Matthias Brockmann     -
Leseprobe aus "David oder die Villa Barbaro in Amerika":

Die Glocke der Kirchturmuhr schlägt mit hellem, dünnen Klang die Stunde. Zehn fistelige Schläge, ohne Vibration, ohne Nachhall, unsentimental und kläglich. Wie an jedem der vielen Tage der letzten Wochen schiebt mich der Pfleger hinaus, auf die meinem Zimmer vorgelagerte Terrasse. Sie gleicht der Kommandobrücke eines Ozeanschiffes. Von hier habe ich eine vollständige Übersicht über den stillen Park.
     Mit vielfach geübten Griffen breitet der Pfleger die Wolldecke über mich aus. Jetzt, wo meine Brandwunden gut heilen, darf nur der Kopf herausschauen. Keine Kühle soll meinen immer noch stark angegriffenen Zustand beeinträchtigen, das Pflegepersonal hätte mehr Mühe mit mir. Nach meinem Wohlempfinden wird nicht gefragt. Kritisch begutachtet der Pfleger sein Werk. Zupft nochmals hier und da. Symmetrisch soll die Decke über mir liegen. Links wie rechts mit den gleichen Über-ständen. Ein letzter prüfender Blick, ein letztes kurzes Ziehen, wen würde eine Falte schon stören?
      "Nur noch zwei kleine Operationen, die überstehen wir auch noch", schnarrt der zufällig vorbeikommende Professor Mainfield. "Aber erst müssen wir wieder zu Kräften kommen." Dabei tätschelt er mich, lächelt durch mich hindurch. Schnarrt weiter, dass die beiden letzten Hauttransplantationen vielleicht ein bisschen anstrengend für uns waren. Nickt sich zu, geht befriedigt seiner Wege.
      Die Tagesabläufe des Sanatoriums sind meine neue Uhr. Jede Tätigkeit hat ihre Stunde. Das Kreisen des Mondes um die Erde, die Umläufe der Welt um die Sonne, Stunde um Stunde, Monat für Monat, seit Milliarden von Jahren, beides kann nicht so exakt, so pünktlich wiederkehrend sein wie die Phasen dieses Alltags. Mag auch ein Astronom milde über die anmaßende Unkenntnis eines Laien lächeln, es sei ihm, dem Astrophysiker verziehen, kennt er sich doch in den Abläufen in den verschiedensten Galaxien aus, nicht aber in diesem Uhrwerk Sanatorium, das sich mechanisch Zacke um Zacke seines verwirrend vielfältigen Räderwerks monoton im Kreis des Tages bewegt und doch nur still steht.
      "Frische Luft ist wichtig", erläutert der Pfleger eindringlich höflich, "aber nur im Schatten aufhalten." Ich weiß. Sage es aber nicht, nicke nicht einmal. Jeden Tag schiebt er mich auf immer denselben Platz, stellt mich dort bis zum Mittag ab. Ich bin nicht fähig, mich auch nur um einige Zentimeter von dieser Stelle zu entfernen, dem Pfleger zum Ärgernis zu entfliehen. Als ob ich schwachsinnig sei, erklärt er mir jedes Mal aufs Neue, dass die Sonnenstrahlen meinem Zustand und der weiteren Genesung nicht gut täten. Interessiert es sie überhaupt, was mir, außer ihrer Medizin, wirklich gut bekommen würde? Aufgerichtet in einer Stellung zwischen Liegen und Sitzen bin ich in einem Vehikel verfrachtet, das mehr Bett als Rollstuhl ist, kann mich kaum bewegen, schaue auf den weitläufigen Park, mit seinen grünen Rasenflächen, schaue auf, unter, über die alten Bäume mit ihren schwarzen massigen Stämmen, den gewaltigen Laubkronen - im monochromen Grün die Buchen und Eichen, heller, zierlicher, verspielter die Linden, rotfarben die gewaltigen alten Ahornbäume und Rotbuchen - dazwischen die einzelnen hochaufragenden, fast den Himmel berührenden Zedern, die Stämme mit ihren tiefen Riefelungen, ihren Altersspuren in den Rinden. Schweigend, unbeweglich, so sitze ich da. Denke daran, mit Schreiben mich abzulenken. Meine Arme sind in Verbänden stramm gefesselt. Alles von mir ist mit weißem Mull  umhüllt,  der ganze Körper eingepackt, so als ob ein Künstler einen Gipsabdruck von mir nehmen will. Kein Mensch kann in dieser Verpackung schreiben. Wie mumifiziert komme ich mir vor. Noch haben sie mir nicht das Gehirn durch die Nase herausgezogen, nicht meine Eingeweide in einen Tonkrug geworfen. Aber sie balsamieren und wickeln mich gleich einem toten Pharao ein. Ist das Sanatorium in Wirklichkeit eine große Pyramide? Arbeiten die vielen Menschen an der Vollendung einer, meiner Grabstätte? Kümmert man sich nur um mich, weil der Bau noch nicht fertig gestellt ist, sie mich darin noch nicht zur ewigen Ruhe betten können? Alles an mir ist verletzt, nur mein Gehirn arbeitet einwandfrei, wird von den vielen Gedanken, Erinnerungen, Überlegungen gepeinigt, die ich nirgendwo abladen kann.
      Jeden Sonntag von zehn bis vierzehn Uhr besucht mich Hannah. Zwischendurch muss sie für eine halbe Stunde hinausgehen, mich den Pflegern überlassen, aber um zwölf übernimmt sie meine Fütterung. Auch eine der Routinen meiner derzeitigen Welt. Inzwischen freue ich mich darauf, ist sie doch die einzige Abwechslung in den Wochen der Eintönigkeit der Abläufe im Sanatorium. Frühes Wecken, dabei bin ich seit Stunden schon wach. Die Verbände werden abgenommen, vorsichtig waschen mich zwei Pfleger, tupfen mit einer antiseptischen Flüssigkeit über meine neue Haut, die schon vernarbenden Wunden. Es stinkt ekelerregend. Ich muss meine Übelkeit beherrschen. Sie legen neue Verbände an. Freundlich und vorsichtig sind sie, sicherlich voller Mitleid, doch kann ich es nicht erkennen. Ich beiße die Zähne zusammen, um meine Schreie zu unterdrücken, um vor den Ärzten und Pflegern meine Schmerzen zu verbergen, um irgendwann früher entlassen zu werden. Und mit den Schmerzen verbeiße ich auch meine Wut auf das Elend meines Bettnässens, meiner Scham und dem Ekel, dass sie mich von meinem eigenen Kot befreien, mir die stinkenden Reste abwischen müssen. Mit endlosen Metern weißen Tuches wickeln sie mich hilfloses Baby wieder ein. Ein Lächeln, flüchtiger Trost und Signal für das Ende der einen Tätigkeit, Beginn der nächsten: Essen. Sie richten mich auf, führen Löffel um Löffel zu meinem Mund. Sie füttern mich ohne Gefühl. Am liebsten würde ich ihnen den Brei entgegen speien. Vier Löffel Brei, einen Schluck Tee, wieder vier Löffel, wieder die Schnabeltasse. Ich fühle mich ihnen und dieser schrecklichen Situation hilflos ausgeliefert, möchte wieder der sein, der ich war, mit dem Verstand noch bin: Ein sportlicher junger Mann, beweglich im Denken, dynamisch im Handeln. Nun bin ich eine weiße Mumie, ein Pharao im Rollbettthron.
 
                                                                    *  einige Seiten weiter: die erste Begegnung mit Paul *

     Kein Telefon, dafür aber ein Grammophon. Zugegeben, nicht so ein altes wie es Paul hatte. Es ist ein moderner CD-Player. Und die CDs sind einwandfrei, kein Rauschen, kein Krächzen, keine Sprünge. Die hohen und die tiefen Töne erklingen in größter Reinheit, das Spiel auf einer Violine klingt nicht nach Sägeblattgekrächze. Aber in meiner Wohnung in New York steht Pauls altes Grammophon auf einem Ehrenplatz, und manchmal lege ich mir seine alten Platten auf, träume mich mit den Arien von Verdi oder Puccini wieder zurück zu Paul, zu dem Raum, zu diesem ersten Abend.
      Er hatte sich an das Bett gesetzt, reichte mir kaltes Wasser zum Trinken, entschuldigte sich dafür, dass er nichts anderes hätte, und dass er bislang noch keine Hilfe für mich herbeirufen konnte. Im Haus gäbe es kein Telefon, das nächste wäre in einer kleinen Ansiedlung zwei, er verbesserte sich, bei diesem tauenden Schnee drei Tage Fußmarsch entfernt. Einen bewusstlosen Menschen kann man nicht so lange alleine lassen, versuchte er sich zu rechtfertigen.
      Zwei Tage: Mit dem Wagen entspricht es einer Entfernung von dreitausend Kilometer oder mehr. Mit dem Flugzeug kurz nach Japan, Hongkong oder Europa, hin und zurück in zwei Tagen. Drei Tage im Schnee in Arkansas zu Fuß. Wie viele Kilometer waren das? Paul zuckte mit seinen Schultern, Entfernungen maß er in Stunden oder Tagen. Armstrong flog zum Mond, mehr als dreihundertsechzigtausend Kilometer in weniger als zwei Tagen. Doch davon wusste Paul nichts, Armstrong kannte er als einen berühmten Jazztrompeter. Amerikaner sind mit einem Wagen auf dem Mond herum gefahren. Paul hatte kein Auto, nie eines besessen. In welchem Jahrhundert war ich gelandet?
      "Geht es dir gut?" Ganz unvermittelt hatte Paul gefragt, mich damit aus meinen Gedanken gerissen. Ich konnte nur nicken, stellte überrascht fest, dass mir mein Kopf bei dieser Bewegung nicht mehr weh tat. Probierte es nochmals. Keine Schmerzen. Versuchte vorsichtig weitere Bewegungen, nach links, nach rechts, nach unten nach oben. Bewegung ist sehr gut für dich, versuche den linken und den rechten Arm zu heben, animierte mich Paul. Es ist gut, wenn der Kreislauf auf Touren gebracht wird. Doch schon nach wenigen Übungen begann ich zu schwitzen. Ich musste mehr Luft einatmen und bekam stechende Schmerzen im Brustkorb.
      "Anscheinend sind einige Rippen geprellt oder gebrochen, aber das heilt von alleine", tröstete er mich.
      Ich entspannte mich, atmete wieder ruhiger, der Schmerz ließ nach. Paul stand auf, mit schwerem, schiebenden und seitlich wiegenden Gang verließ er das Zimmer, um Augenblicke später mit einem Eimer Wasser und zwei Lappen zurück zu kommen.
      "Vielleicht erfrischt es dich, wenn ich dir den Schweiß abwische?"
      Ich schrie bei der ersten Berührung des ungewohnt kalten Wassers laut auf. Paul hörte sofort auf, sein Gesicht stand voller Fragezeichen.
      "Kalt." Mehr konnte ich nicht sagen.
      Er nickte erleichtert. "Entschuldige, ich war gedankenlos, aus reiner Gewohnheit, ich wasche mich immer mit kaltem Wasser. Ich setze Wasser auf."
      "Nein, es wird schon gehen, es war nur so unerwartet, darum habe ich mich erschreckt."
      Wenn mich die Pfleger des Sanatoriums waschen, als wäre es ein Gnadenerweis,  dann fühle ich  mich in dieser Abhängigkeit unwohl. Oder wenn sie Befehle bitten: "Bitte umdrehen", "bitte Kopf hoch", "bitte den Arm mehr nach rechts", dann möchte ich mich ihnen verweigern, alles bewusst verkehrt ausführen. Paul sagte nichts, ließ mich mitdenken oder folgte einfach meinen Wünschen. Hielt ich ihm den linken Arm entgegen, so wusch er ihn, auch wenn es vielleicht das zweite Mal innerhalb weniger Minuten war, weil ich nicht mehr daran gedacht hatte oder den Arm verwechselte. Das Waschen diente nicht hauptsächlich der Reinigung, sondern eher als Erleichterung, meinem Wohlbefinden. Seine großen, vom Zupacken gekräftigten Hände gingen sacht, ja, fast zärtlich mit mir um. Die zierlichen Hände der Krankenschwestern im Krankenhaus, in dem mir Haut transplantiert worden war, waren rabiater mit mir umgegangen.
      Paul war etwas untersetzt, breitschultrig, seine Arme dicht behaart. Auch im Winter war seine Haut noch braungebrannt, wettergegerbt sah sie aus. Ein breiter Brustkasten, ein wohl-proportionierter Bauch, sein pralles Hinterteil füllte die Hose gut aus. Er musste starke Oberschenkel haben, die Hosenbeine spannten. Sein Gang war leicht schwankend. Seemannsgang, mit beiden Händen ein Tablett über das Oberdeck tragen, da passt sich der ganze Körper den Bewegungen des Schiffes an, hatte er mir Tage später verraten, sonst knallst du hin und schwimmst im Kaffee oder in der Suppe, eine Nudel mitten im Gesicht.
      Er hatte wirklich große Ähnlichkeit mit Peter, meinem Großvater. Die Augen, so lebendig, neugierig, fast ein wenig kindlich. Braune Kulleraugen, manchmal schalkhaft, manchmal traurig, meist aber spiegelten sie seine Gutmütigkeit und Herzlichkeit wieder. Trotz seiner Massigkeit wirkte er sanftmütig, manchmal sogar zerbrechlich. Dabei war er nicht nur von seiner Statur her kräftig, sondern auch zäh, mit starkem Willen, wenn es ihm angebracht erschien. Aber das wusste ich an diesem ersten Abend noch nicht, als er neben mir saß und wir, unschlüssig über die Situation und verlegen, unsere Fremdheit fühlten und schwiegen. Ich passte mich unbewusst seinem Tempo an, ließ mich ungewollt in seinen Bann ziehen, wechselte unbeabsichtigt vom eilfertigen Aktivisten zum ungewohnten, sich passiv verhaltenden Zuhörer und Beobachter. Ich sah genauer hin und konnte auch in unserem Schweigen hören. Wie mitteilsam doch die Stille sein kann. Ihr lauschen, den eigenen Gedanken Aufmerksamkeit schenken, sie verfolgen, sie verstehen. Die Bewegungslosigkeit zu beobachten. Wie eine neue Welt entdeckte ich Dinge, die in der mir früher eigenen Hektik nie meine Aufmerksamkeit erlangt hätten, die ich sonst nicht bemerkt, nie gesehen hätte. Bedeutungsvolle Kleinigkeiten, die mein ganzes Denken und Fühlen veränderten.




 






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