich Unfreiheit sage, dann meine ich: deine Unfreiheit, meine Unfreiheit, unsere Unfreiheit und spüre die Verbundenheit.
Er malt, Strich um Strich, Tupfer um Tupfer. Eine orangene Sonne. Morgenröte oder Abendstimmung? Drohend dunkle Wolkengebilde scheinen über den Himmel zu ziehen, verdüstern den Anblick der Sonne. Zwei Bäume, die sich im Wind beugen, Sturm über der Landschaft.   
Auf Vernissagen, für ihn Ausstellungseröffnungen, stand sie im Mittelpunkt. Mit dem von ihm Tage vorher von ihm über die Bilder Gehörtem referierte sie brillant. Sie als Fixstern, er in ihrem Schatten oder abseits des Geschehens, gelangweilt in irgendeiner menschenleeren Ecke, Rotwein im Glas. Sie wusste sich in dem kurzen Schwarzen gut zu bewegen, die mehrstündige Kosmetikarbeit war unaufdringlich gekonnt, ihr Lachen verführerisch. Das Spiel der Mimiken, der Hände, ihre Sprache, die gesamte Ausdrucksform hinreißend. Die Geladenen bewunderten sie mehr als seine Bilder und hingen an ihren Lippen, vor allem die Männer. Fast schien es, als existierten seine Bilder nicht, als sei sie das einzige Bild der Ausstellung. Nur ihre Aktbilder durften nicht ausgestellt werden. Zu stark der Pinselstrich, der nicht ihre Zartheit wieder zu geben vermochte, zu krass der Farbenunterschied, der nicht ihrer elfenenebene Haut, so ihre eigene Wortschöpfung, entsprach. Noch nicht einmal durften ihre Akte im privaten Bereich gehängt werden. Sie stehen in einer Ecke des Ateliers, verstauben vor sich hin. Das letzte Bild ist sichtbar vorne gestellt. Akt in grün-blau. Anna fand es scheußlich, die Farben, der zu dicke Pinselstrich, vor allem aber die leicht hängenden Brüste. Das entspricht in keinster Weise der Wirklichkeit. Meiner schon, wagte er zu erwidern. Nein, tobte sie, schau dich an, kaum mehr Haare, dafür einen dicken Bauch und das Gesicht über und über mit Falten durchzogen, wie ein tief gepflügter Acker. Damit setzte sie den Schlusspunkt und entschwand für Stunden gekränkt. Wahrscheinlich ging sie zum Spiegel, um ihre Brüste zu prüfen. Er mochte sie, die Frau und ihre Brüste. Genoss es, wenn er sie in den Händen halten, ihre Schwere spüren, sie wie ein Baby wiegen konnte, ihre Brüste. Amüsierte sich über die bunten Abdrücke, die seine farbbeklecksten Hände auf der Haut hinterließen. Was soll er nun mit den Bildern machen? Im Haus aufhängen? Oder wegwerfen? Als Rache an Anna sie, die nackten Annabilder, in einer öffentlichen Ausstellung den Besuchern präsentieren? Ihnen, den Lüstlingen, das wahre Bild dieser Frau zeigen?
Immer häufiger greift er zum Rotwein, das auf dem Tisch stehende Glas missachtend, trinkt er direkt aus der Flasche. Malt die Wolken dunkler, lässt den Putz der Hausfassaden bröckeln. Wieder ein Schluck aus der Flasche. Erneutes Betrachten des Bildes. Der Text eines alten Liedes fällt ihm ein. Das Sofakissen fein ordentlich in der Mitte geknickt und im Refrain du bist viel zu schade für mich. Diese Textfragmente sind ihm seit Wochen immer wieder im Kopf. Eigentlich wollte er sie Anna sagen, so bist du, damit ausdrücken. Viel zu sauber für mich. Hätte sie die Ironie von du bist viel zu schade für mich verstanden? Schade, nun ist sie gegangen. Er hätte es ihr so gerne noch gesagt. Zwei weitere Pinselstriche am Werbeplakat. Hätte gerne ihr diese Worte mit auf den Weg gegeben. Vorbei. Auf die Straße skizziert er ein Auto, lässt es vorbeifahren an der Tristesse der Plattenbauten-Stadtlandschaft.  
Wie sich Anna jetzt wohl nennen wird? Aus heiterem Himmel stellt sich ihm diese Frage. Er trinkt, muss grinsen. Die Namensgleich wie der Schriftsteller Arno Schmidt. Um nicht mit ihm verwechselt zu werden, hing er den Ortsnamen Niedernbusch an. Arno Schmidt-Niedernbusch. Und Anna? Sie nannte sich auch ASN, Anna Schmidt-Niedernbusch. Doch vielleicht nennt sie sich jetzt Anna Schmidt-Bad-Kreuznach oder Schmidt-Hohenschwangau. Doch das ist wohl kein Ort, nur ein Schloss. 
Er fühlt erste Müdigkeit. Kurz vor zwei. Zwei Stunden nach Mitternacht, eigentlich noch nicht spät. Oder schon früh? Der letzte Schluck aus der Flasche. Soll er eine dritte öffnen? Er könnte ins Bett gehen, schlafen. Wo nur ist der verdammte Korkenzieher? Er stößt den Korken mit einem dicken Pinselstil in die Flasche. So lässt sich auch daraus trinken. Oft schon nächtens geübt. Gegen weiteren Durst ist er versorgt, doch gegen den Hunger? Im Atelier hat er irgendwo noch einen alten Kanten Brot, trocken Brot macht Wangen rot. Die Wurst kann er sich darauf malen. Das bisschen Farbe wird ihn schon nicht umbringen. Soll er sich Salami oder Leberkäse malen? Oder lieber Käse, Edamer oder Gauda? Rotwein macht auch satt, denkt er und greift zur Flasche. Irgendetwas fehlt noch auf dem Bild. Der Korken versperrt den Rotweinfluss. Es fehlt etwas. Sie fehlt ihm jetzt. Er schaut zu ihrem Bild hin. Ihre Brüste, warm, schwer, glatte Haut. Sie in seinen Händen, er würde satt daran werden. Aber die Brüste samt Anna sind weg, haben ihn verlassen, vor Tagen, vor Wochen schon. Vor einigen Tagen kam ein Brief von ihr. Auch wenn sie kein Paar mehr wären, so könne sie doch noch weiterhin seine Managerin sein. Welch eine geschraubte Formulierung. Natürlich könne sie, hatte er geantwortet. Sie war wirklich eine gute Managerin, hatte seit Anbeginn ihrer Beziehung die Vermarktung seiner Bilder übernommen, so für ein gutes Einkommen gesorgt. Und das war auch nötig, sie benötigte viel, vor allem Unnützes, Teueres. Er dagegen braucht nicht viel, nur Leinwand, Farbe, Rotwein, Brot. Von ihren Gedichten kann sie nicht leben. Er von seinen Bildern schon, auch wenn er sie ungern verkauft. Sie sind ein Stück von ihm, gibt sie nicht gerne her. Im Atelier hat er genügen Platz zum Aufbewahren. Und so alt wird er nicht werden. Gibt sich nur noch wenige Jahre, dann hat er sich übersoffen. Er spürt selige Trunkenheit. Ein guter Zustand. Doch irgendetwas fehlt noch am Bild. Wieder verschließt der Korken den Flaschenhals beim Trinken. Ein Schiff, ein Brettschiffchen aus Kork, fällt ihm ein. Mit Mast und einem Segel. Dort in den Rinnstein gemalt. Er schwingt schon den feinen Pinsel. Als Kind hatte er oft solche Schiffchen gebaut, mit in die Badewanne genommen, kräftig gegen das Segel geblasen. Der Badeschaum war die Eiswüste der Arktis. Sein Schiff war stabil genug, kam dagegen an. Das gemalte Schiff ist fertig und er ist zufrieden, heiter und beschwingt setzt er die Flasche erneut an. Das Bild ist zerstört, weiß er. Der grausam existenzielle Ausdruck durch das Schiffchen ins Lächerliche gezogen. Doch er ist zufrieden. Kann nun ins Bett gehen. So wie er ist wird er sich hinlegen, auf die paar Farbkleckse mehr auf dem Laken kommt es nicht an. Nur die Rotweinflasche muss mit und das feuchte, nach Terpentin duftende Bild.  



Tanzen
 
Tanzen? Nein, er mag nicht Tanzen, gibt er seiner Frau zur Antwort. Dabei beobachtet er fasziniert das Tanzen einer Frau. Bewundert ihre geschmeidigen Bewegungen und wie sie sich dem Rhythmus anpasst. Ihre langen Haare wirbeln. Mit ihr würde er sich schon bewegen mögen. Tanzen. Nicht in den festgelegten Schrittfolgen: Zwei links, ein rechts. Oder Walzer. Mit seiner Frau? Sie verheddern sich dabei immer ineinander, treten sich auf den Füßen herum. Diskutieren über die Führung. Aber mit der Frau? Walzer? Schweben? In ihren Armen?
Er versteckt seinen beobachtenden Blick vor seiner Frau. Ahnt ihren beleidigten Gesichtsausdruck. Zu viele Jahre sind sie miteinander verheiratet. Sie wird ihren Kopf hoch recken, die Mundwinkel nach unten ziehen, die Augen geradeaus richten. Er mustert die gegenüber liegende Wand, rätselt, welchen Punkt sie in ihrer Mischung aus Wut, Enttäuschung, Beleidigtsein fixieren wird. Seit Jahren liegt sie ihm mit der Idee des Tanzens in den Ohren. Führt immer wieder die heutigen Gastgeber an. Sie haben einen Tanzkurs belegt. Seit drei Jahren einmal in der Woche. Sind im Fortgeschrittenenkurs, haben sich sogar richtige Tanzschuhe gekauft.
Die Frau bewegt sich grazil, wiegt ihren Körper wie eine Mutter ihr kleines Kind liebevoll in den Armen wiegt. Sie ist mit sich eins. Strahlt eine ungeheure Ruhe aus. Ihre Arme zeichnen die Melodie in die Luft. Filmbilder von Tempeltänzerinnen mit schlangenartigen Armbewegungen laufen in seinen Gedanken durch. Tempeltänzerin heißt jetzt die Frau bei ihm. Seine Frau dagegen wäre eine Trampeltänzerin. Zu viele Jahre, sie, er mit ihr, seit Jahren zu viele Jahre beieinander geblieben. Schattenartig nimmt er eine Bewegung von seiner Frau wahr. Weiß, dass sie nach ihrem Weinglas greifen wird. Die vielen nebeneinander ausgesessen Pausen, sie füllt sie immer mit Weintrinken aus. Er steckt sich eine Zigarette an, bläst den Rauch in die Luft ohne seine Blicke von der Tempeltänzerin zu lassen. Er ist gelöst, hingerissen von dem faszinierenden Anblick, zugleich ist er auf der Hut, wie ein scheues Tier zur Flucht bereit. Sollte sie ihn anschauen, er würde sofort mit seinem Blick fliehen, ihn schnell abwenden, um nicht von ihr beim Beobachten ertappt zu werden. So ist es immer mit ihm.
Seine Frau schweigt, trinkt. Er schweigt, raucht. Sie wird weiter schweigen und weiter trinken. Er wird weiter schweigen und weiter rauchen. Sie werden weiter nebeneinander auf der Couch sitzen. Zwei Stunden noch bis Mitternacht, bis zum Geburtstag der Gastgeberin. Sie werden aufstehen, singen, anstoßen, Küsschen geben, ihr zutrinken. Dann werden er und seine Frau gehen können.
Früher, als seine Frau noch jung und schön war, muss in einem anderen Leben gewesen sein, ihre Augen noch Glanz hatten. Sie ihn bewunderte, er in sie verliebt war. Sie ihn umschmeichelte, er ganze Tage lang ihre Lippen küssen mochte, ihre Brüste so faszinierend fand, dass er sie auch im Traum noch sah. Die Tempeltänzerin dreht sich, lässt ihren weiten Rock weich schwingen, biegt sich nach hinten durch, ihre Brüste... 
Seine Frau greift wieder zum Glas, er greift wieder zur Zigarettenschachtel, zum Feuerzeug. Immer noch Schweigen zwischen ihnen.
Die Tänzerin schiebt breitbeinig ihr Becken vor. Er schwitzt innerlich. Sieht ihren geöffneten Mund, diese Lippen. Stellt sich ihre geöffneten Schenkel vor. Kann diesen Anblick, die Tänzerin und das Bild in seinen Gedanken nicht mehr aushalten. Er steht auf, geht ans Büfett, greift nach einem Teller, Hunger hat er nicht, wandert mit seinen Blicken über das Angebot, füllt sich zwei Löffel voll Kartoffelsalat auf den Teller, nimmt zwei Frikadellen, eine Gurke, Besteck, Serviette. Er wird angesprochen, gibt Antworten, unterhält sich, ißt, trinkt. Hat für diesen Moment die tanzende Frau verdrängt, seine eigene Frau vergessen. Den leeren Teller stellt er ab, nimmt sein Glas, schenkt sich erneut Wein ein, redet, hört zu, raucht.
Nach einer Weile Herumstehen hat er ausgetrunken, ausgeredet, ausgehört, ausgeraucht. Er wendet sich um, sucht nach der Frau, der Tänzerin, seiner Tempeltänzerin, findet sie in der Menge andere Tänzer. Kann sie nicht richtig sehen, immer wieder wird sie verdeckt. Oder entzieht sie sich bewusst seinen Blicken?
Irgend etwas hat sich verändert. Hat sie eine andere Frisur? Sich umgezogen? Seine Füße bewegen sich, Schritt für Schritt führen sie ihn wieder zur Couch zurück. Von dort wird er sie besser sehen können. Statt seine Frau sitzt eine Fremde auf der Couch, sein Platz ist jedoch noch frei. Aus den Augenwinkeln heraus überfliegen seine Blicke kurz die Situation ohne die Frau genauer zu mustern. Er setzt sich neben sie, sucht sofort die Tempeltänzerin, findet sie. Noch immer tanzt sie mit verführerisch weichen Bewegungen.
Tanzen?, fragt die Frau neben ihm. Nein, er mag nicht Tanzen, gibt er der Fremden zur Antwort. Dabei wendet er sich der Fragenden kurz zu. Ihr Gesicht ist nichtssagend. Zu viel Make up, unnatürlich, uninteressant. Nicht beachtenswert für ihn. Wendet sofort seinen Kopf wieder ab, sucht zwischen den Tanzenden die Tempeltänzerin. Sie hat jetzt eine Hose an, stellt er überrascht fest. Steht ihr gut. Betont ihre schlanke Figur. Der enganliegende Pullover. Ihre Brüste sind schön. Und ihr Gesicht. Er erkennt, erschrickt. Seine Frau. Wut steigt in ihm auf. Mit einem weiteren Blick vergewissert er sich: Ja, es ist seine eigene Frau, die dort tanzt. Und neben ihm? Neben ihm sitzt die Tempeltänzerin.



Die Nacht der Puppen
 
Nur noch wenige Stunden. Bert ist aufgeregt, sehr aufgeregt. Nur noch wenige Stunden bis zum Beginn der Nacht der Nächte. Längst hat ihn die Vorfreude erfasst, hält ihn im Bann, lässt keine andere Wahrnehmung mehr zu. Er und vier junge, hübsche Frauen. Sie sind so groß wie er, 1,80 m und schlank, Kleidergröße 36. Ihre Haut, goldbraun, glatt, feinstes Pappmaché. Schmale Gesichter, heller Teint mit leichtem Rougetupfen auf den Wangen koloriert. Rosenduft mit Zimt untermalt, wenn er es nur riechen könnte. Die Nasen fein ziseliert und in den Augen aus den Tiefen ihrer Körper aufsteigende Sehnsüchte. Sie rauben ihm den Atem. Und ihre Lippen leuchtend rot, verführerisch süße Kirschen zum Naschen, Vernaschen. Er mit diesen süßen Puppen allein. Seit Stunden nur noch dieser Gedanke in ihm und geträumte Vorstellungen. Wenn er rot werden könnte, er würde rot werden, Hitze würde in ihm aufsteigen, ihn zum Schmelzen bringen. Er wird Tango tanzen, mit den süßen Puppen in der Nacht der Nächte Tango tanzen. Er wird ihr Pappmaché berühren, sie werden ihre Arme um ihn legen, mit einem Bein wird er zwischen ihren sein, sich drehen, sie wiegen. Ganz nah wird ihnen sein. Mit den Händen ihre Nacken hoch streicheln. Sie werden mit zarten Fingern seine Ohrläppchen berühren, daran zärtlich zupfen. Sie werden ihre Beine im Rhythmus der lasziven Musik wirbeln, sich drehen, verdrehen. Ihre Oberschenkel werden die seinen berühren. Ein nächster Ruck, eine Drehung. Für den Bruchteil einer Sekunde verharren, Auge in Auge, tiefer, abgründiger Blick. Die Klänge des Bandoneons werden sie weiter tragen, weiter in die Nacht der Nächte. Er wird mit ihnen tanzen, Tango tanzen.
Andi ist aus dem Weg geräumt, am Morgen haben sie ihn abgeholt. Statt seiner nun die attraktiven Frauen. Ihre Namen kennt er nicht, noch nicht, hat ihnen aber welche gegeben. Die kurzhaarig blonde Anja, die kecke rothaarige Britta, die dunkelhaarige Cecilia und Dora, die mittelblonde. Aus den Augenwinkeln hat er sie neugierig gemustert. Anja erschien ihm etwas unterkühlt, vielleicht eine Spur zu arrogant. Die schmale Nase einen Deut zu spitz, die Lippen eine Spur zu eng und zu verschlossen. Ihre Haltung einen Deut zu überheblich. Britta dagegen offener, ein Lächeln umspielte ihren kräftig rotlippigen Mund, für ihn deutete es Verwegenheit an. Mit ihr Pferde stehlen müsste riesigen Spaß bereiten. Sehr sinnlich dagegen Cecilias Gesichtsausdruck. Umrahmt vom gelockten schwarzen Haar, schulterlang, ein Blickfang männlicher Sehnsüchte. Dora, mittelblond, dagegen unauffälliger, kein Lächeln, keine imposante Pose, unaufdringlich, natürlich?
Aufregung in ihm. Vor allem, als sie angekleidet wurden. Er konnte nicht alles beobachten, Andi versperrte ihm in diesem wichtigen Moment das Blickfeld. Doch Andi steht nicht mehr zwischen ihm und den vier attraktiven, wunderschönen Frauen. Bert ist allein mit ihnen, den hübschen weiblichen Wesen. Und das in dieser Nacht, der Nacht der Nächte.     
Er träumt sich zum Morgen zurück, sieht, wie sie angekleidet wurden. Auch wenn er nicht alles hatte sehen können, es reicht, um es jetzt durch Fantasie zu ergänzen. Es ist ein Traumfilm, Szene um Szene spielt er in seinem Kopfkino ab. Die Strumpfhosen sind nicht sexy, ärgerlich, doch die Tops, eng anliegend, fast durchsichtig. Aufregend! Die Konturen der Oberkörper zeigend, die Rundungen und Spitzen. Spitze! Viel aufregender als nackte Haut. Die Wirklichkeit ist eben um einiges langweiliger als die Fantasie, denkt sich Bert, möchte die vier Frauen jetzt gerne nackt sehen. Amüsiert sich über seine Widersprüchlichkeit.   
Sie stehen eng beieinander. Tuscheln sie? Vielleicht über ihn? Wissen sie um die Nacht der Nächte? Sicherlich. Und er ist hier der einzige Mann. Plötzlich ein erschreckender Gedanke: Gleichgeschlechtlich. Die vier Frauen mögen keine Männer, lieben Frauen. Bert schneidet die Szene aus dem Film. Doch der Gedanke setzt sich in ihm fest. Verwerflich, der Gedanke, die Filmszene, der Traum einer aufregenden Nacht, er wäre für ihn ausgeträumt. So wie für Andi, der nicht mehr hier ist. Zum Glück, denkt Bert, will keine weiteren Gedanken an Andi und gleichgeschlechtliche Liebe verschwenden. Bert denkt sich Anja in eine morgendliche Szene, Anja bekam einen schwarzen Pelzmantel umgehängt. Das Licht umschmeichelt den Pelz, lässt ihn glänzen. Leicht geöffnet, verbirgt der Mantel viel und deutet zugleich Frivolität an. Lässt Bert Lustvolles vorausahnen. Wie er mit einem Handgriff Anja den Pelz von der Schulter nimmt, ihn auf den Boden fallen lässt, vielleicht als spätere wärmende Unterlage. Ein weiches Vlies auf dem sich Anja, nun nackte Schöne und Bert sehnsüchtig erwartend, würde ausbreiten können. Ein Zweifel beschleicht Bert. Kann Anja sehnsüchtig sein? Cecilia sicherlich. Sie ist der Traum von Sehnsucht. Ihrer eigenen und der Berts. Sie berauscht ihn, scheint leidenschaftlich heißblütig, feurig zu sein. Trunken in ihren Armen möchte er liegen, jetzt. Es sind noch Stunden bis dahin, nur noch wenige Stunden, tröstet er sich, träumt sich ihre warme Haut, ihren zimtigen Duft, das Auffangen seiner Lippen durch ihre weichen Lippen, er kann fast schon das Suchen und Finden ihrer Hände fühlen. Sie werden ihn zu ihr führen, sie werden ihm den Weg zu den Orten seiner Sehnsucht weisen. Er wird Cecilias Berge erklimmen, sie leichthändig besteigen, hinab in die Täler gleiten, sich einrichten in diesen Orten, sich für eine kurze Ewigkeit darin geborgen fühlen.
Vielleicht wird es anders sein. Er auf Anja und Cecilia auf ihm. Wärme unten und oben. Und links und rechts Britta und Dora. Der Gedanke entzückt ihn, lässt ihn zugleich erschauern, sie könnten ihn versehentlich durch ihre Lust erdrücken. Atemnot bemächtigt sich seiner, schon bei diesen Gedanken scheint er zu ersticken. Schnell versucht er eine andere Filmrolle in seinen Kopf einzulegen, findet keine, kann auch nicht vor- oder zurückspulen. Sie fallen über ihn her, den Gefallenen. Wie Raubtiere springen sie ihn an, reißen, zerfleischen ihn in einträchtiger Genüsslichkeit, lachen mit weiblicher Solidarität über ihr Opfer. Bert sieht das gierige, zugleich verächtliche Grinsen von Hyänen. Wenn er schwitzen könnte, er würde bei diesen Gedanken ins Schwitzen geraten, die Angst würde Ströme von Schweiß produzieren, alles überschwemmen, er müsste darin ertrinken. Die Frauen auch. Aber das ist ihm jetzt kein Trost. Er muss sofort den Film wechseln.
Sie, die vier Frauen, sind nicht aggressiv, redet sich Bert ein. Es sind hübsche Puppen, erotisch, zärtlich und liebesbedürftig in ihrer Einsamkeit. So wie ich, gesteht er sich ein, verdrängt sogleich diesen Gedanken. In der Nacht der Nächte wird alles so sein, wie er es sich wünscht. Nicht so, wie es im vergangenen Jahr war, als er alleine im dunklen Lager herumstand. Verstaubt, einsam, verbrachte er Monate. So wie es nun Andi bevorsteht. Doch der hat es verdient. Immerzu provokant laut, ständig sich vordrängelnd, ihn, Bert, in den Schatten stellend. Jetzt steht er, der angeberische Andi, im Schatten, im dunklen Lager, wird verstauben, freut sich Bert.  
Ein plötzliches Geräusch schreckt ihn auf, beendet abrupt den Traum. Vor der Scheibe sieht er zwei Jugendliche heftig gestikulieren. Anscheinend haben sie Streit, fuchteln heftig mit Händen, Armen, Füßen, scheinen sich Schimpfwörter zuzuschreien. Hören kann er sie nicht, zu dick ist die Scheibe. Einige Passanten bleiben stehen, ein alter Mann hebt drohend seinen Stock, eine ältere Frau schüttelt verständnislos den Kopf, dann dreht sie sich um, geht schwerfällig weiter. Der eine der Jungen kommt zur Scheibe, hebt sein Skatbord auf, stellt einen Fuß darauf, mit dem anderen schiebt er sich an. Der andere hebt sein Fahrrad auf, prüft es, ehe er sich darauf schwingt und davon fährt. Noch immer fuchtelt der alte Mann drohend mit dem Stock. Das trübe Wetter trübt die Stimmung. Die Passanten in der Fußgängerzone schützen sich vor der Kälte und dem Regen durch Schirme, Kapuzen oder Kopfeinziehen und schnelles Gehen. Als ob das vor den Unbilden des Wetters mit Schnürlregen und heftigem Wind schützen würde. Winter in der Stadt ist eine scheußliche Jahreszeit. Im Sommer schlendern die Passanten, leicht angezogen und freundlich-fröhlich, vor dem Fenster. Umarmte schäkern miteinander, Verliebte küssen sich, Musikanten musizieren. Die Eisdiele gegenüber ist gut besucht. An den Tischen sitzen freundlich blickende Menschen, trinken Kaffee oder Schokolade, löffeln oder lecken Eis. Jetzt aber, Winter, kürzester Tag, längste Nacht, ist es den Menschen draußen zu unwirklich. Sie hasten vorbei. Vom Büro, zum Büro, zum Einkauf, vom Einkauf, zurück zur Wohnung. In drei Tagen ist Weihnachten. Das Fest der Liebe. Voller Hast und Streit, fülliges Essen und satte Langeweile, im Fernsehen Mordserien und Kriegsfilme.
Sommer ist herrlich. Die vier Schönen wären leicht bekleidet. Anja im Bikini, Britta in Seidenbluse und farbenfrohem Wickeltuch, Cecilia im Dirndl? Dora in enger Jeans und T-Shirt. Zwischen ihnen wäre feiner weißer Sand gestreut und Muschelschalen glänzten mit ihren perlmutternen Innenseiten. Getrocknete Seesterne und Seepferdchen an Urlaub unter Palmen am Meer erinnern. Mit den Schönen auf einer einsamen Insel in der Karibik, träumt sich Bert in dieser kalten Jahreszeit in der unwirtlichen Fußgängerzone der lauten und dreckigen Stadt.
Sie lägen nackt am Strand, eine warme Brise streichelte die Haut. Säuselte ihnen Erfrischung während der Liebe zu. Und Sand, lacht Bert, Sand auf der Haut und in allen Ritzen. Sand im Getriebe der Liebe. Erotisch, amüsiert sich Bert. Wellen umspülten saft die Waden, träumt er. Salz in der Luft als Würze, dazu der feine Sand auf der Haut, nackter Haut. Beides auch im Mund, Salz und Sand, auf den Lippen beim Küssen. Fernwehgeschmack. Das Säuseln des Windes, eine leichte Meeresbrise, das Anschwappen der Wellen mit dem Geräusch des Rieselns, des durch sie bewegten Sandes, Millionen von feinsten Sandkörnern, die sich aneinander reiben. Und er würde sich an den Schönen reiben, warme Haut an warmer Haut. Die Augen schließen, den Duft tief in sich einsaugen, prüfen, die Schönen an den feinen Nuancen unterscheiden. Anja duftet anders als Britta. Beide herrlich, wie auch Cecilia und Dora. Jede der Schönen würde er an ihrer spezifischen Duftnote erkennen. Er streckte seine Hand aus, Haut, weibliche Haut, fühlen, würde wie zarter Wind über die Körperlandschaften streicheln. Auch daran könnte er sie zu unterscheiden lernen.    
Er war zehn Tage vor ihnen angekommen. Magda hatte ihn geholt. Sie hatte ihn um die Hüften gepackt, ihn an sich gezogen. Gegen ihre üppige Brust, zugleich Becken an Becken. Sie ist kleiner als er, einen guten Kopf kleiner, dazu kräftig, stämmig. Sie war ihm in den Schritt gefahren, hatte ihn hoch gehoben, ihn auf den Arm genommen. Eine Brunhilde und er der hilflose Gunther, nicht der Siegfried. Sie hatte ihn hoch getragen, hier hin gestellt. Nackt. Er schämte sich, wäre rot geworden, wenn er hätte rot werden können. Die vier süßen Puppen waren zu der Zeit noch nicht da, nur Andi. Sie hatte ihm ein weißes Hemd und eine Anzughose angezogen, den Reißverschluss hoch gezogen, den Gürtel geschlossen. Das Hemd zugeknöpft und eine Krawatte gebunden. Dabei kam sie ihm ganz nah. Er konnte sie riechen. Ihre Haut, weich und warm. Ihre Hände umschmeichelten ihn. Und wie sie ihm das Haar ordnete, es glatt strich, es hier und da noch ein wenig auflockerte. Sanft strichen ihre Hände dabei über seine Wangen. Zufall oder Absicht? Sie betrachtete ihn und ihre Augen strahlten Wärme und Zufriedenheit aus. In der Schwärze ihrer Pupillen spiegelte sich sein Gesicht. Magda, hauchte er. Sie hörte es nicht. Ehe sie ihm das Jackett anzog, hatte sie das Hemd gestrafft, es nach hinten gezogen und mit Stecknadeln fixiert. Danach war sie sanft mit den Händen über seine Brust gefahren, aufregend, hatte so das letzte Fältchen im Stoff geglättet. Sie hätte es immer weiter machen dürfen. Nun stand er vollständig angezogen da. Sie war einen Schritt zurück getreten, hatte den Kopf leicht geneigt und ihn eingehend gemustert. Dann genickt. Ihm zugenickt? Sie war mit seinem Anblick zufrieden. Ein leichtes Lächeln, dann drehte sie sich um und ging. Ließ ihn stehen, verließ ihn. Er war sehr enttäuscht, erinnert er sich. Aber jetzt hat er Gesellschaft, ihm angenehm aufregende Gesellschaft. Vier hübsche Puppen in seinem Alter. Und das in der Nacht der Nächte. Noch nie hatte er so eine schöne Nacht vor sich. Die vorfreudige Erwartung lässt ihn innerlich glühen. Zugleich drängt sich ihm die Frage auf, mit welcher der vier Schönen er zuerst flirten soll. Mit der ihm etwas spröde erscheinenden Dora? Die kecke Britta wird sich einmischen. Und Anja? Wird sie zunächst abweisend reagieren, um dann doch seinem Charme zu erliegen? Und Cecilia? Der Traum eines jeden Mannes? An ihrer Brust liegen … 
Ein Geräusch hinter ihm, ein Rascheln, Tritte. Er fühlt sich hochgehoben, auf den Arm genommen vom Schaufenstergestalter. Nein, schreit Bert, doch niemand kann ihn hören. Nicht in dieser Nacht der Nächte, der einzigen Nacht, schreit er, in der sie für die eine Stunde nach Mitternacht lebendig, menschlich werden dürfen. Er wird fortgetragen, zurück ins Lager, wo Andi schon abgestellt ist. Sie werden zusammen einstauben.
 
 
 
Homepage
zur Verfügung gestellt
von Vistaprint