Matthias Brockmann     -


Reiseberichte:  u.a. in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht.


-   Ein Reisetag in Marokko
-   Aufregende Zugfahrt 
-   Oman, Land des Weihrauchs und der Heimat Sindbads 
-   Trekking im Süden Patagoniens (Argentinien, Chile)
-   Segeln in den Westschären (Schweden)
-   Immer nur lächeln.... doch die im Dunkeln sieht man nicht
     Über Leben und Arbeiten auf einem russischen Flusskreuzfahrtschiff
-   Auf Don und Wolga
     Bei einer Flusskreuzfahrt von Rostow nach Moskau zeigt sich Russland
     auch von seiner unberührten Seite 
-   Aegina -Frische Pistazien und herrliche Ruhe im Saronischen Golf
-   Venedig und zurück
-   Luigi e Paula

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Ein Reisetag in Marokko
 
Zugegeben, die Reise im Südosten Marokkos ist keine normal zu buchende Reise. Wir, Karin und ich aus Deutschland und Elke aus der Schweiz, haben einen Fahrer mit 4X4 SUV, einen Guide und einen Koch an Bord. Ausgerüstet sind wir auch für Übernachtungen in den Dünen der Wüste unterm Sternenzelt. Doch dieser Tag, der 8. Tag unserer Reise abseits der Straßen, begann schon etwas anders. Die Nacht verbrachten wir in einer Auberge eines kleinen Dorfes. Sehr schön, endlich den Sand aus den Haaren zu duschen und nach dem Essen von allen ein selbst gespieltes „Konzert“ auf Trommeln  zu veranstalten. Dass jeder einen anderen Rhythmus spielte, war Nebensache. Nach einer angenehmen Nacht weckte mich Karin eine Stunde zu früh. Macht nichts. Sie nutzte die Zeit, um ihre Sachen aus der Tasche im ganzen Zimmer auszubreiten. Dass sie das letzte Stück Papier auf der Toilette verbrauchte, für keine Ersatzrolle sorgte, war auch nicht schlimm, hatte ich doch ein Papiertaschentuch in der Hosentasche und in meiner 5 m entfernten Reisetasche war die eigene Rolle Toilettenpapier.    
 
Am späten Nachmittag wollten wir in einer Kasbah  am Rande eines Dünenfeldes übernachten. Wind kam auf, wirbelte den Sand auf. Also kein Sonnenuntergang von der Düne aus beobachten. Die Kasbah verschlossen. Unsere drei Berber stiegen auf das Flachdach, öffneten ein Oberlicht und seilten an ihrem 7 Meter  langen Schasch (einem langen Berberkopftuch) den leichtesten von ihnen ab. Er entriegelte die Tür und so kamen wir in der Unterkunft. Der Besitzer wollte in einer Stunde kommen, es wurden drei. Wir aber waren vor Wind und Sand geschützt und es gab warmes Wasser zum Duschen. Strom war noch nicht vorhanden, irgend etwas mit dem Generator. Aber wir hatten ja Stirnlampen. Unsere Schlafsäcke brauchten wir nicht, die Zimmer waren bestens hergerichtet. Verhungern würden wir nicht, hatten wir doch jede Menge Vorräte im Auto.
 

Der Besitzer kam, es gab den obligatorischen Begrüßungstee und viel auf arabisch, berber, französisch oder englisch durcheinander zu erzählen. Und „schlussendlich“, wie die Schweizer sagen, gab es nach etwas mehr als 3 Stunden auch ein gutes marokkanisches Essen. Der Abend endete wiederum mit einem internationalen Trommelkonzert nach dem Motto: rhythmisches Zusammenspiel ist nicht so wichtig wie Lautstärke und Lachen. Die Nachricht, dass es im Hohen Atlas geschneit hat, die schmalen Nebenpisten nun unpassierbar sind, trübte keinesfalls die Stimmung, es wurde einfach umgeplant.


Aufregende Zugfahrt
 
Am Montag wollten wir, mein Sohn, seine Frau, die einjährige Tochter und ich mit einem ICE von Frankfurt nach Hamburg fahren. Eigentlich keine aufregende Sache. Aber am Montag fegte Sturm „Christian“ mit seinen Orkanböen über Deutschland. Bus und S-Bahnverbindung nach Frankfurt im Internet heraus gesucht, dabei gelesen, dass zwischen Friedberg und Wöllstadt Oberleitungsschäden aufgetreten sind. Also lieber etwas eher und mit Buslinie 26 von Rendel nach Bad Vilbel fahren. Der Bus kam 8 Minuten später als geplant, die ausgesuchte S-Bahn natürlich nicht erreicht. Macht nichts, ich hatte genügend Zeit eingeplant.
Frohgemut bestiegen wir vier in Frankfurt den ICE. Leichte Verspätung und Sonderhalt in Fulda, um weitere Reisende aufzunehmen. Vor Kassel die Durchsage, dass dieser ICE in Kassel enden, ein anderer ICE auf dem Nachbargleis nach Hamburg fahren würde. Also Umstieg. In Hannover die Meldung, dass der Zug hier enden würde. Eine Weiterfahrt nach Hamburg nicht gegeben sei.
Vor dem Informationsstand der Bahn zwei über 70 m lange Menschenschlangen. Im Nebentrakt ein zweiter Info-Stand, weniger belagert. Auskünfte, die weiterhelfen konnten, gab es bei beiden nicht. Kurze Überlegungen bei uns: Mietwagen nehmen, in Hannover übernachten oder zurück nach Frankfurt fahren? Am Mietwagenschalter die Auskunft, dass es z.Zt. keinen Wagen gebe. Hotels um den Bahnhof herum ausgebucht, der nächste Zug nach Frankfurt abgefahren.
 
Nach 90 Minuten die vage Hoffnung, dass in absehbarer Zeit die Strecke nach Hamburg wieder befahrbar sei. Der Zug nach Hamburg-Altona entsprechend voll. Die Gänge mit Reisenden auf ihren Koffern sitzend verstopft. Bei der Durchsage, dass man sich ein alkoholfreies Getränk kostenfrei abholen könne, Gelächter. Wie sollte man in den Restaurantwagen gelangen? Vor Hamburg-Hauptbahnhof die Durchsage, dass der Zug hier enden würde. Die Frage, wie man nun, es war kurz vor Mitternacht, nach Altona kommen solle, beantwortete eine Zugbegleiterin schnippisch mit den Worten „das ist ja wohl ihr Problem, nicht meines.“ Unsere Reise hatte mehr als 3,5 Stunden länger als geplant gedauert. Aber wir waren am Ziel.
 
Am Donnerstag fuhr ich zurück nach Groß Karben. Kein Sturm. Was also konnte schon passieren? 13.15 ab Hamburg-Hauptbahnhof nach Rotenburg (Wümme), weiter über Verden (Aller) nach Hannover. Der Zug fuhr mit 10 minütiger Verspätung los. Damit war klar, der Anschlusszug wahrscheinlich nicht erreichbar. Nächster Zug nach Verden zwei Stunden später. Der Informationsschalter war schon um 9.45 geschlossen worden. Also Anruf bei der DB. Es wäre sinnvoller, wieder zurück nach Hamburg-Hbf. zu fahren, dann mit dem IC nach Friedberg. Also in den Zug der Metronom zurück nach Hamburg. Fahrkartenkontrolle. Einen gültigen Fahrausweis hatte ich für diese „Rückfahrt“ nicht. Einen erhöhten Fahrpreis von 40 € soll ich nun zahlen. Am Hauptbahnhof angelangt, stempelte mir eine freundliche Dame der DB mein Online-Ticket mit „Zugbindung aufgehoben“ ab, gab mir die schriftliche Fahrplanauskunft und so trat ich von Hamburg ein zweites Mal die Heimreise an. Statt um 18.59 Uhr in Groß-Karben war ich dort um 20.59 und um einige Erfahrungen reicher.
 
Meine Schwiegertochter fuhr auch am Donnerstag zurück nach Frankfurt, allerdings mit einem ICE und Platzreservierung. Die DB hatte einen anderen Zugteil eingesetzt, 33 Minuten Verspätung, die Platzreservierung hinfällig, also saß sie auf ihrem Koffer im Gang. Und sie lieber Leser, Lust auf Abenteuer Bahnfahrt bekommen? Dann man tau, wie man in Norddeutschland sagt.

 
 
Oman, Land des Weihrauchs und der Heimat Sindbads
Eine Reise in die omanischen Wüsten Wahiba Sands und Rub al-Khali, dem "Leeren Viertel"

Das Sultanat Oman, fast so groß wie die Bundesrepublik, jedoch nur mit 2,7 Mill. Einwohnern, besteht zum größten Teil aus Wüste. "Was willst du denn da? Da gibt es doch nur Sand, Sand, Sand." Freunde schüttelten den Kopf, als sie von meinen Reiseplänen hörten. 17 Tage Oman, davon 12 Tage mit einheimischen Führern und Autos, Schlafsack und Isomatte in den beiden Wüsten Wahiba-Sands und Rub al-Khali. Schlafen unter freiem Himmel. Einige Monate später brach ich zu einer weiteren Reise in die Rub al-Khali auf.

Vier Frauen und drei Männer aus der Schweiz und Deutschland bilden die Reisegruppe, vertrauen sich erwartungsvoll den beiden omanischen Führern Ibrahim und Jachja an. Zwei Hotelübernachtungen und Fahrten zu den Sehenswürdigkeiten von Masqat und Umgebung, dazu der abendliche Bummel auf der Promenade und durch die Ladengassen des Souk, liegen hinter uns, als es endlich auf der Küstenstraße nach Süden geht.  

Die erste Übernachtung im Freien ist im Gebirge auf 1.400 Meter Höhe geplant. Doch Wolken liegen über der Gebirgskette. "Falls es regnet", so Ibrahim, "ist es zu gefährlich." Wir bleiben unten am Meer. Mit Badesachen unternehmen wir einen Spaziergang in einen Wadi. Nach wenigen Metern öffnet sich eine Felsschlucht und ein kleiner See ladet zum Baden ein. Schwimmen, herrlich in diesem warmen, weichen Wasser. Später am Strand wird das Lager aufgeschlagen, eine große Matte mit Sitzkissen, daneben das Lagerfeuer, um Tee und Kaffee zu kochen. Wir schwärmen aus, um uns den persönlichen Platz mit "Schnarchabstand zum Nachbarn" für die Nacht zu suchen. Zelte benötigen wir nicht. (Sie blieben die ganze Fahrt über auf dem Dachgepäckträger.) Lieber mit Blick auf den strahlenden und blinkenden Sternenhimmel einschlafen. Eine windgeschützte ebene Fläche muss es sein und weichsandig, damit es im Schlafsack auf der Isomatte bequem ist. Ein Ritual, dass sich in den nächsten 12 Tagen immer wieder wiederholen wird. Nur das Morgenbad im Meer wird entfallen.  

Wir überqueren das Hajar Gebirge, durchqueren die Wahiba Sands, eine flache hellsandige Wüste, lernen erste Tricks. Ein dürrer, blattloser Baum wird gesucht, ein Gurt um einen dicken Ast geschlungen, das andere Ende ans Auto gebunden. Ein kurzer Ruck, der Ast ist ab. Dann mit dem Wagen ein paar Mal über den Ast gefahren, Holzhacken auf omanische Art. Die nun armlangen Holzscheite für das abendliche Lagerfeuer werden aufs Dach geladen. Wenige Meter weiter eine Reifenpanne. Wagenheber, Schrauber, Rad abmontieren, Loch suchen, flicken, mit dem Kompressor Luft auffüllen, Rad anschrauben, das Werkzeug verstauen und weiter geht es. Ohne Hektik sind gerademal 15 Minuten vergangen, absolut keine Zeit in der Wüste, kommt einem vor wie ein Wimpernschlag, länger nicht. Der Führungswagen bleibt im Sand stecken. Es gibt Gurte zum Herausziehen mittels des 2. Wagens. Es gibt Sandbleche, es gibt Allradzuschaltung und es gibt Hände. Vor dem Rad, dass sich nicht dreht, wird mit den Händen Sand weggescharrt, vorsichtig Gas gegeben und ... weiter geht es. Bis zum nächsten Festsitzen. 

In den ersten Tagen sind wir nahe kleiner Siedlungen am Indischen Ozean. Nach dem Finden eines geeigneten Lagerplatzes außerhalb, fahren wir die 5 oder 10 Kilometer zurück in eine Siedlung, um dort in einem kleinen Restaurant zu Abend zu essen. Falls auf der Toilette eine Dusche ist, nutzen wir nacheinander die Gelegenheit, den Sand aus den Haaren zu spülen und fühlen uns danach wie neu geboren.    

Die Tagesabläufe in den Wüstentagen gleichen sich. Aufstehen, recken, umschauen, die Luft tief einatmen. Zum Lagerplatz gehen, dort haben die beiden Omanis schon Tee und Kaffee gekocht. Das opulente Frühstück einnehmen, die Sachen zusammen packen, zu den Autos bringen, Schwätzchen halten. Hektik ist uns inzwischen ein Fremdwort. Ibrahim weist die Richtung und wir wandern gemächlich los. Eine Stunde später nehmen uns die Autos auf und weiter geht`s durch die grandiose Wüstenlandschaft. Mittags wird im Schatten eines Baumes oder unter dem zwischen den beiden Wagen schnell aufgespannten Sonnensegel gerastet. Tomaten, Karotten, Kopfsalat werden gewaschen und klein geschnitten, dazu Thunfisch aus der Dose und Käse gegeben, mit Olivenöl, Salz und Pfeffer gewürzt. Siesta mit Obst und Salat. Die Teller "spülen" wir mit Sand. Gegen 17 Uhr werden die Autos abgestellt, das Lager bereitet, Feuer gemacht, Tee oder Kaffee getrunken, erzählt. Wer mag, wandert auf einer der großen Sanddünen. Alle mögen, auch wenn 160 Höhenmeter im losen Sand wahrlich kein Spaziergang sind. Ein Schritt vor und hoch und einen halben wieder zurück nach unten gerutscht. Aber diese Aussicht, sie entlohnt alle Mühen. Die beiden Omanis kneten derweil Teig, frisches Brot muss gebacken werden. Die flachen Rundlaibe werden zuerst in die Glut gelegt, dann damit bedeckt, nach wenigen Minuten gewendet, kurz darauf in den Sand gelegt, damit bedeckt. Zum Schluss werden die schwarzen Stellen abgeklopft und fertig ist das leckere Wüstenbrot. Und der Wasserverbrauch? 30 Liter Wasser für 9 Personen pro Tag. Mehr als genug zum Trinken, Kochen und Zähneputzen. Ibrahim bereitet das Abendessen, sehr einfallsreich und lecker. Danach liegen oder sitzen wir weiter zusammen auf der Bodenmatte, erzählen, spielen, lachen oder träumen vor uns hin. Von den beiden Omanis erfahren wir viel über ihr Land und ihre Kultur. Ich würde gerne eine dishdasha anziehen, das praktische traditionelle lange Gewand aus weißer Baumwolle mit dem besticken Kragen und der kleinen in Parfüm getauchten Quaste, mir den muzzar um den Kopf wickeln. Doch nur Omans dürfen die Tracht tragen, Fremde werden dafür bestraft. Immer, ob im Alltag oder bei wichtigen Anlässen, tragen die Omanis Sandalen, die darf ich auch tragen. Den khanjar (am Gürtel getragener silberner Krummdolch), den sie zu Feierlichkeiten anlegen, allerdings nicht.  

Geschichten und Witze, Erlebnisse und Berichte früherer Reisen werden am Feuer erzählt. Wir sind im Land des Weihrauchs und der Heimat Sindbads. Es werden Scherze und kleine Streiche getrieben. Selten habe ich so viel gelacht. Gegen 22 Uhr verlassen die ersten das Lager, um zu ihrem Schlafplatz zu gehen, in den Schlafsack zu kriechen und einen letzten Blick hoch zum fantastischen Sternenhimmel zu werfen.  

Endlich die Rub al-Khali, die größte zusammenhängende Sandwüste der Welt. "Leeres Viertel" wird sie auch genannt. Nur einige Beduinen leben dort am Rande mit ihren Ziegen und Kamelen. An einer Tankstelle werden die Wasser- und Dieselvorräte aufgefüllt. Beide Autos und die Reservekanister vollgetankt, 540 Liter Diesel zeigt die Anzeige der Zapfsäule an. Eine halbe Stunde später sind wir wieder weit weg von jeglicher Zivilisation. Hohe rotsandige Dünen türmen sich auf. In den nächsten Tagen fahren wir zwischen ihnen hindurch, suchen immer wieder feste Sandflächen, um über die Sättel zwischen den Hochdünen fahren zu können. Oft geht es 50 m steil hinauf und auf der anderen Seite entsprechend wieder hinunter. Manchmal steigen die beiden Führer aus, erkunden zu Fuß die Gegend, um den richtigen, festen Weg zu finden. Eine langsame, kurvige Fahrerei im Länderdreieck Oman, Saudi Arabien und Jemen. Immer wieder bleibt ein Auto im Sand stecken. Einmal gelingt es erst mit dem 10. Anlauf über einen Sattel gekommen. Wir Mitteleuropäer sind freudig erregt, feuern die beiden Fahrer an, lästern zwischendurch, steigen aus, versinken barfuß im weichen Sand, laufen darin herum, fotografieren das "Spektakel", begeistern uns an den grandiosen Ausblicken auf hohe Dünen und weite Ebenen zwischen ihnen.  

Eine große Überraschung zeigen uns die beiden Führer. Eine grüne Grasfläche und ein Wasserbecken. Hier wurde eine über 1.000 km lange in 400 m Tiefe verlaufende Wasserader angebohrt und verrohrt. Neben dem Rohr mit Ventil und Schlauch ein großes Kunststoffbecken als Tiertränke. Klares Wasser, auf dem Beckenboden aber eine 10 cm dicke eklige, schwarze Schlammschicht. Also Wasser heraus schöpfen, den Schlamm entfernen, neues Wasser hinein laufen lassen. Und danach? Inzwischen Nacht geworden, liegen wir im frisch eingelaufenen 37 °C warmen schwefelhaltigen Wasser und genießen den Blick auf den herrlichen Sternenhimmel.   

Wir finden kleine "Steinkugeln", sogenannte Geoden, vor vielen tausend Jahren im Vulkanismus entstanden, unscheinbar, nicht sehr dekorativ. Als Ibrahim eine an der Hängerkupplung aufschlägt, uns die weißen Kristalle entgegen leuchten, sind wir fasziniert und sammeln eiligst einige ein. Doch was machen wir mit den vielen anderen? Mit ihnen spielen wir mehrere Partien Boule mitten im Wüstensand. Man hat viel Zeit in der Wüste.   

In der letzten Wüstennacht bekommen wir Besuch. Mehr als 70 Kamele (richtiger wäre der Begriff Dromedar, doch die Omanis benutzen diesen Begriff nicht, für sie sind es Kamele) kommen neugierig an unser Feuer. Rufe und kurze Armbewegungen vertreiben sie schnell von unseren Schlafsäcken. 

Nach den Tagen und Nächten in der Wüste nähern wir uns der Zivilisation, freuen uns auf ausgiebiges Duschen im Hotel in Salalah und Baden im Indischen Ozean. Der abendliche Bummel über den Souk, ein vielschichtiges Gemisch der wohlriechenden Düfte Arabiens wabert durch die engen Gassen, vor allem Weihrauch, dieses getrocknete Baumharz, dass früher wie Gold gehandelt wurde, ist der Abschluss der erlebnisreichen Reise.    
 
 
 
Ein Familienausflug der besonderen Art in den Süden Patagoniens
 
Wer kennt nicht das Buch "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry und Charles Darwin, der mit der HMS Beagle unter dem Kommando von Robert FitzRoy um Südamerika segelte? Antoine de Saint-Exupéry, ein leidenschaftlicher Flieger, lebte einige Jahre in Argentinien, flog dort als Postflieger auch über die Anden, besaß dort sogar eine eigene Luftlinie. Und Robert FitzRoy segelte mehrfach nach Südamerika. Beide sind inzwischen Namensgeber für Berge im argentinischen Südteil der Anden. Nach FitzRoy ist sogar ein Nationalpark in Südpatagonien benannt.  
 
Wir sind in die Jahre gekommen, der Rucksack und ich. Es ist ein älteres Modell, mehr als 30 Jahre hat er auf dem Buckel, der Rucksack. Ich auch. Alt, schon über das Renteneintrittsalter hinaus. Doch noch jung geblieben. Nicht mehr so dynamisch und spontan wie vor Jahrzehnten, als ich den Rucksack kaufte für das Insel-Hopping in Griechenland.
 
Irgendwo entdeckte ich die Reise "Trekking im Süden Patagoniens" und war fasziniert davon. Wollte diese Rucksackreise unternehmen. Meine Ehefrau war skeptisch, im Zelt übernachten? Der Sohn, Mitte Dreißig und als Backpacker erfahren, war begeistert, auch seine Lebensgefährtin. So wurde die Trekkingreise in die Nationalparks Monte Fitz Roy und Moreno Gletscher (Argentinien) und Torres del Paine (Chile) für vier Personen gebucht. Aus Kostengründen gingen wir das Risiko einer Gruppenwanderung ein. In Europa Winter, auf der südlichen Halbkugel Sommer, doch in Südpatagonien würden die Temperaturen trotzdem häufig tagsüber nicht über 15 °C klettern, nachts nur wenig über 0° C liegen, dazu ständig Wind und oft auch Regenschauer. Das musste bei der Ausrüstung berücksichtigt werden.
 
Drei Tage Buenos Aires, Millionenmetropole, Besichtigung des Stadtteils Bocca, dort wo Maradona einst bei den Bocca Juniors Fußball spielte, San Telmo, wo am Sonntag die Menschen auch auf mancher Straße den Tango spielen und tanzen. Natürlich bummelten wir auch durch das moderne Buenos Aires. Doch dann der Flug über 3.000 Kilometer in den Süden nach El Calafate. Im Hostal trafen wir auf die beiden argentinischen Führer und die anderen 4 Teilnehmer, einem jungen spanischen Paar und zwei älteren neuseeländischen Schwestern. Die eine arbeite in Frankreich als Fluglotsin, die andere als Lehrerin in Sydney. Einmal im Jahr treffen sie sich irgendwo auf der Welt zu einer gemeinsamen Reise, nun eben in Patagonien. 
 
Am nächsten Morgen Fahrt über 220 km in einem Kleinbus nach El Chaltén, einem kleinen Dorf und Ausgangspunkt der Wanderung. Den großen Rucksack auf den Rücken geschnallt, den Tagesrucksack vorne vor die Brust genommen, und los ging es. Fünf Stunden leicht bergan durch fast unberührte Natur zum ersten Zeltcamp, Laguna Capri, einem See und mit Blick auf den meist wolkenumlagerten Gipfel des FitzRoy. Sommer im Süden Patagoniens, tagsüber 10 bis 15°C, dazu kalter, manchmal sehr heftiger Wind aus Süden, aus der Region der Antarktis, nachts kühlt es ab auf knapp über dem Gefrierpunkt. In der ersten Nacht leichter Schneefall, doch die dünne weiße Pracht schmolz schnell dahin. Trotzdem hatten wir beim Frühstück im Aufenthaltszelt einen dicken Pullover, Windjacke und Handschuhe an, die Wollmütze auf dem Kopf. Danach Aufbruch zur ersten Tageswanderung. Der FitzRoy zeigte sich von seiner besten Seite, fast keine Wolke am Himmel die steile rötliche Wand und der Gipfel leuchteten in der Morgensonne, fantastisch. Bei unserer Rückkehr entdecken wir 2 Lamas mit ihrem Führer im Lager. In Packtaschen haben sie unsere Verpflegung für die nächsten Tage herauf getragen, den Müll nehmen sie auf dem Rückweg nach Chalten mit. Die Argentinier stehen herum, reden miteinander, trinken Mate. Immer haben sie heißes Wasser in einer Thermokanne dabei und natürlich den Beutel mit Mate. Wir dürfen auch probieren, schmeckt bitter. Die Argentinier lachen.
 
Wetterglück hatten wir auch an den zwei nächsten Tagesausflügen, ehe wir das Camp wechselten, um auf dem Grand Glacier eine geführte Gletscherwanderung zu unternehmen. Mit Steigeisen an den Füßen und Eispickeln in den Händen versuchen wir uns an einer Eiswand. Die Gletscherführer sichern uns am Seil. Anstrengend ist die ungewohnte Koordination von Armen und Beinen, das Schritt um Schritt klettern. Nach Stunden auf dem Gletscher nehmen wir im Camp unser gesamtes Gepäck auf und kehren zurück nach El Chaltén. Nach den Tagen im Zelt ist ein Vier-Bett-Zimmerchen im Hostal, dazu Gemeinschaftsdusche und ein holzgetäfelter Speiseraum wie eine 5 Sterne Suite.
 
Wind und immer wieder Regen, so ist der Sommer in den südlichen Anden. Mal wolkenverhangen der Himmel, die hohen Bergspitzen umhüllend, mal im gleißenden Sonnenlicht mit wunderbarer Aussicht auf die erhabene Berglandschaft mit Schneefeldern, Gletscherzungen und türkisfarbenen Seen. Das südliche Andengebiet auf argentinischer und chilenischer Seite bildet nach der Antarktis und Grönland mit den vielen Gletschern das drittgrößte Süßwasserreservoare der Welt. Die meisten enden in der Magellanstraße, der Perito-Moreno-Gletscher aber in den Lago Argentino. Fast 5 km breit ist seine Gletscherzunge und bis zu 70 m hoch (ab Wasserhöhe gemessen, Gesamthöhe ca. 170 m) und er ist einer der wenigen, der heute noch wächst. Pro Tag schiebt sich die Eismasse etwa einen Meter vorwärts, was zu spektakulären Eisabbrüchen an der Kante und zu Eisbergen auf dem Lago führt. Ein beeindruckendes Naturschauspiel, das wir auf einem Tagesausflug in den Nationalpark Los Glaciares bewundern konnten.   
 
360 km mit dem Kleinbus durch die Pampa nach Chile in den Torres del Peine Nationalpark. 360 km durch eine fast menschenleere Ebene. Waren es zwei oder drei Estanzias (Rinderfarmen), an denen wir vorbei kamen? Halt an der Grenze, an einem Wasserfall oder mehrmals durch wilde Guanakos auf der Straße. Erste Blicke auf die Berge und Seen. Das Camp liegt direkt an einem See, der Blick auf die gegenüberliegende Paine Berge ist fantastisch. Wir setzten am nächsten Tag mit einem Boot über den Lago Grey zum nächsten Camp, dass für die nächsten beiden Tage Ausgangspunkt für Tageswanderungen zu den Torres und zum French Valley ist. Die Wanderungen sind anstrengend. Aber wunderbar. Ein Naturerlebnis erster Güte.
 
Die Rückreise ist schnell beschrieben. Mit dem Boot über den Lago Gray, Kleinbus nach Porto Natales, Übernachtung im Hostal, mit dem Linienbus nach El Calafate und am nächsten Morgen der Rückflug nach Buenos Aires und nach Deutschland.
 
 
 
Hummer, Meer und Mittsommernächte
 
Da sitzen sie nun, Vater und Sohn, barfuß in meersalzverfleckten Docksides, in verwaschenen Jeans und krumpeligen T-Shirts. Sitzen an einem kleinen Tisch in der Plicht der gecharterten Jacht. Über ihnen schwingt der Mastbaum mit dem aufgeschossen Großsegel, darüber zieht sich der grenzenlose Mittsommernachtshimmel. Vom Meer her weht eine leichte Brise eine appetitanregende salzige Feuchtigkeit herüber. Als Tischdecke ein weißes Handtuch, in einem Wasserglas ein Teelicht. Der Weißwein spiegelt weiches, bernsteinfarbenes Licht und friedliche Atmosphäre. Die Krebse sind lecker und der Hummer, hmmm. Eine Rohrzange aus dem Werkzeugkasten der Jacht ersetzt die Hummerzange. Seit Tagen haben Vater und Sohn bei Tomaten, Spiegelei und Brot davon geträumt, im alten Hafen des kleinen Fischerdorfes Smögen frische Krebse und Hummer zu genießen. Bootsnachbarn blicken herüber, amüsieren sich über das Bild im weichen Licht der Mittsommernacht. 
       
Vor sechs Tagen haben sie die Jacht, eine Maxi 95, im Hafen von Björkö übernommen. „Da sind die Leuchtraketen, hier die Lifebelts und Schwimmwesten. Und auf den Motorölstand achten“, legte der Eigner ihnen noch eindringlich ans Herz. Seine Frau räumte das Boot auf, stopfte die letzten persönlichen Dinge in eine Tasche, kochte nebenher Begrüßungskaffee. Eine Stunde später haben Vater und Sohn ihre Sachen aus dem Auto zur Jacht geschleppt, alles schnell und so geschickt verstaut, dass sie später die Zahnpasta bei den Dosensuppen und die Kekse zwischen den T-Shirts fanden. Der Rasierapparat tauchte erst nach 14 Tagen beim Einpacken der nicht gebrauchten Socken auf. Seeleute, die haben Bärte, so ein altes Seemannslied. Im kleinen Lebensmittelladen deckten sie sich ein mit Getränken und 1 und 5 Kronenstücken für warmes Duschwasser in den Häfen.

Die Insel Björkö liegt nördlich von Göteborg in einem Schutzgebiet, das von Ausländern nicht betreten werden darf. So steht es im Küstenhandbuch Südschweden und auf Anschlagtafeln. Doch es interessiert keinen Menschen und keine Behörde achtet darauf. Heiß brennt die Mittagssonne. Laut Wetterbericht sollen es 28°C im Schatten sein, doch den gibt es nur unter Deck und von dort kann man nicht segeln. Also Schmiere mit hohem Lichtfaktor auf Gesicht, Bauch und Rücken, auch auf die lichter werdenden Stellen auf Vaters Kopf. Segel angeschlagen, Seekarten zurechtlegen, Motor an, Leinen los. Nach Passieren der Hafenausfahrt setzen sie Segel. Endlich die ersehnte Stille. Westwind der Stärke 4 ist ein gemütlicher Segelwind für den Nordkurs. Durchatmen und genießen. Die Segel etwas trimmen. Schweiß. Zwischen und Hälsö auf Westkurs, Kreuzen. Im Nordwesten sichten sie das Leuchtfeuer St. Pölsan. Letzte Häuser, dann nur noch Steinhaufen im Meer. Liegen da Seehunde in der Sonne? Auch mit dem Fernglas sind sie nicht genau auszumachen. Also sind es Seehunde in der Sonne. Sohn übernimmt das Ruder. Vater verzieht sich für die nächsten dreißig Minuten auf die Leeseite in den Schatten des Großsegels. Endlich mal keine Sonne auf der Haut. Sohn holt eine Pütz voll Seewasser herauf, gießt es sich über den Kopf. Schreit. 16°C Kälte auf aufgeheizte Haut. Das schmerzt, doch dann tritt für Minuten Wohlbefinden ein, ehe die Sonne alles verdunstet und wieder aufgeheizt hat. Bewegungslos in der Plicht sitzen, den weißen Flecken auf endlosem Blau zuschauen, den Wölkchen am Himmel und den Segeljachten auf dem Wasser. Schweiß rinnt in Strömen. Hunger. Erbsensuppe und Brot. Durst. Mineralwasser, zwei Flaschen. Wieder Hunger. Wieder Durst. Sie umrunden das Leuchtfeuer.

Die schwedischen Westschären, eines der schönsten Segelreviere Europas. Überwiegend Westwind um Stärke 5 lässt bequemes Segeln unter Vollzeug zu. Sollte es auffrischen, so auf Stärke 8, dann kann man in den gut geschützten Häfen bleiben oder sich hinter die großen Inseln Orust und Tjörn verkriechen, um im Stennungs- und im Svanesund geschützt weiter zu segeln.  

Wieder Hunger. Spiegeleier mit Brot, dazu Tomaten. Vater und Sohn suchen auf der Seekarte nach einem geeigneten Liegeplatz für die Nacht. Eine unbewohnte Insel mit einer Ostbucht als Schutz gegen den Westwind soll es sein. Sie wälzen das Buch mit den Ringliegeplätzen. Steuern darauf zu. Hoffentlich liegt dort noch keine Jacht. Die Wassertiefe ist günstig, der Ring zum Festmachen am Felsen gut erreichbar. Segelfeierabend. Sie gehen an Land, klettern hoch, schauen über das Meer. Skagerak im Licht der Abendsonne. Es ist 22.00 Uhr. Endlich kühler. Die Äpfel schmecken. Am Morgen trauen sie sich nicht ins Wasser, zu kalt. Also nur Katzenwäsche. Und wieder Schmiere, denn die Sonne sticht schon wieder herunter.

Westschären, das sind Hunderte von bewohnten, Tausende von unbewohnten Inseln. Kleine Orte mit engen Gassen zwischen bunten Holzhäusern auf den Ostseiten und kleine Häfen. In den schwedischen Ferien von der zweiten Juniwoche bis Mitte August ist es in den Orten sehr lebendig. Doch es ist eine ruhige und heitere Stimmung. Ausgeruhte Menschen, kaum Autos. Auf dem Wasser und in den Häfen jede Menge Boote. Ruder- und Motorboote, kleine und große Segeljachten. Am späten Nachmittag laufen immer mehr Boote ein, die Häfen füllen sich, die Gastliegeplätze sind rar. Im Päckchen nebeneinander liegen, sich kurz austauschen über woher und wohin. Manchmal bei einem gemütliche Plausch einen Tee oder Kaffee oder einen Aperitif Reling an Reling trinken. In den meisten der kleinen Schärendörfer liegen die Lebensmittelgeschäfte direkt am Hafen. Draußen schlecken Kinder Eis, Erwachsene ergänzen den Proviant, tauschen gegen eine geringe Gebühr die Kühlelemente des Eisfaches aus.

Segeln in den Westschären, das ist das Streicheln der Seele. Wenn, ja wenn diese verfluchte Navigation nicht wäre. Aufpassen muss man in dem Inselgewimmel. Immer genau wissen, wo man sich befindet. Eine Passage zwischen zwei Inseln kann 80 m tief sein, eine andere, vom Aussehen her gleiche nur 2 m. Beim Passieren Insel für Insel, Felsen für Felsen auf der Seekarte abhaken, sonst verliert man trotz Satellitennavigation den Überblick im Gewusel der flachgerundeten Felsen. Doch kann man ja auf die offene See hinaus fahren, sich den Geräuschen von Wind und Wellen überlassen, den Tag genießen.

Sie waren in Malmön, Lysekil, Grundsund, Ellös, Marstrand, Mollösund, Åstol. Sind in den kleinen Orten die schmalen Gassen zwischen den bunt angestrichenen Holzhäusern geschlendert. Über karge Felslandschaften zum Meer gewandert. Baden waren sie selten. Männer und kaltes Wasser. Sind durch den Hasselösund gefahren. Hätten fast vom Boot aus auf die Wohnzimmertische langen können. Dann Süd-, später Westkurs. Frühes Anlaufen von Smögen, um einen guten Liegeplatz im gamla hamn (alter Hafen) zu bekommen. Landfein machen für den Spaziergang an den ehemaligen Bootshäusern der Fischer, in denen sich Andenkenläden eingenistet haben, vorbei zur Fischhalle, um Krebse und Hummer für das lang geträumte Festmahl zu erstehen.



Immer nur lächeln.... doch die im Dunkeln sieht man nicht
Über Leben und Arbeiten auf einem russischen Flusskreuzfahrtschiff
 
Nicolai schleppt Koffer. Vom Schiff zum Bus, vom Bus ins Flughafengebäude. Drei Stunden Herumstehen in teurer Welt. Dann wieder Koffer zum Bus, zum Schiff. Heute in St.Petersburg, zehn Tage später in Moskau, danach wieder in St.Petersburg. Routine.
 
Vier Tage Flusshafen St.Petersburg, sechs Tage Fahrt über Flüsse, Seen und Kanäle. Newa, Ladoga-See, Swir, Onega-See, Scheksna, Wolga. 1630 km Wasserweg, 16 Schleusen mit insgesamt 162 Höhenmetern hinauf, 60 Höhenmetern wieder hinunter. Anlegen in Kizhi, Pedrozadovdsk, Goritzy, Uglitsch. Vier Tage Flusshafen Moskau.

Tagesroutine: vier Stunden Wache: Leinenmanöver beim Anlegen in Schleusen, Acht Stunden Freiwache mit Dienst: Liegestühle aufstellen, wegräumen, Deck reinigen, Rostklopfen, Farbe pinseln. Dazwischen Essen, Waschen, Schlafen. Wieder vier Stunden Wache. Routine. Tag und Nacht. Für 200 DM im Monat. (Für eine Koje in einer Zwei-Bett-Kabine der einfachsten Kategorie für 10 Tage Urlaub müsste Nicolai seinen gesamten Jahresverdienst aufwenden.) Von Ende Mai bis Ende September zwischen Moskau und St.Petersburg. Dann geht es nach Süden, nach Rostow am Don, dem Heimathafen. Winterliegeplatz und acht Monate geruhsame Arbeit: Rostklopfen und Anstreichen. Acht Stunden am Tag. Freie Wochenenden und einige Tage Urlaub, Abfeiern der Überstunden aus der Saison, Zeit für Nebenjobs. Es ist eine gute Anstellung und die Bezahlung, selten im neuen Russland, ist pünktlich. Für eine Reise im Jahr könnte er seine Familie mit an Bord nehmen. Doch Nicolai ist 20, hat noch keine eigene Familie. Die Freundin des letzten Winters schreibt nicht mehr. Eine neue Freundin für den kommenden Winter wird sich finden.„Michail Scholochow“, Flusskreuzfahrtschiff, Land des Lächelns, 3800 BRT, 130 m lang, 17 m breit, 3 m Tiefgang. Operettenhaus mit 270 Zuschauern und 96 Ensemblearbeitern auf, hinter und unter der Bühne; doch die im Dunkeln sieht man nicht.

Auf der Pier den abreisenden Passagieren nachwinken. Kurzes Verschnaufen. Dann muss sich Tatjana umziehen. Russische Tracht. Bei Akkordeon- und Balaleikaklängen Brot und Salz den neuen Passagieren aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Luxemburg, Holland, Belgien, den USA reichen. Zum vierten Mal hat sie ihren Lehrstuhl an der Hochschule in Rostow am Don für die Arbeit als Dolmetscherin auf dem Schiff vertauscht. Die vierte Saison fern von Ehemann und den beiden Kindern, Jungen, 7 und 9 Jahre alt. 600 Mark im Monat, dazu die nach jeder Reise aufgeteilten Trinkgelder aus der Gemeinschaftskasse, nochmals 100 Mark. Das ist viel Geld für Tatjana und ihre zwei Kolleginnen. Sie hat Spaß daran. Macht es auch wegen Eugen, dem Chefdolmetscher. Finnisch, ungarisch, deutsch, englisch, französisch, spanisch, katalanisch, italienisch, aserbaidschanisch, armenisch, ukrainisch, ...., insgesamt spricht er 26 Sprachen und Dialekte. Tatjana bewundert Eugen, arbeitet gerne mit ihm zusammen. Und dann die vielen Passagiere aus fernen Ländern. Die vier Monate mit ihnen zwischen St.Petersburg und Moskau sind für Tatjana wie Erlebnisreisen in fremde Welten. 

„Michail Scholochow“, auf der VEB Elbewerft gebaut, 1985 für die Wolga-Don-Reederei in Dienst gestellt. Nach dem Literatur-Nobelpreis-Träger benannt. Sein Hauptwerk: „Der stille Don“, vierteiliger Roman über das Leben und Schicksal der Donkosaken vor, während und nach der Revolution. Auf der „Michael Scholochow“, Heimathafen Rostow am Don, exemplarisch das schwierige Leben nach dem Zerfall der Sowjetunion, dem Niedergang alter Werte, dem Anbruch einer neuen Zeit.

St.Petersburger Pracht für die Passagiere. Micha hat Langeweile. Seine Massagen können nicht gegen Winterpalast und Peterhof konkurrieren. Er ist selbständig. Hafenliegezeiten bedeuten keinen Verdienst. Von den 18 Mark für eine halbstündige Massage muss er 60% an die Reederei abführen, vom Verbleibenden noch Steuern zahlen. Es war seine Idee, auf dem Schiff den Passagieren Massagen anzubieten. Das war vor sieben Jahren. Ob er die achte Saison noch mitmachen wird? Die Verlängerung der Hafenliegezeit macht sein Geschäft unrentabel. Statt sich von seinen Händen verwöhnen zu lassen, rennen die Westler in großen Gruppen im Schnelldurchgang durch die Eremitage und dem Katharinenpalast in Puschkin. Im Austausch für den Haarschnitt massiert er Katja, die Friseuse. Auch sie beklagt die zu geringen Einnahmen. 

Alexander, der Schiffsingenieur, nutzt mit seinen sechzehn Mann die Hafenzeit für die Wartungen an den drei Hauptmaschinen und den nicht genutzten Hilfsmaschinen für die Wasseraufbereitung und das Bugstrahlruder. Die beiden anderen von insgesamt vier Hilfsmaschinen, die die mittels Generatoren die elektrische Energie für das Schiff erzeugen, versorgen Kühlaggregate und Klimaanlagen mit Strom. Alexander, mit acht Semestern Hochschulstudium Maschinenbau, ist er seit Indienststellung der „Michail Scholochow“ an Bord. Der Fahrstand, Überwachungsraum für die drei 1000PS Dieselmaschinen und vier E-Generatoren mit zusammen 2120 kW, ist seine zweite Heimat. Er ist stolz auf die Maschinen, auch wenn es durch die Wiedervereinigung Deutschlands Ersatzteilprobleme gibt. Die Verträge mit der Erbauerwerft sind durch die Umstrukturierung ausgelaufen. Seit vier Jahren fährt auch seine Frau Alina als Köchin für die Mannschaft mit. Zwei Kojen, WC und Dusche auf acht Quadratmetern sind während der Saison das Zuhause. Die beiden Kinder sind gut bei der Großmutter untergebracht. Letzte Saison sind sie in den Ferien auf zwei Reisen mit an Bord gewesen, der älteste will auch Schiffsingenieur werden.

Das Schiff hat zu kleine Tanks, um für rund 400 Personen für 10 Tage Wasser zu bunkern. Während der Fahrt wird aus den Flüssen und Seen Wasser entnommen und zu Trinkwasser aufbereitet. Ein eigenes Klärwerk reinigt die Abwässer. Dafür trägt „blaue Trainingshose“ die Verantwortung. Jeder der Besatzung weiß, dass damit der Bootsmann gemeint ist. Seinen Vornamen kennt keiner, nur nach einigem Nachdenken den Familiennamen: Konstantinowitsch. Viele Jahre auf Hochseeschiffen gefahren. Seit der Indienststellung der „Scholochow“ vor 13 Jahren ist er dabei, ebenso wie der Kapitän und der Schiffsingenieur. Blaue Trainingshose ist seit Jahrzehnten verheiratet. Diesen Sommer teilt seine Freundin seine kleine Kabine. Die Ehefrau bleibt ihm für den langen Winter in Rostow am Don. Zwei Leben, eines an Bord, eines an Land. Einige führen es. Von der Reederei um des guten Klimas unter der Besatzung geduldet. Und ist Platz, so dürfen Familienmitglieder mit fahren. Zwölf Kinder, von vier bis 14 Jahren, sind auf dieser Reise an Bord, darunter auch der jüngste Sohn des Kapitäns. Ferien, drei Monate Sommerferien. Es gibt auch Ehepaare, die beide an Bord arbeiten. Ivan, der Konditor und Anuschka, die Bäckerin, ehemals Lehrerin. Alexander, der Schiffsingenieur und Alina, die Köchin für die Mannschaft. Stefano, der italienische Koch, der Ruslan, dem russischen Chefkoch beratend zur Seite steht und Katrin, die deutsche Serviceüberwacherin. Sergiossa und Ana betreiben eine der drei Bars. Auf dieser Reise haben sie ihren vierjährigen Sohn dabei und Anas Mutter, die auf ihn aufpasst. Die Passagiere sonnen sich an Oberdeck und in der Bar ist nichts zu tun. So hat Ana Zeit, im deutschen Versandhauskatalog zu blättern. Sie schaut nach neuen Kleidern für sich, nach Schuhen für den Sohn. Ihr Mann könnte auch einen neuen Anzug gebrauchen. Katrin übersetzt, berät. Es wird addiert, in Rubel umgerechnet, überlegt, verworfen, weiter gesucht und neu gerechnet. Margot, Reisebegleiterin, die in vierzehn Tagen aus Deutschland als Ablösung anreist, könnte die Sachen als Beigepäck kostengünstig mitbringen. Das würde Ana erhebliche Kosten sparen.

Im Gang auf dem Hauptdeck hocken Jacqueline und Dimitrie. Seit dem Frühstück spielen sie Karten auf dem Boden. Jacqueline ist neun, aus dem Saarland und auf dem Bunten Abend zur Lady Kreuzfahrt gekürt. Dimitrie ist 11, aus Rostow am Don, Sohn des Kapitäns, für eine Reise mit an Bord. Russisches und deutsches Gebabbel, Lachen, sie verstehen sich gut beim Spiel mit den unterschiedlichen Regeln. Nachher will Nicolai ihnen Billard beibringen. Außer einem Fernseher ist der Billardtisch die einzige Freizeiteinrichtung im kleinen Gemeinschaftsraum. Seit Urzeiten ist „blaue Trainingshose“ der Schiffsmeister des Queues.

Nicolai hat Freiwache, steht neben „blaue Trainingshose“ an der Reling, wartet, bis die letzten Touristen das Schiff verlassen, in die bereitstehenden Busse gestiegen und zum Kirilow-Kloster abgefahren sind. Zwei leere Taschen hat er sich umgehängt, die Zettel mit Wünschen seiner Mitmatrosen und entsprechendes Geld hat er in der Hosentasche. Nur zweihundert Meter von der Pier in Goritzy entfernt ist ein Kiosk, da kann er billig Zigaretten, Bier und Wodka einkaufen. Eine Dose russisches Bier für 10 Rubel oder ein Glas Exportbier aus Deutschland für 15 Rubel an Bord, das können sich nur die Touristen leisten. Für Matrosen zu teuer. Aber sie kennen in jedem Hafen, an jeder Anlegestelle ihrer Reise entsprechende Kioske. Er wird an den drei Umhängetaschen schwer zu tragen haben. Aber es muss für 10 Leute und vier Tage reichen. Auch „blaue Trainingshose“ wartet darauf, dass er endlich von Bord kann. Hinter Goritzy kennt er im Wald Plätze, an denen Maronen und Steinpilze wachsen. Eine Stunde Fußmarsch hin, eine zurück, ihm bleiben mehr als 30 Minuten zum Sammeln. Die kleinen Jungen in Badehosen haben ihre leidvolle Mine für das Betteln von Bonbons und Kaugummi wieder abgesetzt. Lachen, springen von der Pier ins Wasser, planschen. Die Mädchen haben aufgehört „Kalinka“ zu singen, schauen den Buben zu. Kurz vor dem Ablegen wird Angelika, eine der russischen Dolmetscherinnen, den Mädchen Tüten mit vergessenen Kleidungstücken von Passagieren vergangener Reisen geben. Auf der Pier steht eine gebeugte alte Frau mit einem Bündel Dill. Wartet auf Alina, die Köchin, wird das Bündel gegen eine Tüte mit hartem Brot für die Tiere eintauschen. Dill darf an keinem russischen Gericht fehlen und Alina spart auf diese Weise beim Verpflegungsgeld und der alten Frau, bei einer Rente von weniger als 300 Rubel im Monat wird eben jeder Rubel zweimal umgedreht, ist das harte Brot willkommen. Das russische Sprichwort: 100 Gramm sind kein Wodka, 100 Rubel kein Geld, 100 Kilometer keine Entfernung, 100 Minuten keine Zeit, traf in Bezug auf das Geld für Normalrussen noch nie zu.

Und die im Lichte..., enge Kabine, schmale Kojen, statt der auf Kreuzfahrtschiffen üblichen 150 Gramm Fleischportionen nur 100 Gramm. Ein Flusskreuzfahrtschiff ist kein Luxusliner. Länge, Breite und Tiefgang des Schiffes werden von den Schleusenabmessungen bestimmt. Da haben sich Kabinen- und Lagerraumgrößen anzupassen. Doch die Passagiere murren nicht, im Gegenteil, sind zufrieden. Stürzen sich in den Stress der Besichtigungen. Stadtrundfahrt, Eremitage, Peter und Paul Festung, Zarskoje Selo, Peterhof. Kaum dass sie einmal gemütlich über den Newski Prospekt, durch die stillen Gassen an den Kanälen bummeln können. Dann Leinen los. Ladoga-See, den Onega-See, weiße Nächte in Karelien. Beschaulichkeit von Landschaft und Himmel. Musik von Sibelius aus den Lautsprechern beim Ablegen von der Insel Kizhy. Kurz vor Mitternacht liest Wolfram Götz, Leiter der Kreuzfahrt, aus Der Schneesturm von Alexander Pusckin vor. Drei russische Musiker spielen auf: russische Volkslieder, natürlich Abendglocken, Kalinka und Stenka Rasin. Aber auch klassische Stücke von Bach, Glinka, Rimsky-Korssakoff, Tschaikowsky. Und die im Lichte, die Passagiere, sie schwärmen verzaubert von den hellen Nächten, der Endlosigkeit der Wälder, dem ruhigen Wasser der Seen und Flüsse, dem Dahingleiten von Schiff und Seele.

Von der Pier aus inspiziert Kapitän Nikolaj Woronin das Dollbord des Schiffes. Übermittelt seine Eindrücke dem zweiten Offizier. Drei Matrosen setzen ein Beiboot aus, laden Pinsel und Farbe ein, Ausbessern schadhafter Stellen am Dollbord. Noch zwanzig Minuten bis zum Ablegen. Wieder steht der Kapitän auf der Pier, drängt auf Beendigung der Farbarbeiten. Die drei Matrosen im Beiboot haben das Rudern nicht gelernt. Dem Kapitän schwellen die Zornesadern an. Endlich ist das Boot an den Haken eingehängt, wird hochgezogen. Die drei Männer im Boot halten sich nicht fest, einer will sogar vom Beiboot auf das Hauptdeck des Schiffes springen. Das Beiboot schwankt, schwenkt um, die drei fallen ins Wasser. Der Kapitän wendet sich lachend ab. Später wird er sich die drei Matrosen vornehmen. Begossene Pudel schleichen unter dem lauten Gelächter und Schmährufen anderer der Besatzung an Land. Die meisten „Matrosen“ sind nur angelernte Landratten, keine richtigen Seeleute.

Es scheppert, einmal, zweimal, .., sechsmal, siebenmal. Der starpom fährt. Wie der erster Offizier werden konnte? Nicolai schüttelt den Kopf. In der Hand hat er die Leine zum Festmachen in der Schleuse. Wird wohl auch bald degradiert, so wie es dem zweiten Offizier nach der letzten Saison ergangen ist. Das Grinsen versteckt Nicolai hinter Geschäftigkeit. Nur der Kapitän kann fahren, butterweich in den Schleusen anlegen. 40 Jahre auf dem Fluss, als Matrose angefangen. In einigen Jahren wird Nicolai vielleicht auch Offizier, später sogar Kapitän sein. Da ist er sich ganz sicher. Routiniert hat er das Auge der Leine auf den Haken des Schwimmpollers geworfen, die Leine durchgeholt, mit zwei Duchten auf dem Kreuzpoller belegt, das Ende fest in den Händen. Es ist die letzte von drei Schleusen während seiner Wache. Danach wird er gut schlafen. Die Hundewache von Mitternacht bis um vier fährt der Alte, bei dem gibt es kein Anrumpeln an den Schleusenwänden. Der kann fahren. Und die laute Musik im Tanzsalon dringt nicht bis ins Unterschiff. Der Krach der Diesel übertönt alles, doch die Monotonie wird ihn nach 16 Stunden Dienst in den Schlaf summen. 



Auf Don und Wolga
Bei einer Flusskreuzfahrt von Rostow nach Moskau zeigt sich Russland auch von seiner unberührten Seite

Das Schiff schiebt sich gegen den Strom. Langsam vom Süden nach Norden den Fluss hinauf. Von der frühsommerlichen Wärme Rostows in die ersten zaghaften Frühlingstage Moskaus. Zuerst auf dem Don, dem Vater, dann auf der Wolga, der Mutter Russlands. Das Schiff trägt den Namen des russischen Literaturnobelpreisträgers Michail Scholochow, dessen Werke „Geschichten vom Don“, „Flimmernde Steppe“ und vor allem „Der stille Don“ von den Menschen in dieser Landschaft am Fluss und in der Steppe erzählen.

An die Reling gelehnt, richtet sich der Blick über den breiten Fluss. Träge scheint er zu sein. Doch durch das Wasser der Schneeschmelze macht er sich in seinem Bett breit. Er ist stark und fließt schnell. Von den Ufern zieht sich die unendlich erscheinende Weite der Steppe. Aus Ohrstöpseln die ersten Takte aus Tschaikowskys „Ouverture solennelle“. Zuerst unsicher die Celli, dann fester, selbstsicherer. Einige Takte später die Flöten, hell erheben sie sich wie die Lerchen über den Getreidefeldern hinter den Ufern.

Deutsche kamen in dieses Gebiet als friedliche Siedler, als kriegerische Eroberer, und nun kommen sie als neugierige Touristen. Einschweben über Rostow am Don, der südlichsten Millionenstadt Russlands, Landung, Abfertigung, Bustransfer zum Flusshafen. Begrüßung an Bord der MS "Michail Scholochow" mit Brot und Salz. „Hotelheimat“ die nächsten 16 Tage lang. Der Kapitän Nikolaj Woronin ist im 47. Jahr auf dem Fluss. Im Gang steht der Bootsmann „Blaue Trainingshose“, jeder der Besatzung nennt ihn so. Und Nicolai, Matrose, Lächeln, zdrastwui, es klingt wie „hallo, mein Freund“. Eine Zigarettenlänge stehen wir nebeneinander an der Reling. Er kann kein Deutsch, ich kein Russisch, lachen können wir beide und ein Glas Wodka auf das Wiedersehen trinken.

Vom Flusshafen sind es nur wenige Minuten bis zur Innenstadt. Von der Kosakenherrlichkeit ist in der Stadt, die 1749 ihren Ursprung in einer Zollstelle hatte, nichts mehr zu bemerken. Vom legendären Räuberhauptmann Jermak, der zum Führer der Kosaken am Don aufstieg, vom Rebellen Stepan Rasin oder von Jemeljan Pugatschow, der sich als Zar Peter III. bezeichnete und zwei Jahre lang mit seinem Heer der Jaik-Kosaken gegen die Zentralgewalt durch Katharina die Große kämpfte, schließlich auf dem Roten Platz in Moskau öffentlich hingerichtet wurde, erzählen noch manche Geschichten. Die eigentliche Stadt als Tor zum Kaukasus, Verkehrsknotenpunkt und Warenumschlagplatz entstand 1797. Durch die Kämpfe und Besetzung der deutschen Truppen wurde sie stark zerstört.

Den Don hinauf. Der breite Fluss, die Weite der hügeligen Ebene. Tschaikowskys „1812“ klingt in den Gedanken auf. Die Celli der ersten Takte beschreiben das Flirren der Luft, die grenzenlose Weite. Getragene Stimmung, dann wieder fröhlich, Russland. Das Land, die Dörfer am Fluss, die Städte. Takte später mit Pauken und Trompeten der Kanonendonner der Kämpfe, musikalischer Aufschrei Tschaikowskys gegen den Einfall der Franzosen. (Wie hätte es wohl geklungen, wäre er bei Hitlers Überfall noch am Leben gewesen?) Am Schluss das Glockenläuten und die Fanfaren der Siegesparade. Die Eindringlinge besiegt: Napoleon aus Moskau, die deutsche Armee aus Stalingrad vertrieben. Russland, so geschichtsträchtig an diesen Lebensadern Wolga und Don. Wolgograd und Moskau. Das Glockenläuten der durch die Bauten der Stauseen überfluteten Dorfkirchen ist nicht mehr zu hören. Für alle Zeiten untergegangen.

Das Schiff passiert den Zimljansker Stausee, den Wolga-Don-Kanal. Die beiden großen Flüsse zu verbinden, war schon seit dem Mittelalter geplant. Zar Peter I. griff die Idee wieder auf, scheiterte allerdings. Erst 1952, nach vierjähriger Bauzeit, wurde mittels eines komplizierten Schleusensystems die Verbindung hergestellt. Gewaltig der letzte Schleusenteil vor Wolgograd. Mittels vier Schleusen wird das Schiff vom Niveau des Zimljansker Stausees um 38 Meter gehoben, um nach wenigen Kilometern auf der Wasserscheide Wolga- Don dann mittels neun Schleusen um 88 Meter wieder auf das Niveau der Wolga abgesenkt zu werden.

Der Flusshafen von Wolgograd – oder Zarizyn, wie es heute schon wieder inoffiziell mit dem alten Namen genannt wird – liegt im Zentrum und ist der größte an der Wolga. Eine breite Freitreppe führt zur 100 Meter breiten Heldenallee und zum Ehrenmal-Obelisk. In unmittelbarer Nähe das Zentralkaufhaus, in dessen Keller die Kapitulationsurkunde von Paulus unterzeichnet wurde. In der Nähe auch die Ruine der „Roten Mühle“, des Gefechtsstandes eines russischen Truppenteils. Auf der höchsten Erhebung der Stadt, dem besonders umkämpften Hügel 102, dem Mamajew-Hügel, überragt die 85 Meter hohe Statue „Mutter Heimat“ inmitten der 220 Hektar großen Gedenkstätte alles andere. Hier, auf einem Gelände mit etwa 1200 Granatsplittern pro Quadratmeter, liegen rund 37.000 gefallene Soldaten begraben. Zarizyn – Stalingrad – Wolgograd – wieder Zarizyn? Stenka Rasin eroberte es, hundert Jahre später war es Pugatschew. Nach der Oktoberrevolution begann hier der Bürgerkrieg mit einem Aufstand der Don- Kosaken gegen die Bolschewiki.

Vier Tage wird das Schiff bis Kasan benötigen. Die Fahrt führt über den Wolgograder Stausee, der 540 Kilometer lang ist, nach Saratow, einer Stadt, die stark durch die Wolga-Deutschen geprägt wurde. Die „Schwarze Erde“ der Steppe wurde durch großangelegte künstliche Bewässerung fruchtbar gemacht und ist so zur größten und reichsten Kornkammer Russlands geworden. Weiter nach Samara. Hier lebten um 1900 mehr als 300.000 Deutsche und prägten das Stadtbild. Der zentrale Platz der Stadt ist um einiges größer als der Rote Platz in Moskau. Hier liegt auch 37 Meter unter der Erde das im „Vaterländischen Krieg“ entstandene geheime Ausweichquartier der sowjetischen Führung. Es ist noch vollständig erhalten und ist heute als „Stalinbunker“ ein Museum. Gorkij und Lenin lebten und arbeiteten einige Zeit in Samara. Weiter nach Norden, durch die Wolgaschleife, vorbei an den Schiguli- Bergen und an Togliatti (hier wird der „russische Fiat“, der Lada, gebaut), an Simbirsk vorbei, Lenins Geburtsstadt. Nach seinem Tod wurde die Stadt nach ihm in Uljanowsk umbenannt, sein Elternhaus ein Museum, im ersten Stock das Kinderzimmer. Hatte er dort in der bürgerlichen Welt seine ersten revolutionären Fantasien? Las er im lichtdurchfluteten Wohnzimmer, mit wem spielte er dort Schach? Endlich Kasan. Kreuzungspunkt alter Handelswege: Das Tor nach Osten zum Ural und nach Süden über die Wolga zum Kaspischen Meer. In Kasan siegte Iwan IV., genannt der Schreckliche, über die Mongolen. (Zur Erinnerung daran wurde in Moskau am „Roten Platz“ die Basilius-Kathedrale errichtet). An der Universität studierte Lenin; Maxim Gorkij dagegen wurde das Studium verweigert. Neben der Martschani-Moschee, der Peter-Paul-Kathedrale und dem gewaltigen Kreml gibt es auch ein Schaljapin- und ein Gorkij-Museum. Am beeindruckendsten aber ist außer dem Nebeneinander von Alt und Neu, von europäischen und orientalischen Stilelementen, die große Lebendigkeit in der Stadt der Tataren.

Vorbei an unberührten Flussufern, an kleinen Fischerdörfern fährt das Schiff weiter zur alten Hansestadt Nischni Nowgorod. In der Sowjetzeit trug sie den Namen Gorkij, zu Ehren des hier geborenen Dichters Alexej Maximowitsch Peschkow, der sich später wegen seiner schweren Jugend Maxim Gorkij nannte (gorkij heißt bitter). Alle Schätze des Orients und Asiens kamen in die Stadt mit ihrer Handelsmesse „Jarmarka“ (vom deutschen Wort Jahrmarkt, das auch für Messen und Messehallen benutzt wurde). Berühmt auch die Pelzwaren, die hier gehandelt wurden. „Moskau ist der Bauch, Nischni Nowgorod der Geldbeutel“, so ein altes russisches Sprichwort. Hier war auch der Stammsitz der Stroganows, des bekanntesten russischen Kaufmannsgeschlechts. Sie erschlossen Sibirien, bauten Erze ab und verhütteten sie, kamen zu einem sagenhaften Reichtum. Wurden von Maria Theresia zu Grafen, von Peter I. zu Baronen geadelt, und kulinarisch lebt ihr Name noch in der Bezeichnung „Boeuf Stroganow“ weiter.

Nach den schönen Anstrengungen der Stadt wieder vier Tage ruhiges Dahingleiten des Schiffes die Wolga hinauf, ehe es durch den Moskwa-Kanal nach Moskau geht. Zwischendurch legt die "Michail Scholochow" mehrmals einige Stunden an. In Kostroma ist Zeit für das imposante Ipatijew-Kloster, in Jaroslawl für das Erlöserkloster und das älteste Theater Russlands. Als letzte Station vor der Hauptstadt legt das Schiff direkt an der Uferpromenade von Uglitsch an. Von dort sind es nur wenige Gehminuten bis zum 1000 Jahre alten Kreml der Stadt.

Die letzten Schleusen auf der Reise, Kanalfahrt, dann der Flusshafen von Moskau. Station für die letzten Tage. Stadtrundfahrt, Besichtigung von Kreml, Roter Platz, Basilius-Kathedrale, einige der schönsten Metro-Stationen. Spaziergang durch den Arbat. Noch zwei kurze Nächte Schlafen auf dem Schiff, ehe es Abschied nehmen heißt von der "Michail Scholochow", vom Kapitän Nikolaj Woronin, vom Bootsmann „Blaue Trainingshose“ und von Nicolai, dem Matrosen. Eine Zigarettenlänge stehen wir nebeneinander an der Reling. Er kann kein Deutsch, ich kein Russisch, lachen können wir beide und trinken noch ein Glas Wodka auf ein weiteres Wiedersehen.
 
 
 
Aegina - Frische Pistazien und herrliche Ruhe im Saronischen Golf
 
...komm hin zur gastfreundlichen, zur Insel Aegina; am Wasser harren, ... schrieb der Lyriker Pindar vor mehr als 2.500 Jahren in seiner Nemeischen Ode. Und manche Menschen nehmen den Rat auch heute an, reisen auf die kleine Insel Aegina, die seit sechstausend Jahren besiedelt ist. Heute leben kaum mehr als zehntausend Menschen auf ihr. Sie leben von Tierzucht und Landwirtschaft, vor allem die Pistazien sind berühmt und natürlich vom Tourismus. Fischerei und Schwammtaucherei spielen keine große Rolle mehr.

Langsam gleitet das Fährschiff aus Piräus auf die Pier zu. Nur etwas mehr als dreißig Kilometer vom hektisch-lauten Athen entfernt, eineinhalb ruhige Stunden Fahrt über das blaue Wasser des Saronischen Golfs, empfängt die Reisenden der in der Sonne liegende Hauptort der Insel. Pferdekutsche oder Taxi zum Hotel hinter dem Kolona-Hügel? Siebenhundert Meter sind auch zu Fuß zu schaffen. Inmitten eines großen Gartens liegen die kleinen Bauten des von einer Französin betriebenen Bungalow-Hotels. Alle Zimmer haben kleine Terrassen, die meisten mit Blick auf den Golf. Das Frühstück muss man sich selber von der Rezeption holen, kann sich damit in der schattigen Weinlaube niederlassen, mit dem Tablett auf die eigene oder die große, für alle Gäste zur Verfügung stehende Gartenterrasse mit Blick aufs Meer und weitere Inseln begeben. Und man kann in aller Ruhe schauen, genießen, träumen. Vielleicht von Aegina, der liebreizendsten der zwanzig Töchter des Flusses Asopos? In sie verliebte sich Zeus, so wird erzählt. Und um sie vor seiner eifersüchtigen Frau Hera zu verbergen, brachte er die Schöne auf die Insel Oinone, die nach ihr den Namen Aegina bekam. Doch Sisyphos, König von Korinth, verriet die Entführung und wurde dafür schwer bestraft, er musste einen großen Stein auf die Spitze eines Berges wälzen, der immer wieder von dort hinabrollte. Eine andere Mythologie berichtet von Aiakos, der erfolgreich auf dem Berg Hellanion (heute: Oros) zu Zeus um Regen betete. Für die Fischer der Insel gilt noch heute, wenn sich eine Wolke über dem Berg bildet, wird Regen kommen. Nachkommen von Aiakos sind Archiles und Ajax, Helden des Trojanischen Krieges.

Hier in Aegina-Stadt, in seinem weißen Haus, schrieb vor fast 50 Jahren Nikos Kazantzakis seinen weltberühmten Roman "Alexis Zorbàs". Und George Finlay schrieb hier die "Geschichte der griechischen Revolution". Von hier regierte Kapodistrias, Grieche und zugleich Diplomat in russischen Diensten (er vertrat den russischen Zaren Alexander I auf dem Wiener Kongreß). 1827 wurde Kapodistrias der erste Präsident Griechenlands, wohnte und arbeitete im Markellos Turm (Rosa Turm). Und Aegina-Stadt war für zwei Jahre die erste Hauptstadt des neuen griechischen Staates.

Die Insel Aegina ist beschaulich und überschaubar. Baden im Meer (im Frühherbst hat das Meer noch herrliche fünfundzwanzig Grad Wassertemperatur und läd nicht nur zum Morgenbad in stillen Buchten ein), Wanderungen über die Insel, Besichtigungen. Einige Kilometer nördlich von Aegina-Stadt arbeitete und wohnte in den Sommermonaten der Maler und Bildhauer Cristos Capralos (den Winter verbrachte er in Athen), dessen Werke auch in Museen in Europa, USA und Japan zu bewundern sind. Sein Atelier ist nun Museum und kann besichtigt werden. Zwischen Aegina-Stadt und dem Touristenort Aghia Marina liegt das Kloster Agios Nektarios. Hinter dem Kloster erhebt sich ein Hügel, auf dem viele kleine Kirchen erbaut wurden. Von dort sind es nur wenige Kilometer bis zum Heiligtum der Afaia. Diese Tempelanlage, 300 m über dem Meer gelegen, mit herrlichem Ausblick auf das Meer und über die Insel, ist zu Ehren der kretisch-mykenischen Göttin Afaia (die Unsichtbare) errichtet worden. König Minos soll sich in sie verliebt und ihr nachgestellt haben. Sie floh vor ihm und stürzte dabei ins Meer. Fischer sollen sie gerettet und nach Aegina gebracht haben. Der heutige Tempel, es ist der dritte an dieser Stelle, wurde um 490 v.Chr. errichtet. Im Süden der Insel liegt das kleine Fischerdorf Perdika (das Rebhuhn). Hier kann man nicht nur in einer der Tavernen am kleinen Hafen essen, sondern sich von einem Fischer auf die nahe gelegene unbewohnte Insel Moni übersetzen lassen. Nach zehn Minuten Bootsfahrt betritt man den Eiland und wird begrüßt: Pfauen kommen als erste und betteln um Futter, etwas scheuer sind das Rotwild und die Steinböcke. Doch auch sie fressen einem aus der Hand. Ist man einmal der Stille von Aegina überdrüssig, kann man einen Tagesausflug machen, mit einem Fährschiff nach Piräus und von dort mit der Metro oder dem Bus nach Athen fahren. Oder auf eine der anderen Inseln (Angistri, Poros, Hydra), vielleicht auch einen Tagesausflug auf den Peleponnes unternehmen: nach Nafplion (der 2. Hauptstadt nach Aegina) und nach Mykene (vor 3500 Jahren die führende Stadt Griechenlands, Stadt und Burganlage des Agamemnon und sein Grab sind große Sehenswürdigkeiten), Argos (gilt als älteste Stadt Europas, die ohne Unterbrechung bewohnt ist) und Epidaurus (das Epidafros: das alte Theater und antiker Kurort).

Am Abend ist ein Bummel durch die beschaulichen Altstadtgassen von Aegina-Stadt ein Genuss für Augen und Nase. In einem der kleinen Läden Pistazien erstehen (es gibt sehr große Qualitätsunterschiede, deshalb lieber für etwas mehr Geld frische kaufen, als die billigen vom vergangenen Jahr), schlendern, dabei die Schalen aufpulen und die Frucht naschen. In den kleinen Tavernen kann man mehr oder weniger gut griechisch essen. Später an der Hafenpromenade von Aegina noch bei Wein, Bier oder auch Kaffee sitzen und dem Treiben auf der Promenade und auf den Sportjachten zusehen. Oder einfach nur träumen: von den Schönen, von Afaia und Aegina.
 
 

Venedig und zurück
 
Ich jage mit dem Auto über die Straße, hetzte Punta Sabbioni entgegen. In zwanzig Minuten geht die Fähre. Alle Stunde Richtung Venedig. Die großen, tongrauen Felder huschen dahin, noch fünfzehn Minuten. Eingerahmt sind die Flächen von den grünen Grasböschungen der Entwässerungsgräben. Noch zwölf Minuten. Die Weiden gleichen aufgestellten Igeln, Stamm und viele lange Stacheln, die Pappeln gleichen abgenagten Fischskeletten. Noch sieben Minuten und der feuchte, salzige Gestank wird durch die Autoheizung noch verstärkt. Noch drei Minuten und trotz 120 Kilometer pro Stunde noch wie viele Kilometer entfernt? Schon bei der Abfahrt wusste ich, dass ich nicht rechtzeitig ankommen würde. Aber was bedeutet schon rechtzeitig? Ich würde die ZehnUhrFähre nicht erreichen, um elf geht das nächste Schiff. Ich habe Urlaub. Zu schnell fahre ich zwischen Imbiss-Kaffee-Eisbuden und Parkplatzanbietern der Fähre entgegen. Ich sehe sie. Unbeweglich abwartend, leblos liegt sie am Ponton. Vor dem Kassenhaus an der Sperre steht eine lange Schlange nervöser Touristen nach Fahrkarten an. Auch ich stehe an. Als ich nicht mehr am Ende, sondern schon Mitte der Schlange bin, legt sie ab. Concordia, schwarzgelb gestrichenes Eisen. Der verbliebenen Schlange zum Hohn ertönt das Typhon: Tschüss.

Wenn Du von Punta Sabbioni mit der Fähre nach Venedig reist, dann siehst Du den Campanile von San Marco. Schwer steht der fast 100 Meter hohe Turm, trutzig, 1906 in sich zusammen gekracht, 1912 wieder aufgebaut. Du erblickst die Gondeln, die zwischen krummen Holzstangen dümpeln. Die Piazetta tut sich Deinen Augen auf, noch überschaust Du das Menschengewimmel. Du betrittst den Ponton Venedig. Wirst gerempelt, nach vorne gestoßen, läufst auf die Menschenmasse auf, die auf einer Brücke stehend, die Seufzerbrücke in Kodakchrom oder Agfacolor nach Deutschland, Frankreich, Amerika, Japan entführt.

Ich schlängle mich durch die Ameisenströme Rialto entgegen, haste über die klotzige Brücke dem Markt zu. Erstehe Pistazien und verliere mich in einem kleinen Stück Sackgasse am großen Kanal. Endlich Ruhe. Keine Schulklasse mit den billigen, weißen Kapitänsmützen oder den Strohhüten auf den Köpfen. Helle Sonnenstrahlen, die Steine sind warm. Ich sitze auf dem Pflaster, die Beine baumeln über dem Wasser. Ich lasse die Pistazienschalen vom Stapel, produziere Boote. Eine ganze Armada dümpelt von mir hier aus in die Welt. Eine Welle, von einer Fähre ausgehend, vernichtet die Flotte. Die Fahrt in die Welt war einige Minuten und Meter. Canal Grande: Eine Fähre von links, Müllboot, Gondel, Frachtboot von rechts, Polizeiboot, Grünes-Kreuz-Boot. Und dicht bei mir: Apfelsinenschalen, Zitronenscheiben, schlangenartige Kondome und Binden, die ihr Blut schon wieder abgegeben haben. Ich sitze alleine an der Hauptverkehrsader der Stadt, die Sonne durchwärmt mich. In gebührender Entfernung streifen kleine, dürre Katzen mit rötlichbraunweißem Tigerfell um mich herum, auf der Suche nach Fressbarem. Die hunderte Pistazienschalen liegen auf dem Grund des Kanals, wie die venezianischen Galeeren irgendwo im Mittelmeer.

Ich stehe auf und schlendere ziellos durch die engen Gassen. Werde von Einheimischen überholt, die zum Mittagessen streben. Gehe Umwege, verlaufe mich in den Sackgassen. In einer Trattoria esse ich eine Pizza, Neapel in Venedig. Wie das neapolitanische o sole mio der venezianischen Gondoliere. Ein Großfoto vom Markusplatz hängt an der Wand, schwarzweiß. Kein Mensch ist darauf zu sehen, nur Tauben, die quer über den Platz am Boden den Schriftzug Coca Cola bilden. Hinter einer Schaufensterscheibe sind die traurig erscheinenden Karnevalsmasken ausgestellt. Daheim wird man sie auf dem Dia sehen, mit der Scheibe und der Spiegelung des Touristen: Körper, Kopf mit einem und der Kamera als zweitem Auge.

Mai in Venedig, Polizisten regeln den Fußgängerverkehr in den Gassen zwischen den Hauptsehenswürdigkeiten. Polizisten spielen mittelalterliche Torwache, lassen nur Venezianer und Touristen mit Hotelschein nach Venedig hinein. Zweihunderttausend Touristenmenschen an einem Sonntag. Ich gehe Richtung Arsenal, dann die Via Garibaldi, trinke einen Espresso im Stehen. Auf der Isola di San Pietro ist das untouristische Armenhaus. Kochdünste, vereinzelte Rufe, Vogelgesänge aus den vor den Fenstern gehängten Käfigen. Im Gras auf dem Rücken liegend sehe ich dem Wolkenziehen nach. Nebenan ist eine kleine Bootswerft. Schlagen der Hämmer auf Holz und Eisen dringt zu mir. Die Sonne spiegelt sich im Kanalwasser. Hier ist für mich Venedig. Augen und Ohren verschlossen, so warte ich am Kai der Riva degli Schiavoni auf die Fähre zurück nach Punta Sabbioni. Das Boot ist leer, das Tuckern des Dieselmotors verbreitet sich über das Wasser der Lagune. Hinter dem Palazzo Ducale geht rot die Sonne unter, Venedig wird kleiner, leiser, versinkt im Abschied.
 
 

Luigi e Paula 


Luigi, dreiundzwanzig Jahre alt, im roten Alfa, Hommage an die in Italien gebauten Rennwagen. Rot, rote Alfa, Enzo Ferraris konstruierte Wunderwerke. Luigi, schwarze Locken, im roten Alfa auf der Autobahn. Paula, dreiundzwanzig Jahre alt, im roten Alfa, neugierig, freudig, abwartend gespannt. Paula, blonde, glatte Haare an die Schulter reichend, unsicher vor dem Urlaub in Italien.
     Sie lieben sich. Paula, Versicherungsangestellte im grauen Betonkubus mit den vielen Fenstern, in die man nicht hineinschauen kann, aus denen es nicht lohnt zu sehen, wenn man nicht grauen Beton und schwarze Glasflächen anderer Kuben sehen will. Luigi, Kellner in der Pizzeria im Fuß des Betonmolochs, aufgemotzte Einheitskneipeneinrichtung, Bier vom Faß, Mittagsaufenthaltsraum für die Büroisten. Bella Italia für eine halbe Stunde. Die tägliche Urlaubsreise für Paula, die wehmütige Erinnerung an eine ferne Heimat für Luigi.
     Kurz vor Karlsruhe wird der Verkehr dichter, der rote Leopard wird zur Wegschnecke. Italien rückt weit weg, die Sonne brennt und bringt Italien doch schon in den Alfa.
     Luigi lacht auf, »Carlo«, sagt er, »Carlo hat mir immer die gleiche Geschichte erzählt. Ich war Beifahrer bei Carlo, zehn Jahre alt und schon Beifahrer. Ich mußte be- und entladen. Immer, wenn wir in einen Stau kamen, erzählte er mir die Geschichte.« Luigi lacht erinnernd.
     Paula schaut ihn auffordernd an: »Erzähle!«
     »Heiß war es, heiß. Und Durst, Durst hatte ich und müde, immer war ich müde von der vielen Schlepperei. Und dann der Stau, kein Fahrtwind, keine Erfrischung.«
     Paula fühlt die Wortbedeutungen körperlich.
     »Heiß war es. Carlo sagte, kurble das Fenster ganz herunter. Wenn wir Glück haben, dann kommt der grüne Staufresser. Er kann nur kommen, wenn das Fenster offen ist.«
     Paula ertappt sich, wie sie das Seitenfenster schließen will. Luigi bemerkt es, sie lachen, verlegen Paula, überlegen Luigi.
     »Wenn die Fenster offen sind, dann kann der Rüssel ins Fahrerhaus. Er saugt dich heraus aus dem Kasten und du rutschst durch einen dunklen Schlauch.«
Rote, grüne, gelbe, blaue Klumpen Blech stehen auf dem grauen Betonband Autobahn, versinken in ein Koma. Auch Luigi stellt den Motor ab. Schweißige Rinnsale überziehen Paulas Haut, durchweichen örtlich den dünnen Stoff ihres Kleides, ziehen ihn fest an ihre Haut.
     Paula ist in sich versunken, hat die Augen geschlossen. Vor ihrem inneren Auge wird es hell, sie meint, die Augen schmerzen. Eine grüne Wiese mit Gänseblümchen und Löwenzahn fängt Paula weich auf. Ein Eis, Vanille, ist in ihrer Hand, kühlt ihre Zunge. Der Geschmack ändert sich in Erdbeer, Himbeer, Schokolade, Nuß und wieder Vanille. Der Eisstrom fließt Gletscherwasser gleich in sie hinein. Mit der linken Hand hält sie sich an der Kette der Schaukel fest. Schwarze Lackschuhe mit Silberschnalle, weiße Söckchen, hellbraune Haut sieht sie im Rhytmus des Schaukelns unter dem rosa Saum des Kleidchens auftauchen. Vor ihr steht ein Junge, schwarze Wuschellocken, große, unendlich tiefe, braune Augen. Die Nase ist etwas groß. Verlegen und doch neugierig betrachtet er sie. Willst Du mal beißen? Es ist türkischer Honig. Und dabei betrachtet er das schmale Gesicht des Mädchens auf der Schaukel, die goldgelben Locken fallen wie gedrechselt auf ihre Schultern, weiße Bänder mit Schleifen ordnen und schmücken kontrastierend die Wogen der Haarlocken. Mit den Füßen hält der Junge einen hellbraunen Lederball in der Luft, links, rechts, ein kleiner Rastelli. Die anderen Jungen versuchen den Ball zu erkämpfen. Immer wieder geschickte Körperdrehungen und Dribbeln, Slalom mit Ball auf grüner Wiese. Das Ziel taucht auf, noch einen umspielen, dann schießen. Er wirft die Arme schon in die Luft, noch ehe der Ball im Tor ist. Jubel, sie haben gewonnen. Das Mädchen kommt auf den Jungen zu, kokett verlegen, einen Kuß auf seine verschwitzt gerötete Wange, Siegerlohn. Er nimmt ihre Hand. Sie freut sich, fühlt ihre Überlegenheit und die neidischen Blicke der anderen Mädchen. Sein Gesicht kommt ihr bekannt vor.
     Es rüttelt und wird laut, der Motor heult auf, erster Gang, zweiter, dritter Gang. Es ist das Gesicht von Luigi.
     »Und Carlo behauptete, daß sich im Bauch des grünen Staufressers Träume erfüllen würden. Ich«, so sagt Luigi erinnernd, »musste dann immer eine Geschichte erfinden.«

     Luigi lacht in sich hinein, schaut auf das graue Straßenband vor sich, gibt Gas. Der Fahrtwind trocknet die Seen und Flüsse auf Paulas Haut, und sie fährt schweigend und in sich versunken neben Luigi nach Italien.





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