Matthias Brockmann     -
Zwei Rezensionen von Alfred Büngen über
- Herr Luk und Mademoiselle Marianne und weitere Geschichten.
- David oder die Villa Barbaro in Amerika.


Herr Luk und Mademoiselle Marianne und weitere Geschichten.
Rezension von Alfred Büngen
... und weitere Geschichten. Der Leser fühlt sich unmittelbar an die Figur des traditionellen Geschichtenerzählers erinnert, der seinen Hörern mit tiefster Emotionalität von dem Handeln seiner Helden erzählt. Helden - wer sind die Helden in einem heutigen Zeitalter von Identitätsverlust und Konformität, gibt es sie überhaupt noch, darf es sie überhaupt noch geben?
Brockmann gibt liebevolle Antworten in 12 Geschichten. Menschen werden dann zu lebendigen Figuren, dann zu erzählenswerten Bildern, wenn sie ihre individuellen Stärken und Schwächen leben, sich selbst entdecken und sich mit ihren Schwächen, die vielleicht sogar öfters ihre Stärken sind, entwickeln. Die Grenzen gesellschaftlicher Normierung werden dabei umgangen, jedoch lässt Brockmann seine Figuren niemals in offene Rebellion verfallen. Herr Luk, der alternde Französischlehrer, betrachtet seine französische Schaufensterpuppe Mademoiselle Marianne als beinahe ideale Lebenspartnerin, wenn sie denn kochen könnte. Der Handwerker Hüppenspahn verstrickt sich für den Rest seines Lebens in ein alkohol-erotischen Verhältnis mit der Hausbesitzerin Meiersohn. Der halbfertig studierte Ingenieur Hans Martin flieht vor der so lange erhofften Auszeichnung einer Erfindung und einem Berg von Geld. Der männliche Autor in der Frauenliteraturgruppe kämpft seinen verzweifelten Kampf um leckere Plätzchen (für diese Erzählung erhielt der Autor den Völklinger Senioren-Literatur-Preis), das besondere Verhältnis zwischen einem älteren Mann und einem 17jährigen Mädchen. die Schwestern, die in der Abneigung gegen die Männer ihre Liebe zueinander entdecken, vor allem auch alte Rechte Hermann, der seine Zuneigung zu türkischen Mitmenschen entdeckt. Viele andere Figuren mit Eigenarten und Besonderheiten, selbst der entmachtete Politiker AKM bleibt eine verständliche Person. Fast immer spielt die sehr offen skizzierte Sexualität der Erzählfiguren eine besondere, aber doch ständig andere, weil individuelle Rolle - Befreiung, Unterdrückung und Abhängigkeit, Lust, Zuneigung, Neugierde, Herrschaft und vieles mehr. Kein Buch von Außenseitern, kein Buch von extravaganten Besonderheiten, vielmehr das Buch von sehr alltäglichen Helden, die in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Realität versuchen, ihre kleinen Identitäten zu erhalten. So gibt es kein positiv, kein negativ, kein richtig und auch kein falsch. Die Erzählungen sind nichts anderes als die Liebeserklärungen des Autoren an die kleinen Individualitäten unser Gesellschaft. Und die sind ein wichtiger Trost in unserer täglichen Normierung. Gut, dass wir sie haben, unsere Geschichtenerzähler.

David oder die Villa Barbaro in Amerika.
Rezension von Alfred Büngen
Individuelle Lebensanalyse oder literarisch-philosophische Standortbestimmung, kulturkritische Auseinandersetzung - zumindest eine vielschichtig strukturierte Erzählung des Senioren-Literatur-Preis-Trägers von Völklingen, Matthias Brockmann, die eine quantitativ und qualitativ 'große' Leserschaft verdient.
"Das eigene Erlebte vermischt sich mit dem Erzählten. Heute, gestern, morgen, vorgestern. Alles gerät mir durcheinander. Und doch ist es für mich ein Ganzes." Treffende Charakterisierung der Struktur der Erzählung, der Titelfigur, des Inhalts - reales und historisches Geschehen, materielle und idealistische Weltauffassung, amerikanische und europäische Geschichtsauffassung, Leben und Krieg, ein erster Absturz und Pflege durch den väterlichen Freund, ein zweiter Absturz und Pflege durch bezahltes Personal, sorgsam wird das Geschehen von Brockmann entfaltet. Die Erzählung entwickelt dabei keine Chronologie der Ereignisse, vielmehr eine Chronologie der Widersprüchlichkeiten, die sich im Leben eines Individuums wieder vereinen, zu einem Ganzen werden, nicht zwangsläufig zu einer weiterentwickelten Synthese. Ebenso gut möglich, wenn nicht wahrscheinlicher, entwickelt das Ganze ein zerstörtes Individuum. Nein, Brockmann erklärt nicht das Denken einer Generation, vielmehr das Denken einer individuellen Figur, und zugleich illustriert diese Vorgehensweise doch ein Teil jenes Denkens eines amerikanisch-europäischen Bildungsbürgertums.
Auffällig ist dabei die geschickte Einbindung der Titelfigur David in soziologische Herkunftsdimensionen. David wird von Brockmann aus seiner direkten Familie isoliert. Zwar erhält er den Reichtum seiner Familie, doch bleibt er geschwisterlos, üben seine Eltern keine Erziehungsfunktion aus, erziehen ihn die armen Dienstboten. Ideologischer und moralischer Einfluss erfolgt durch die Generation der Großväter und durch das 'gesunde, einfache' Volk der Dienstboden mit ihrem natürlichen Erziehungscharme. Zwei Rückschlüsse erweisen sich als möglich. Zum einen erscheint die bildungsbürgerliche Familie viel zu dekadent - das lustorientierte Verhalten der Eltern deutet daraufhin, Davids eigene Beziehungsunfähigkeit zu Hannah ist ein weiterer Beleg - zur Erziehung ihrer eigenen Kinder. Selbst als das Kind David die rational materialistischen Grundsätze der Elterngeneration anwendet, Rasen ins Wohnzimmer pflanzt und gießt, erfolgt keinerlei Akzeptanz des Kindes durch die Eltern. Die Vorstellung mit Hannah Kinder zu haben, gerät David am Ende sogar schon zu einem Alptraum. Der zweite Rückschluss vereinfacht dem Autoren und einem Bildungsbürgertum eine idealistische Erklärungsweise der Herstellung eines Bewusstseins. Im 'natürlichen' Volk aufgewachsen, bleibt der Mensch offen genug, sich den künstlerisch-philosophischen Gedanken einer Großvatergeneration zuzuwenden. Gleichwohl bedarf es schon eines Unfalls - wohl kaum zufällig wurde dafür die Flugzeugunfallvariante gewählt - um sich in die Auseinandersetzung mit den Ideen und Architekturen eines Palladios (dem Baumeister aus der Renaissance und zugleich maßgeblichen Wegbereiter des Klassizismus), den Malereien von Paolo Veronese oder gar den Gedanken eines Jan Zamoyski, jenes Großkanzlers des polnischen Königs und Verwirklicher der idealen Stadt Zamosz, zu begeben.
Die Beschäftigung mit dieser europäischen Kulturtradition auf einem amerikanischen Erzählhintergrund wird dadurch gelöst, dass die Vertreter der Großvatergeneneration Peter und Paul (interessanterweise vereinen sich in diesem Großvaterpaar Geist und Geld in einer Aktivität, der einzigen Synthese der Erzählung)) einen originalgetreuen Nachbau der Villa Barbaro, Palladios letztem Bauwerk, in der Einsamkeit Hot Springs errichten, die gelungene Verbindung amerikanischer und europäischer Kultur. Durch eine äußere Krise gerät David in eine Entscheidungssituation, hier erfolgreiche Karriere, dort existentiell geistige Befriedung, die er bis dahin nicht kannte. Er stürzt mit dem Flugzeug ab, wird von Paul gerettet und in der Abgeschiedenheit jener nachgebauten Villa gesundgepflegt. Wesentliche Erkenntnis dabei, die Vermittlung der geistigen Werte läuft über die individuelle Zuneigung Davids zu Paul (auch zum andren Großvaterteil Peter entwickelt David eine emotionale Beziehung), der eine idealistische Figur im Stil klassischer amerikanischer Kurzgeschichtenerzähler darstellt. "Dieses Gefühl der Geborgenheit verlieh mir Ruhe und Kraft,..." Der Tod Pauls setzt dieser Entwicklungslinie konsequenterweise ein Ende, bedeutet für David vorerst den Rückfall in die alte materialistische Geschäftigkeit, das Zerbrechen eines Ganzen.
Der Versuch Davids ein neues Ganzes über die Verbindung mit Hannah, die professionell als Kunsthistorikerin die Restaurierungsarbeiten an der Villa Barbaro leitet, herzustellen, muss zwangsläufig scheitern. Hannah verkörpert nicht den Idealismus eines Pauls. Und so bleibt ihm die so geliebte Villa bei einem erneuten Besuch fremd. "Mit Erstaunen und zugleich auch mit dem Entsetzen des Gefühls der Verlorenheit sah ich, dass das Haus ganz anders war, als es in meiner Erinnerung für immer und ewig festgehalten ist...Die Wirklichkeit war mir fremd, passte nicht zu meinem Bild, zu dem ich gefahren war.." Die erneute äußere Krise- ein weiter Flugzeugunfall Davids -, die nicht kalkulierbaren Unwägbarkeiten der Geschichte werden von Brockmann betont, führt beinahe zu seiner völligen Vernichtung. Nur Hannahs rasches Eingreifen rettet ihn. Doch die erneute Herstellung seiner Gesundheit erfolgt nun mittels professioneller Hilfe, Hannah spielt dabei eher eine Nebenrolle, führt ihn jedoch keineswegs zu neuen Inhalten und Erkenntnissen. Wenn auch mit Alpträumen, so bildet sich für David doch ein neues Ganzes. Die Villa Barbaro wird zu einem "...Freilichtmuseum. Durchzogen von Popcorn mampfender amerikanischer Familien, mittendrin Hannah mit zwei Kindern an den Händen. Und ich: telefonierend, kaufend, verkaufend, ein verlegenes Lächeln für die vielen Videokameras und für die Bemerkungen: Nice, very nice." Der Traum eines traditionellen europäischen Humanismus hat seine Basis schon längst verloren, und es liegt nicht an dem Unwillen der Träger der Ideen.
Eine auch sprachlich ansprechende, feinsinnige Erzählung, in der es Matthias Brockmann sogar noch gelingt, kritische Anmerkungen ("manische Besessenheit der Künstler zur egozentrischen Langeweile") zur modernen Literatur und Kunst einzubinden. Endlich wieder ein Buch, das einen intensiven literarischen Diskurs ermöglicht.
 
 
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